St. Georgen: Straßen voller Honig und Leichen im Schnee

Hermann Bauknecht erinnert sich für die Serie des Schwarzwälder Boten an das Kriegsende zurück.Fotos: Archiv/Icon: Freepik
Schwarzwälder BoteVon Nadine Klossek
Hermann Bauknecht ist neun Jahre alt, als sich die Franzosen in St. Georgen mit den Deutschen Gefechte liefern. Manche seiner Erinnerungen sind im wahrsten Sinne des Wortes süß – andere dafür umso bitterer.
St. Georgen. Ob man den Krieg überlebt oder nicht – das entschied in vielen Fällen der Zufall. Wie schnell alles vorbei sein kann, merkt Hermann Bauknecht an einem Sonntagmorgen. Es ist der 22. April 1945. Das Haus der Bauknechts wird beschossen, die Familie aus dem Schlaf gerissen. "Die Kugeln kamen aus Richtung des Schützenhauses, die gingen durch die Wände durch."
Sein Bruder schläft zu dieser Zeit in einem Bett mit Holzgittern. "Er lag dort drin und die Kugeln sind an diesem Gitter obendran durgerutscht und haben Rillen hinterlassen", erinnert sich Bauknecht zurück. "Hätte er sich etwas aufgesetzt, wäre er tot gewesen." Unbekannte Geräusche, Geschrei – und mittendrin Kinder, die nicht wirklich verstehen, was hier eigentlich passiert. "Wir haben einfach keine Ahnung gehabt, was los ist."
Doch einen Schritt zurück. Die Kämpfe dauern zu dieser Zeit bereits zwei Tage, seit Freitag steht die Stadt also unter Beschuss. Auch jener erste Tag, als die Franzosen unerwartet in St. Georgen auftauchen, schreibt dem damals Neunjährigen einige Fragezeichen ins Gesicht – etwa, als ihn ein Unteroffizier anspricht.
"Wir haben an der Bundesstraße gewohnt, wo heute die Tankstelle in Richtung Triberg ist", erzählt Bauknecht. "Dort, wo die Tankstelle heute steht, war damals gar nichts, aber vis-à-vis war die Tankstelle meiner Eltern." Dort hält damals besagter Soldat und fordert Benzin – ein Gut, das zu dieser Zeit nicht mehr vorhanden ist. "Er hat zu meiner Mutter gesagt, wir brauchen Benzin, wir haben nichts mehr und der Feind sitzt uns im Nacken."
Als seine Mutter erklärt, dass sie ihm nicht weiterhelfen kann, packt den Unteroffizier die Verzweiflung. Er greift den Gartenschlauch der Familie, in der Hoffnung, mit dem Mund einige Reste ansaugen zu können. "Damals haben wir ja noch von Hand gepumpt und aus Gründen der Verschmutzung hat man die Rohre nie bis ganz nach unten gelegt", sagt Bauknecht. "Und tatsächlich, die Brühe ist gelaufen – es kam Benzin."
Die Angst des Unteroffiziers zeigt: In den letzten Stunden des Krieges geht es ums nackte Überleben. Wie groß mitunter die Verzweiflung ist, illustrieren auch die Ereignisse in der Nacht zu Samstag, die Bauknecht rekapituliert.
"Unser Nachbar, der Hermann Wiehl, der hatte ein Honighaus. In der Nacht haben die Russen ihn gezwungen, seinen Schuppen aufzumachen. Dort war sein ganzer Zuckervorrat drin." Nicht nur die süße weiße Ware war für die Russen von Bedeutung, sondern auch der Kunsthonig, den die Wiehls herstellten. "Das waren große Würfel, so 15 mal 15 Zentimeter im Quadrat, die haben sie auch für die deutsche Wehrmacht produziert."
Bauknecht weiß, wovon er spricht: Obwohl er 1945 erst neun Jahre alt ist, hat er in der Vergangenheit der Familie bereits geholfen, die Würfel über die Bahn an die entsprechenden Stellen zu verschicken. "Dann habe ich dafür ein Glas Kunsthonig bekommen. Der hat gut geschmeckt in meiner Erinnerung. Aber es gab ja sonst auch nichts mehr."
Was einst im Magen hungriger Soldaten landete, verteilt sich am Samstagmorgen auf den Straßen der Bergstadt. Die heruntergefallenen Würfel werden von den umherlaufenden Menschen zerdrückt. In der Folge ist die Böschung, die damals zum Lager der Russen hinunterführt – heute steht dort der Lidl – von einer süßen Pampe überzogen. "Knöcheltief ist man durch den Honig gewartet."
