Mehr als nur eine warme Mahlzeit
: Was die Schwenninger Vesperkirche für ihre Besucher bedeutet

Die 23. Ausgabe der Vesperkirche ist in vollem Gang – und jeden Tag gut besucht. Was motiviert die Menschen eigentlich, in die Schwenninger Pauluskirche zu kommen?
Von
Mareike Kratt
Oberndorf
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Die Vesperkirche lädt drei Wochen lang Menschen aller sozialer Schichten in die Schwenninger Pauluskirche ein – wie immer mit guter Resonanz.

Mareike Kratt

Wild-Bratwürste aus dem hiesigen Forst mit Spätzle und Rosenkohl als Hauptgericht, Bewirtung durch den Oberbürgermeister, Trommelbeitrag vom Kindergarten am Deutenberg: An diesem Montag gibt es genügend Gründe für die Besucher, den Weg in die Vesperkirche zu finden – und entsprechend voll ist es bereits gegen 11.30 Uhr in der Pauluskirche.

Doch der eine oder andere Gast, schon bekannt oder zum ersten Mal hier, ist nicht nur deswegen gekommen. Der zweite Tisch rechts vom Eingang ist voll belegt, hier genießen die Gäste gerade die Selleriesuppe als Vorspeise. Sie sei während der dreiwöchigen Vesperkirchenzeit jeden Tag hier, außer am Wochenende, erzählt Anita Schröder.

Eine Tagesstruktur

Die Menschen seien sehr zuvorkommend, es gebe Bücher zum Schmökern, das Essen schmecke immer – und sie habe einen festen Veranstaltungspunkt am Tag. Ähnlich wie durch die Wärmestube der AWO, in der sie sonst jeden Tag ehrenamtlich mithelfe. Gearbeitet habe die Schwenningerin wegen ihrer Kinder nie, und als diese ausgezogen seien, habe sie keine Arbeit mehr bekommen. „Es ist wichtig, gebraucht zu werden“, findet sie. Ihre Mutter, die sie normalweise pflegt, sei derzeit in Reha. „Sie fehlt mir.“

Am Tisch sitzen sechs weitere Gäste, die Anita Schröder aus der Wärmestube kennt. Zu erzählen gäbe es also immer etwas.

Fokus auf Sozialem

„Ich komme nicht wegen des Essens, sondern wegen des Sozialen“, berichtet derweil Günther Thamm – und das schon seit 13 Jahren. Er ist ein durch und durch bekanntes Gesicht: Unvergleichlich ist sein elegantes Äußeres, unvergleichlich auch sein gezwirbelter Bart. Ausschlaggebend, warum er schon so lange komme, sei die Atmosphäre in der Vesperkirche – und die Gespräche.

Anita Schröder (links) und Günther Thamm (rechts) genießen täglich aufs Neue die Atmosphäre in der Vesperkirche.

Foto: Mareike Kratt

Und über was überhält man sich in der Pauluskirche? „Über alles, was so anfällt“, sagt der Klavierlehrer und Organist aus Trossingen. „Über Politik, Wetter, Bücher – oder über die Lebensgeschichten.“ Manche erzählten wenig über sich, manche hörten gar nicht mehr auf – „so unterschiedlich sind die Menschen hier“.

Gemeinschaft lockt an

Die Atmosphäre ist das, was auch Rainer Müller seit zehn Jahren nahezu täglich in die Vesperkirche lockt. „Und die Gemeinschaft, das Zusammensein.“ Als er die Pauluskirche betritt, sind alle Tische so voll belegt, dass kurzfristig ein weiterer Tisch im Altarraum aufgestellt wird. Hier nimmt Müller Platz. Die Pauluskirche sei für das Sozialprojekt die optimale Location, findet der Schwenninger. Ab und zu komme er schon während des Essens ins Gespräch mit anderen Gästen, richtig gemütlich werde es aber erst danach, wenn es zu Kaffee und Kuchen hoch auf die Empore geht.

Rainer Müller (rechts) kommt seit zehn Jahren zu Besuch in die Vesperkirche.

Foto: Mareike Kratt

„Leute kennenlernen“, „die Stimmung genießen“, „schwätzen“, „nicht selber kochen müssen“, „essen, was man daheim nicht isst“, „so sein können, wie man ist“: So klingt es – überwiegend fröhlich – von den voll besetzten Tischen.

Doch hier und da sind auch Sorgenfalten in den Gesichtern der Gäste zu erkennen, hier und da wollen die Besucher gar nicht erst ins Gespräch kommen oder geben nur verhalten Auskunft.

Suche nach Hilfe

Einer von ihnen, der sich noch am Tisch rechts vom Eingang mit den Wärmestuben-Gästen zunächst sehr verhalten gezeigt hat, nimmt einige Minuten später am Tisch links am Eingang neben der Redakteurin Platz und beginnt zu erzählen. Vor vier Jahren, als er bewusstlos geschlagen wurde und im Krankenhaus wieder aufgewacht ist, habe sich sein Leben komplett geändert, erzählt der Schwenninger, der keine Familie hat und auf den Rollator angewiesen ist. „Geholfen hat mir in dieser schlimmen Zeit niemand.“

Drei Bypässe habe er damals bekommen, könne sich seither schlecht bewegen und nicht kochen. Umso mehr schätzt er das Angebot der Wärmestube, wo er das übrige Jahr regelmäßig anzutreffen ist, beziehungsweise der Vesperkirche. „Wenn es so etwas nicht gäbe, gäbe es mich wohl schon auch nicht mehr.“

Die 23. Ausgabe der Vesperkirche

Die Öffnungszeiten
Die Vesperkirche in der Schwenninger Pauluskirche hat noch bis Sonntag, 8. Februar, täglich von 11 bis 15 Uhr geöffnet.

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