Villingen-Schwenningen: Alarm um 19 Uhr: "Chef, der Baro brennt!"

Zahlreiche Schaulustige sahen in der Nacht zum 13. Dezember 1990 vom Rössleplatz aus zu, wie die Feuerwehr versuchte, das brennende Kaufhaus zu löschen. Fotos: Martin Höhne (großes Bild)/Bienger
Schwarzwälder-BoteVon Alicja Bienger
VS-Schwenningen. Es war einer der größten Feuerwehreinsätze in Schwenningens jüngster Vergangenheit: In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1990 brannte der "Kaufring" in der Schützenstraße lichterloh. Bis heute ist nicht genau geklärt, wie das Feuer ausbrach.
Der Alarm geht gegen 19 Uhr ein. Ein Großteil der Schwenninger Feuerwehr befindet sich gerade auf einer Übung in Tuttlingen, als es heißt: "Alle Mann sofort nach Schwennigen!" Die Feuerwehr rückt aus dem gesamten Umland an, insgesamt sind rund 180 Feuerwehrleute im Einsatz.
Heinz Wiesler, damals Polizeioberkommissar und Revierleiter der Polizei in Schwenningen, erinnert sich noch lebhaft an die Einsatznacht. Die meisten Revier-Angestellten sitzen zum Zeitpunkt, als das Feuer ausbricht, im Bürgerheim bei einer dienstlichen Weihnachtsveranstaltung. Gerade will Wiesler an seinem Rotwein nippen, als er zum Telefon gerufen wird: "Chef, der Baro brennt!", teilt ihm ein Kollege mit. "Gleich darauf schwärmten rund 20 meiner Leute aus, um das Gebiet rund um den ›Kaufring‹ abzusichern und das Hochhaus nebenan zu evakuieren", erinnert sich der pensionierte Polizeioberkommissar. Auch er selbst macht sich auf den Weg zur Schützenstraße.
Schon von Weitem sieht er den dichten Rauch und das helle Licht der Flammen, die aus dem Gebäude schlagen. Nach Rücksprache mit Feuerwehr-Einsatzleiter Wolfgang Mückl vor Ort berichtet dieser ihm, dass der Kompressor der Feuerwehr, der die Sauerstoffflaschen für den Einsatz im Gebäudeinneren auffüllen soll, ausgefallen ist. Wiesler, damals Vorsitzender der DLRG Schwenningen, verständigt daraufhin sofort seine Vereinskollegen und leitet eine beispiellose Hilfsaktion ein: Zwei Mann füllen die halbe Nacht lang mithilfe des Kompressors die Sauerstoffflaschen der Feuerwehr, zwei weitere DLRGler transportieren sie zum Unglücksort, wieder zwei sammeln die leeren Flaschen ein und bringen sie zurück zum Auffüllen in die Lupfenstraße. Das Drumherum, den Feuerwehreinsatz selbst, den Brand, nimmt Wiesler nur vage wahr: "Mein Job war es, zu schauen, dass die Feuerwehr ausreichend Platz zum Arbeiten hat und nicht behindert wird."
"Es war zunächst schwierig, an das Feuer heranzukommen", erinnert sich Karl-Martin Hahn, damals stellvertretender Abteilungskommandant. "Es gab eine Zwischenwand in der Fassade, alle Fenster waren zu. Wir mussten sie von der Drehleiter aus kaputt machen, damit die Rauchgase und die Hitze entweichen konnten." Erst dann kann die Feuerwehr ins Innere des Kaufhauses vordringen. Die Hitze ist unerträglich, immer wieder müssen die Männer innehalten und im Bereich der Rolltreppen ausharren, bis sie weiter vorrücken können. "Im Inneren flogen uns Feuerwerkskörper um die Ohren, so dass die Feuerwehrkameraden hinter den Verkaufstheken Schutz suchten", erzählt Hahn.
Nur wenige Minuten vor dem Alarm kommen Jens Haberer und seine Frau Marlies vom Einkaufen zurück in ihre Wohnung im fünften Stock des an den "Kaufring" angrenzenden Hochhauses. Der neue Weihnachtsbaum steht kaum auf dem Balkon, als ein Nachbar anruft: "Aus dem Restaurant kommt Feuer!", ruft er aufgeregt in den Telefonhörer. "Und dann kam der Rauch", erzählt Jens Haberer. In dichten Schwaden strömt er in das Gebäude. Kurz darauf stehen Polizei und Feuerwehr vor der Tür, "Raus, alle raus!". Es ist stockdunkel, der giftige Rauch hat bereits die Isolierung der elektrischen Leitungen zersetzt. "Mit einer Weihnachts-Lichterkette von der Straße hat man uns nach unten durchs Treppenhaus gelotst, und dann standen wir draußen in der Kälte gegenüber dem Kaufhaus", blickt Marlies Haberer zurück. Sie und ihr Mann verlieren in dieser Nacht fast ihr gesamtes Hab und Gut – nicht durch das Feuer, sondern durch den giftigen, dioxinbelasteten Qualm. Der toxische Staub setzt sich in sämtlichen Ritzen fest; später erfahren sie: Das Gebäude ist definitiv nicht mehr bewohnbar.
Die Löscharbeiten dauern bis in die Abendstunden des folgenden Tages. Nach dem Brand stellt sich schnell heraus, dass die Schäden – die Rede ist von rund zehn Millionen Mark – am Gebäude zu hoch sind, als dass es wiedereröffnet werden könnte, auch wenn sich der damalige Geschäftsführer Siegfried Kulks schon einen Tag nach der Katastrophe optimistisch zeigt. Es herrscht Einsturzgefahr, und was das Feuer nicht zerstört hat, wurde vom Löschwasser in Mitleidenschaft gezogen.
Nach anfänglichen Vermutungen, wonach das Feuer infolge eines technischen Defekts im Restaurant-Bereich des Kaufhauses ausgebrochen ist, schließt die Kripo einige Tage später auch Brandstiftung nicht aus. "Uns hatte jemand erzählt, dass einer das Feuer in der Sportabteilung gelegt hatte – aus Rache, nachdem er einige Zeit zuvor dort Hausverbot bekam", sagen die Eheleute Haberer. Karl-Martin Hahn weiß: "Der Brandalarm löste im Café aus, aber irgendwo in den unteren Stockwerken wurden Brandbeschleuniger gefunden."
Einige Tage später fahndet die Polizei nach einem verdächtigen Pärchen, das kurz vor Ausbruch des Feuers in den Verkaufsräumen gesichtet worden war. Eine entsprechende Akte, die im Mai 1991 an die Staatsanwaltschaft Konstanz überreicht wurde, existiert jedoch nicht mehr. Da es offenbar auch kein anderes Aktenzeichen zu dem Fall gibt, wurde das Verfahren vermutlich aufgrund der dürftigen Beweislage eingestellt, teilt Pressesprecher Andreas Mathy auf Anfrage mit.
Jahrelang bleibt die "Kauring"-Ruine, notdürftig abgesperrt, vernagelt und abschreckend, an der Schützenstraße stehen; erst sieben Jahre und unzählige Investoren-Verhandlungsrunden später, im September 1998, rücken die Bagger an und machen den Weg frei für den Bau des "Le Prom".