Zeitzeuginnen im Schwarzwald-Baar-Kreis
: „Wie kann man mit kleinen Kindern so umgehen?“

Was sie in der „Kur“ in Bad Dürrheim und Königsfeld erlebten, hat bei zwei Frauen tiefe Spuren hinterlassen – und nicht nur bei ihnen.
Von
Daniela Schneider
Schwarzwald-Baar-Kreis
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In der aktuellen Ausstellung im Landratsamt ist auch diese Aufnahme zu sehen. Sie zeigt Kinder bei der Liegekur in Bad Dürrheim 1967. Zwei Zeitzeuginnen berichteten nun außerdem von ihren Erlebnissen.

In der aktuellen Ausstellung im Landratsamt ist auch diese Aufnahme zu sehen. Sie zeigt Kinder bei der Liegekur in Bad Dürrheim 1967. Zwei Zeitzeuginnen berichteten nun außerdem von ihren Erlebnissen in Kurheimen wie diesem.

Daniela Schneider
  • Zwei Frauen schildern im Landratsamt traumatische Kinderkuren in Bad Dürrheim und Königsfeld.
  • Sie berichten von Drill, Schweigen, Esszwang, verweigertem Toilettengang und Medikamenten.
  • Die „Kinderverschickung“ lief von 1950 bis fast 1990 – Millionen Kinder waren betroffen.
  • Historiker arbeiten auf, heute setzen Klinik und Jugendamt auf Fehlervermeidung und Schutz.
  • Die Ausstellung im Landratsamt Villingen-Schwenningen läuft noch bis zum 31. Juli.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Sie waren noch klein, vier und fünf Jahre alt, als es auf die Reise ging. Die beiden Mädchen Barbara und Angela wurden in den 1960er-Jahren wie Millionen anderer Kinder in Kurheime „verschickt“. In ihrem Fall waren Bad Dürrheim und Königsfeld das Ziel, das Haus Hohenbaden, auch als DRK-Kindersolbad bekannt, und die Villa Dedié. Beide Einrichtungen waren in gewisser Weise unterschiedlich, aber funktionierten insgesamt doch im Stile so vieler in der alten Bundesrepublik.

Heute sind die Mädchen von damals nicht mehr klein, Barbara Zander und Angela Koch sind lebenserfahrene Frauen. Beide sind sie Mutter und Großmutter – und beide haben ihr Leben lang an ihren Erlebnissen aus der Kinderkur bis heute schwer zu tragen. Wer bei dem Zeitzeugengespräch mit ihnen im Landratsamt in dieser Woche mit dabei war, wird daran keinerlei Zweifel haben.

Zustande kam die Gesprächsrunde, an der auch Katharinenhöheleiter Stephan Maier und Jugendamtsleiterin Heike Rau teilnahmen, auf Initiative von Kreisarchivar Clemens Joos, flankierend zur aktuellen Ausstellung im Foyer des Landratsamtes, die zu diesem Thema Anfang Juni eröffnet wurde.

Eine schwere Zeitreise

Clemens Joos war es auch, der die beiden Zeitzeuginnen ermunterte, von ihrer Zeit in den Kinderheimen zu berichten, der viele Fragen stellte und den beiden Frauen sehr viel Zeit ließ, ihre Geschichte zu erzählen. So wurden alle Zuhörer mitgenommen auf diese schwere Zeitreise in eine Welt der Pädagogik von gestern, die „für viele Kinder befremdlich und für manche auch traumatisch“ gewesen sei.

Barbara Zander (links) und Angela Koch (Zweite von links) kamen als Kinder nach Königsfeld und Bad Dürrheim. Im Zeitzeugengespräch mit Kreisarchivar Clemens Joos, Klinikleiter Stephan Maier und Kreisjugendamtsleiterin Heike Rau berichteten sie von ihren traumatisierenden Erlebnissen.

Barbara Zander (links) und Angela Koch (Zweite von links) kamen als Kinder nach Königsfeld und Bad Dürrheim. Im Zeitzeugengespräch mit Kreisarchivar Clemens Joos, Klinikleiter Stephan Maier und Kreisjugendamtsleiterin Heike Rau berichteten sie von ihren traumatisierenden Erlebnissen.

Daniela Schneider

Angela Koch kann das nur bestätigen. Ihre Schilderungen gingen unter die Haut. „Es war eine schlimme Zeit, sie hat mich mein ganzes Leben lang geprägt“, berichtete die heute 70-Jährige. Als ihre Mutter daheim in Ludwigshafen mit ihr das Köfferchen packte, herrschte noch Vorfreude auf schöne Erlebnisse, aber dann habe sich vor Ort gezeigt: Das war schlichtweg nicht der Fall.

Angela Koch war vier, als man sie "mutterseelenallein" zurückließ, wie sie jetzt berichtete.

Angela Koch war vier Jahre alt, als sie Traumatisches erleben musste. Heute engagiert sie sich in einem Verein, um auch anderen Betroffenen zu helfen.

Daniela Schneider

Strikte und willkürliche Trennung der Kinder bei der Ankunft, Absuchen nach Läusen, militärischer Tonfall, Verweigern des Toilettengangs – nur einige Punkte, die das Mädchen im Kindersolbad erlebte und die Frau bis heute nicht vergessen hat. Besonders schwer für sie: „Wir durften nicht spielen, nicht sprechen, dieses Schweigen hat mich geprägt.“ Sechs Wochen verbrachte sie in Dürrheim und dachte, dass sie „nie wieder heim darf“.