Als die St. Georgener merken, dass der Speicher der Wiehls offen ist, strömen sie in Scharen, um sich selbst etwas des kostbaren Gutes zu besorgen: "Sie kamen von überall, mit Eimern, den unmöglichsten Gefäßen." Auch er muss auf Geheiß der Mutter für seine Familie einen Teil sichern. "Zwei Nachbarn standen da, mit normalen Schaufeln und haben den Leuten das abgefüllt. Dieser Samstag war verrückt."
So süß im wahrsten Sinne des Wortes die Erinnerungen an diesen Tag sind, so bitter sind die darauffolgenden. Während die Kugeln am Sonntagmorgen seinen Bruder verfehlen, haben einige Russen weniger Glück.
"Wir haben an unserem Wohnhaus einen kleinen Anbau, das war die Kloanlage für die Werkstatt, die nebendran steht." In dem rund ein Quadratmeter großem Raum verstecken sich einige Russen und schießen auf Deutsche.
"Wir waren zu der Zeit im Keller, alle – Kinder, Erwachsene – es wurde ja immer bedrohlicher." Plötzlich schlägt jemand mit einem Gewehrkolben gegen die Tür. Es sind deutsche Soldaten auf der Suche nach jenen, die die Schüsse abgaben. "Sie kamen dann rein, mit der Maschinenpistole im Anschlag kamen sie in den Keller."
Wenige Zeit später hört Bauknecht, wie sich die Soldaten zurufen, sie hätten sie erwischt. "Ich war schon immer etwas wunderfitzig, das war immer schon mein großes Problem. Da habe ich aus dem Kellerfenster geschaut. Und ich sah, wie drei Russen in Richtung des Lagers liefen und dann hat sie ein deutscher Soldat von hinten erschossen."
Durch die Schießerei seien weitere Russen in den Garten gekommen, der entlang der Straße zum Lager lag. "Zwei Tote lagen dort, einer davon in meinem kleinen eigenen Gärtchen – das war für mich eigentlich das Schlimmste." Noch heute erinnere er sich daran, wie der Schnee langsam die Leichen bedeckte. "Das hat mich länger verfolgt."
Da das Haus der Familie in der Kampfzone liegt, müssen die Zivilisten vor den Geschossen fliehen. Bei Bauknechts Onkel finden die Frauen und Kinder einen Unterschlupf.
Dann kommt der Hunger. "Wir hatten nichts mehr zu essen, es war nichts da." In seinen Taschen habe er einige Honigbecher der Familie Wiehl versteckt. Mit eingen Essensresten seiner Tante kombiniert, gibt es ein für damalige Verhältnisse "üppiges Mahl", wie er erzählt: kalte Kartoffeln und Kunsthonig.
Als die Franzosen endgültig St. Georgen einnehmen, beginnt für Bauknecht "die schlimmste Zeit". "Wir waren schon übel dran, weil es nichts gab. Man musste betteln. Manchmal denke ich noch mit Entsetzen dran, wie wir Hunger hatten."
Allen voran das Verhalten der Marokkaner ist ihm im Gedächtnis geblieben. "Die waren alle mit Turban bestückt, haben morgens ihre Gebete gehalten, die Teppiche ausgelegt", rekapituliert er. Für ihn strahlte diese unbekannte Kultur auch ein Stück weit Faszination aus.
"Aber es war insofern schlimm, weil sie gehaust haben. Die haben Frauen vergewaltigt, ein Schulkamerad von mir wurde von ihnen umgebracht." Als Kind habe er diese Menschen beobachtet, die schlimmen Taten aber nicht so sehr wahrgenommen. "Aber als Erwachsener hat man gedacht, mein Gott, was haben die nur gemacht."
Als die Familie nach Kriegsende in ihr Haus zurückkehren darf, nistet sich ein französischer Offizier ein. "Ich kann nicht sagen, wie viele Tage später – auf jeden Fall ging es auf einmal wieder los: eine wahnsinnige Schießerei, Krach." Angesprochen auf den Grund, sagt der Franzose, es sei die Siegesfeier. "Die haben einfach planlos in der Luft herumgeschossen und wir waren total überrascht", so Bauknecht. "Und das war der Schluss dieses ganzen elendig langen Dramas, das wir da mitgemacht haben."
Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich 2020 zum 75. Mal. Die Bilanz für St. Georgen: 267 gefallene und 84 vermisste Soldaten, 27 gefallene oder ermordete Zivilpersonen. Die Zahl derer, die dieses grausame Kapitel noch erlebt haben, sinkt stetig. Die Serie "Kriegsende 1945" lässt daher St. Georgener zu Wort kommen, die von den Erinnerungen rund um das Wochenende des 20. April 1945 erzählen. Den Auftakt bildete eine historische Einordnung, die weiteren Teile widmen sich den Zeitzeugen.
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