St. Georgen: Sportwagen der Extraklasse beleben früheres Autohaus

Öffnen Räume für Kunst: Hannah Eckstein, Sprecherin der Sammlung Grässlin, und Axel Sauter, Key-Account-Manager in der AHG-Zentrale in Horb, mit dem "Capri bei Nacht" von Martin Kippenberger und Albert Oehlen in der früheren Ausstellungsfläche des Autohauses. Foto: Zieglwalner
Schwarzwälder BoteSt. Georgen. Dem ersten Anschein nach ist es ein gewöhnliches Bild, das sich im ehemaligen Ausstellungsraum der AHG Autohandelsgesellschaft in der Landstraße in St. Georgen bietet: Ein blauer Porsche und ein sandbrauner Ford Capri lenken die Blicke auf sich. Doch die Sammlung Grässlin und das Unternehmen treiben ihr Spiel mit dem Betrachter: Was sich da zunächst als benzingetränkter Männertraum gibt, ist Kunst: das Werk "Kao Ka Moo" von Tobias Rehberger sowie "Capri bei Nacht" von Martin Kippenberger und Albert Oehlen.
Schon seit längerer Zeit nutzt die Sammlung Grässlin die Chance, Werke in der ganzen Stadt zu präsentieren. Das Projekt "Räume für Kunst" umfasse inzwischen an die 20 Orte, die ungewöhnliche Begegnungen mit Skulpturen und Malerei ermöglichen, erklärt Hannah Eckstein, Sprecherin der Sammlung Grässlin. Gerade auch leerstehende Geschäfte seien eine Chance, Kunstwerke über einen begrenzten Zeitraum in der Öffentlichkeit zu zeigen. Und da kam beim neuen "Raum für Kunst" Axel Sauter ins Spiel: Dem St. Georgener, der als Key-Account-Manager in der AHG-Zentrale in Horb arbeitet, hat es der "Capri bei Nacht" schon lange angetan. Er habe so manches Mal geholfen, den Wagen der besonderen Art zu bewegen. Und jetzt habe sich im Gespräch mit Sabine Grässlin die Idee entwickelt, die derzeit verwaisten Räume des Autohauses an der Bundesstraße zu nutzen, eben dieses Werk von Kippenberg und Oehlen zu zeigen. Die Geschäftsleitung sei von den Plänen sofort angetan gewesen.
Als St. Georgener liege es ihm am Herzen, dass einzigartige Attraktionen die Stadt bereichern, stellt Sauter fest. Gerade die "Räume für Kunst" seien ein solche Projekt, das bei vielen auf Interesse stoße. Bei den Rundgängen zu den einzelnen Kunstwerken seien die Menschen immer wieder begeistert und überrascht, an welchen Orten Kunst anzutreffen ist, schildert Hannah Eckstein die Reakionen. Für die Sammlung sei es jetzt auch ein Glücksfall, mit dem früheren Autohaus einen solch tollen wie passenden Rahmen gefunden zu haben, um die Kunstwerke aus dem Depot herausholen zu können. So stehen seit kurzem die zwei Automodelle der Extraklasse im Schaufenster. Die Beleuchtung der bodentiefen Fenster stelle sie gerade in der Dunkelheit ins Rampenlicht, freut sich Sauter über die Wirkung. Und wer dann die scheinbaren Sportwagen genauer in Augenschein nimmt, der stellt schnell fest, dass es Fahrzeuge der etwas anderen Art sind. Denn sowohl Rehberger als auch Kippenberger und Oehlen spielen mit Schein und Sein der schnellen Flitzer, nehmen sich deren Rolle als Statussymbol und gesellschaftlicher Missstände an. Rehberger habe beispielsweise aus der Erinnerung an die Kartenspiele seiner Jugendzeit einen Porsche gezeichnet, ihn auf dieser Grundlage im Billigproduktionsland Thailand anfertigen lassen und ihm den Namen des asiatischen Gerichts verpasst, gibt Hannah Eckstein einen Einblick in die Entstehung. Für Kippenberger und Oehlen sei hingegen der Ford Capri das Angeberauto par excellence gewesen, das bei ihnen statt in Hochglanz mit Dispersionsfarben und Haferflocken daherkommt. Diese Materialien verwendete das Künstlerduo auch für die "Türe bei Nacht", die neben Kippenbergers Bild "Kein Capri" und "Orgonkiste bei Nacht" die Präsentation im Autohaus ergänzt.
Es lohnt sich also, die Werke unter die Lupe zu nehmen – auch bei einem der Rundgänge zu den Räumen für Kunst mit Hannah Eckstein, die manch Hintergründe erzählt. Und es empfiehlt sich, nicht zu lange zu warten: AHG suche nach einem Nachmieter oder Käufer, verrät Sauter. Aber das entspricht dem Konzept: "Wenn es eine neue Nutzung gibt, packen wir unsere Siebensachen und sind ganz schnell wieder weg", unterstreicht Hannah Eckstein. So gibt es in St. Georgen an wechselnden Orten ein vergnügliches Aufeinandertreffen mit der Kunst.
Die Sammlung Grässlin in der
Museumstraße 2 in St. Georgen ist nach Vereinbarung geöffnet. Der Eintritt samt einer zwei- bis dreistündigen Führung kostet für Erwachsene 15 Euro, ermäßigt zehn Euro für Schüler ab zwölf Jahren, Studenten, Auszubildende, Bufdis und Schwerbehinderte. Kinder unter zwölf Jahren haben freien Eintritt, ebenso Inhaber des Museums-Pass-Musées.
Auch im Juli stehen wieder besondere Aktionen an. Einen Kultursonntag gibt es am 7. Juli. Beginn ist um 9 Uhr mit einem Frühstück im "Kippys". Ab 11 Uhr folgt ein geführter Rundgang durch den Kunstraum Grässlin und die Räume für Kunst. Eine After-Work-Party steigt am Donnerstag, 18. Juli, von 18 bis 22 Uhr im "Kippys". Zu Snacks und Drinks sorgt DJ Olsen für chillige Beats. Ab 19.30 Uhr ist eine 45-minütige Kurzführung in den Räumen für Kunst durch die Ausstellung "Gastspiel – Werke aus den Sammlungen Grässlin und Wiesenauer geboten. Der Eintritt ist frei.
Weitere Informationen zur Sammlung und den einzelnen Kulturaktionen sind unter Telefon 07724/9 16 18 05 und E-Mail info@sammlung-graesslin.eu sowie im Internet unter www.sammlung-graesslin.eu erhältlich.