Villingen-Schwenningen: Ein Konditor, der eigentlich nicht länger in Schwenningen bleiben wollte

Foto: Heinig
Schwarzwälder BoteIm Sommer kann Richard Acerbi auf 65 Berufsjahre zurückblicken. Der 79-jährige Konditormeister schaut in seinem Café im Mühlweg in Schwenningen noch täglich nach dem Rechten und kümmert sich um die Auszubildenden.
VS-Schwenningen. "Keinen Sack Salz friss’ ich hier" – das waren seine Worte, als er 1966 von seinem neuen Arbeitgeber Alfred Feiss erstmals durch Schwenningen geführt wurde. Richard Acerbi erinnert sich lachend an seinen ersten Eindruck der Uhrenstadt, in der er nie und nimmer länger bleiben wollte als nötig. Doch er blieb – der Liebe wegen. Noch im gleichen Jahr heiratete er nämlich seine Rosemarie, eine Ur-Schwenningerin.
In Bregenz aufgewachsen
Richard Acerbi wurde im Erzgebirge geboren und wuchs im österreichischen Bregenz auf. 1954 begann er dort eine Konditorenlehre und wurde – nach damaligen Sprachgebrauch – ein "Zuckerbäcker". Diesen Berufswunsch hatte er schon als Kind gehegt, weil seine Großmutter einen Süßwarenladen führte, in dem sich der kleine Richard besonders gerne aufhielt.
1957 begann er, berufliche Erfahrungen in unterschiedlichen Betrieben zu sammeln. Er ging in ein Hotel nach Vaduz/Liechtenstein, siedelte dann in das ertragreichere Deutschland über, war in Geislingen an der Steige, in Friedrichshafen, Saulgau, Ratingen, Baiersbronn und schließlich im Café Feiss in Schwenningen tätig.
"Es war eine schwere Zeit"
Nach der Hochzeit in Schwenningen bereitete sich der junge Konditor nebenberuflich auf seine Meisterprüfung vor, die er 1967 bestand. Als ein Jahr später das Café Ketterer im Mühlweg frei wurde, entschloss sich das junge Paar zur Selbständigkeit direkt neben dem Lebensmittelgeschäft des Schwiegervaters, dem heutigen Standort des Cafés Acerbi.
"Es war eine schwere Zeit", erinnert sich Acerbi, denn es galt, betrieblich Fuß zu fassen und einen Kundenstamm aufzubauen. Übrige Kuchen und Torten wurden abends dem Franziskusheim überlassen, um immer frische Ware anbieten zu können.
Brot und Brötchen bezog man vom "Kathrile Beck" in der Arminstraße, war morgens zur Stelle, wenn die Arbeiter in die Uhrenfabriken strömten und zwei Stunden später die "Elferwieber" für das Mittagessen einkauften. Abends gab es Stammtische von etlichen Vereinen, oder die Kinobesucher vom Capitol schauten nach Filmschluss noch herein. Es gab selbstgebackene Pizza, Suppen und Schinkenbrot, und nicht selten wurde es nach Mitternacht, bis das Café schloss.
Legendär sind die Hausbälle an der Fastnacht mit Live-Musik. Ein Konditor steht nicht ganz so früh auf wie ein Bäcker, aber Richard und Rosemarie Acerbis Tag begann dennoch immer schon im halb fünf Uhr in der Früh. Es galt schließlich – und so ist es bis heute – frische Torten und Kuchen zu backen, Pralinen, Tee- und Dauergebäck sowie Buttercroissants und Marzipanfiguren herzustellen.
Andreas übernimmt Café
Seit 2002 Sohn Andreas das Geschäft übernommen hat ("ein Glücksfall"), lässt es der Seniorchef etwas ruhiger angehen. Er hat aber ein Auge darauf, dass das Angebot stets komplett ist. Die Spezialitäten des Hauses, Walnussahne und Sachertorte, müssen sein, es braucht täglich eine Schwarzwälder Kirsch und eine Käsesahne, eine Schoko- und eine Nusstorte, schließlich "ist der Schwenninger etwas konservativ", sagt Acerbi und lächelt nachsichtig.
Seine Lieblingstorte sei der "Brasilianer", verrät er, eine Meringetorte mit Mokkacreme. Das Lächeln vergeht ihm aber gleich darauf, denn Konditoren wie ihm und seinem Sohn werde der Beruf von der Politik mit immer neuen Auflagen zunehmend schwer gemacht. Acerbi nennt Beispiele: stetig aufwändigere Dokumentationen jedes Handgriffes, der Mindestlohn, der in Schwenningen, "wo ich nicht so viel für ein Stück Torte verlangen kann wie in der Großstadt", in gleicher Höhe anfällt, die unterschiedliche Besteuerung von Kleinbetrieben und Konzernen und der "Wasserpfennig", der ihm zwar zustehe, der aber an den Verbrauch von Mehl gekoppelt sei. Konditoren brauchen indes nicht so viel Mehl wie Bäcker – also fließt auch kein staatlicher Zuschuss.
Trotz allem mache ihm sein Beruf nach wie vor Spaß, sagt der Konditormeister, der seine Begeisterung gerne an den Nachwuchs weitergibt. Die Arbeit mit unterschiedlichen Materialien und die Zufriedenheit, wenn man sieht, dass das, was man am Morgen hergestellt hat, abends verkauft ist, machen die Freude am Konditorenhandwerk aus.
Zurzeit bildet Richard Acerbi drei junge Damen zu Konditorinnen aus. Noch zeigen seine beiden Enkel kein Interesse am Beruf des Vaters und des Großvaters. Aber "das kann ja noch kommen", sagt Richard Acerbi augenzwinkernd.
Soziales Engagement
Soziales Engagement ist ihm nach wie vor wichtig. Regelmäßig darf die "Tafel" bei ihm nicht Verkauftes abholen, und die Vesperkirche erhält zur Zeit wieder Platten mit gemischten Kuchenstücken oder ganze Torten.