Schilderung preußischen Drills

Barbara Zander und ihr Bruder wurden 1964 aus Bad Cannstatt von den Eltern und Großeltern im VW Käfer in den Schwarzwald gefahren. Für die Erwachsenen sei es ein schöner Ausflug gewesen, für die Kinder der Auftakt in sechs Wochen voller „preußischen Drills“ in der Königsfelder Villa Dedié, einem privaten Kurheim für zwölf Kinder.

Barbara Zander war fünf Jahre alt, als sie nach Königsfeld "verschickt" wurde. Beim Zeitzeugengespräch zeigte sie auf, wie dieses Erlebnis und auch ihr strenges Elternhaus selbst bis heute nachwirken.

Barbara Zander war fünf Jahre alt, als sie nach Königsfeld „verschickt" wurde. Beim Zeitzeugengespräch zeigte sie auf, wie dieses Erlebnis und auch ihr strenges Elternhaus selbst bis heute in ihrem Leben nachwirken.

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Am Tisch sprechen (und dann auch noch schwäbisch)? „Ein No-Go!“ “, erinnert sie sich, ebenso wie mit Schaudern an den erzwungenen Mittagsschlaf („keiner war müde“), an das Verbot, nachts auf die Toilette zu gehen, an den erbrochenen Heidelbeerquark, in dem sie im Bett liegen bleiben musste, oder daran, wie sie mutterseelenallein auf einer Glasveranda eingesperrt worden sei. Schlimm zudem an der ganzen Geschichte: Auch zu Hause herrschten raue Verhältnisse. Die Backpfeifen des Vaters seien mit den Worten quittiert worden: „Dann weißch, warum du heulsch“ – schwarze Pädagogik herrschte seinerzeit bei weitem nicht nur in den Kinderheimen vor.

Eine regelrechte Industrie

Kreisarchivar Clemens Joos berichtete, dass die Idee der „Kinderverschickung“ bereits gegen Ende des Kaiserreichs entstanden war. Mädchen und Jungen, so der Plan, sollten einen Tapetenwechsel erleben und aufgepäppelt werden können. In der NS-Zeit wurden ideologische Ziele damit verknüpft, als Kinder aus den von Luftangriffen betroffenen Städten gebracht wurden. In den Hungerjahren der Nachkriegszeit wurden weiter Kinder „verschickt“, und dann auch in der jungen BRD, in einer Zeit, als Urlaube in Familien unüblich waren. Die Kinder waren versorgt und sollten ebenso eine Auszeit bekommen wie ihre Eltern. Dann aber, als die Notwendigkeit immer weiter wegfiel, wurde das System dennoch am Leben erhalten, wie Clemens Joos weiter berichtete. Von 1950 bis tatsächlich fast 1990 wurde so eine ziemlich  lukrative, regelrechte Industrie am Leben erhalten. In den vielen Heimen der Republik wurden mindestens acht Millionen Kinder in die „Kur“ geschickt. Profiteure waren offenbar Kostenträger, Wohlfahrtsverbände und Pharmaunternehmen, während  – wenn auch längst nicht für alle – für viele Kinder systematische Gewalt, Demütigungen und Esszwang schwere Spuren hinterließen.

Beide Frauen berichten außerdem, dass ihnen Medikamente verabreicht worden seien („Wir bekamen Schlafmittel, damit wir die Klappe halten“) – ein Kapitel, das die Historiker schrittweise aufarbeiten.

„Wir bekamen Schlafmittel, damit wir die Klappe halten“
„Verschickungskind“ Angela Koch
Sie berichtete von Medikamentengaben, in ihrem Fall offenbar durch Hans Kleinschmidt, damals Ärztlicher Direktor des DRK-Kindersolbads Bad Dürrheim

Heute ist Angela Koch Mitglied im Verein Initiative Verschickungskinder und hier eine der Ansprechpartnerinnen auch für andere Betroffene, wenn es um die Kinderverschickung nach Bad Dürrheim geht. Bis heute ist sie fassungslos, dass in den Heimen versucht worden sei, den Willen der Buben und Mädchen zu brechen. „Wie kann man mit kleinen Kindern so umgehen?“, fragt sich die heute fünffache Oma. Und Barbara Zander? Sie berichtete ganz offen von ihren schweren Depressionen im Erwachsenenalter, die sie auch auf ihre Erlebnisse aus der Kindheit zurückführt.

Ein Hoffnungspunkt

Schilderungen wie diese bewegten viele Zuhörende im Landratsamt, unter denen etliche weitere Betroffene, aber auch Kinder von damals waren, die wiederum berichteten, dass sie selbst positive Erfahrungen in der Kinder“kur“ gemacht hatten – Schwarzweiß gibt es auch in diesem Kapitel deutscher Geschichte nicht.
Zwei, die besonders aufmerksam den Schilderungen zuhörten, waren im Übrigen Stephan Maier, Leiter der Rehaklinik Katharinenhöhe, und Heike Rau, Kreisjugendamtsleiterin. Beide repräsentierten die heutige Perspektive, berichteten aus ihrer Praxis und von Mitteln und Methoden, Fehler von früher tunlichst zu vermeiden – ihr Ziel war es, in all den bedrückenden Schilderungen auch einen Hoffnungspunkt und ein Zeichen der Zuversicht zu setzen.

Hier geht es zur Ausstellung

Die Ausstellung im Landratsamt in Villingen-Schwenningen läuft noch bis zum 31. Juli. Hier kann man zum Beispiel auch Wissenswertes über die Kinderkurheime im Schwarzwald-Baar-Kreis erfahren.

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