Handball: „Wir sind jetzt die Gejagten“

Co-Trainer Max Rinderle weiß: auch in der nun beginnenden Saison gehören die Füchse Berlin zum engen Favoritenkreis.
zVg/RinderleMaximilian Rinderle durfte als Co-Trainer vor einigen Wochen die Deutsche Meisterschaft mit den Füchsen aus Berlin feiern. Der in Zell im Wiesental aufgewachsene Papa zweier Kids startet mit seinem Team am Wochenende in die neue Bundesliga-Saison. Die Generalprobe ist mit dem Supercup-Sieg jedenfalls geglückt. Über den Titelgewinn, die weiteren Ziele und Welthandballer Mathias Gidsel hat sich unser Freier Mitarbeiter Mirko Bähr mit dem 38-Jährigen unterhalten.
Max, erst einmal Glückwunsch zum Gewinn des Supercups. Wie wichtig ist dieser erste Titel in der neuen Saison?
Dieser Sieg war für uns in zweierlei Hinsicht wichtig. Zum einen wollen wir jede Chance auf einen Titel nutzen, denn so etwas kommt nicht allzu häufig vor. Wir wollten gewinnen, egal, welchen Stellenwert der Supercup auch hat. Zum anderen gilt es mit einem guten Gefühl in die neue Saison zu starten, und was gibt es da Besseres als den Supercup in ausverkaufter Halle in München. Super, dass wir ihn nun zum zweiten Mal in Folge gewonnen haben.
Zum Auftakt der neuen Bundesliga-Saison wartet am Sonntag der Bergische HC auf die Füchse. Da ist der Sieg doch sicherlich fest eingeplant, oder?
Es überwiegt auf alle Fälle die Vorfreude. Die Vorbereitung ist Geschichte, die neue Runde geht los. Auch für dieses Spiel war der Supercup auf absolutem Wettkampfniveau nicht unwichtig. Wir wollen gewinnen, auch wenn der Bergische HC als ambitionierter Aufsteiger antritt. Am Ende des Tages müssen wir unserer Favoritenrolle im Fuchsbau gerecht werden.
Blicken wir doch nochmals zurück. Die Füchse wurden erstmals Deutscher Meister. Was bedeutet Dir dieser Titel mit einem Abstand von einigen Wochen?
Irgendwie ist der Titel aufgrund der Vorbereitung, dem Trainingslager, dem Urlaub und des Supercups gefühlt eine Ewigkeit her, andererseits ist er erst auch nur zur Hälfte realisiert. Es war eine ebenso anstrengende wie unglaubliche Saison. Toll, wenn man am Schluss die Meisterschale hochheben kann. Ehrlich. Es ist auch ein Gefühl des Stolzes. Es wird einem immer mehr bewusst, dass nicht viele Vereine, Handballer, Trainer und Co-Trainer dieses Gefühl erleben dürfen. Auffällig war, wie viele Spieler, die bereits im Ausland tätig waren, davon sprachen, dass das der schwerste Titel ist, den man in Europa auf Landesebene im Vereinshandball gewinnen kann. Das zeigt uns immer wieder, was wir da geleistet haben. Das macht uns Stolz und Freude, aber gibt uns auch den Antrieb, das nochmals zu erleben.
Warum sind denn die Füchse am Ende ganz vorne gelandet?
Das lag an vielen Dingen, da ist es schwer, einzelne Punkte herauszupicken. Klar ist, wir haben in der Rückrunde kein einziges Bundesligaspiel verloren. Die Mannschaft, gerade auch die jungen Talente, haben eine unfassbare Entwicklung gemacht, oft Nervenstärke bewiesen, und wir sind immer bei uns geblieben. Wir haben schönen Handball gespielt. Da war viel Offensivrauch mit enormen Tempospiel, aber auch ein einzigartiger Wille und großer Einsatz in der Abwehr. Die Nachbetrachtung hat großen Spaß gemacht. Auffällig in der Analyse war auch die Ballgeschwindigkeit. Wie gesagt: Viele Bausteine haben dazu geführt, am Ende ganz vorne zu stehen.
Die Saison war lange und kräftezehrend. Wie urlaubsreif war der Co-Trainer?
Oh ja. Auch der Co-Trainer war urlaubsreif. Gerade die letzten beiden Monate der vergangenen Saison waren sehr intensiv. Gefühlt war jedes Spiel das wichtigste in der Vereinsgeschichte. Alle haben gemerkt, dass es real wird. Und nach dem Titelgewinn stand auch noch das Champions League-Finale vor der Brust. Es gab Hochs und Tiefs, aber alles war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Das hat wirklich viel Energie gekostet, um so mehr habe ich mich auf den Urlaub mit der Familie gefreut. Wir haben viel gemeinsame Zeit auf Fuerteventura und Kopenhagen verbracht. Das war sehr erholsam, vor allem weil wir die Möglichkeit hatten, das alles als Familie miteinander zu genießen. Und ich habe es geschafft, ein, zwei Wochen lang den Handball aus dem Kopf zu verlieren.
Apropos Handball. Wie beruhigend ist es denn, einen Mathias Gidsel in seinen Reihen zu haben?
Ja, das tut oftmals schon gut, wenn man Mathias bei sich im Team hat. Aber er ist nur so gut, wie ihn seine Mitspieler machen. Das Tolle ist aber auch, dass Mathias seine Mitspieler besser macht. Es ist ein Geben und Nehmen.
Musst Du manchmal selbst staunen, wenn Du siehst, was Gidsel auf dem Feld so anstellt?
Er verfügt über eine unfassbare Qualität. Und innerlich denke ich mir schon manchmal, und da geht es mir wie vielen Menschen, die Handball spielen oder gespielt haben: Nein, das hätte ich nun so wirklich nicht hinbekommen. Er ist ein Ausnahmetalent und es macht große Freude ihm zuzuschauen.
Kann ihn ein Trainerteam überhaupt noch besser machen?
Mathias will besser werden und er verlangt es auch von jedem anderen. Ich glaube, wenn wir als Trainer ihn nicht besser machen wollen würden, wäre das alles andere als vorteilhaft für unser Verhältnis. Natürlich sind es bei so einem ausgezeichneten Spieler Kleinigkeiten, aber er geht in jede neue Saison mit dem Ansporn, eine spezielle Sache besser zu machen. Und dasselbe fordert er auch von seiner Mannschaft. Was wären wir denn für ein Trainerteam, wenn wir das nicht unterstützen und ihm nicht unsere Vorstellungen unserer Art von Handball vermitteln würden.
Wenn wir schon beim Trainerteam sind. Jaron Siewert und Du, so scheint es, sind das perfekte Duo.
Nur wegen des Titels ist die Zusammenarbeit mit Jaron nicht plötzlich auf einem neuen Level. Es ist wie in all den gemeinsamen Jahren zuvor. Wir arbeiten gerne zusammen und über all die Jahre vertieft sich diese Zusammenarbeit natürlich. Wir sind Freunde, wir ergänzen uns gut, sprechen eine Sprache. Wir verstehen uns und akzeptieren auch die Meinung des anderen. Er fordert beispielsweise auch Vorschläge von mir ein. Es ist einfach toll, wenn man sieht, was wir mit all den anderen aus dem Staff erreicht haben. Das spornt uns alle an. Wir wollen nicht nachlassen, sondern noch besser und härter arbeiten, um gemeinsam möglichst viele weitere Erfolge zu feiern.
Was steht denn da bei euch auf der Wunschliste? Titelverteidigung, Champions League, DHB-Pokal?
Zunächst einmal sollten wir uns als Deutscher Meister nicht kleiner machen als was wir sind. Wir gehen in jeden Wettbewerb, um ihn zu gewinnen. Dieses Verlangen haben wir, ohne aber die Leistungsdichte zu vergessen. Es geht eng zu, es gibt viele gute Mannschaften wie Magdeburg, Flensburg, Kiel oder Melsungen. Nicht zu vergessen die vielen anderen Teams, die noch dazu kommen, und dich in der Bundesliga, Champions League oder im Pokal an diesen Tagen schlagen können, an denen es bei dir einfach nicht gut läuft. Wir gehen die Sache mit einer Mischung aus großem Selbstvertrauen und nötigem Respekt an. Wir wissen genau, auf welche Qualität wir stoßen. Nun sind wir Gejagten und müssen nochmals eine Schippe drauflegen. Darauf sind wir gewappnet, diese Herausforderung nehmen wir gerne an.
Seit einigen Wochen wird wieder trainiert. Wie lief die Vorbereitung und wie haben sich die Neuen integriert?
Beide Neuen haben sich top integriert. Bei Aitor Arino merkt man, dass das ein Vollprofi ist. Er hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er hat eine unglaublich positive Ausstrahlung, er will immer gewinnen. Er geht in jedes Training als sei es sein letztes. Er ist eine absolute Bereicherung als Ergänzung zu Tim Freihöfer. Auch Tobias Grondahl ist gut angekommen. Als Spieler auf Rückraum ist es aber etwas komplexer. Bis er die Spielzüge und taktischen Varianten verinnerlicht, und so beherrscht wie die Teamkollegen, die teilweise seit Jahren zusammen spielen, wird es sicherlich noch etwas dauern. Aber ich bin zuversichtlich, dass er sich schnell bestens zurechtfindet. Er arbeitet hart und ist ein extrem cleverer Spieler. Tobias wird uns neben Nils Lichtlein deutlich flexibler machen.
Bleibt noch die Frage nach Deiner Zukunft bei den Füchsen. Wirst Du auch über die Saison hinaus Co-Trainer in Berlin sein?
Ich bin superglücklich in Berlin, wir sind amtierender Deutscher Meister. Ich fühle mich sehr wohl, auch was die Zusammenarbeit mit Jaron und dem Verein anbelangt. Ich denke von Jahr zu Jahr. In dieser aktuellen Konstellation haben wir den Titel geholt. Nun geht es weiter. Ich konzentriere mich voll und ganz auf das Tagesgeschäft. Alles andere, was da kommen mag, oder eben nicht, lasse ich auf mich zukommen. Ich freue mich auf die kommenden Aufgaben und will mich und alle Spieler weiterentwickeln.