St. Georgen
: Am Horizont erscheinen die Panzer

Historie: Die Franzosen marschieren am 20. April 1945 in St. Georgen ein / Kämpfe dauern nur wenige Tage
Von
Nadine Klossek
Oberndorf
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Schwarzwälder Bote

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Doch das Schicksal der St. Georgener wurde bereits am Wochenende des 20. April besiegelt. Eine Chronologie der letzten Kriegsereignisse in der Bergstadt.

St. Georgen. Es ist der Geburtstag des Führers. Adolf Hitler wird heute 56 Jahre alt. Doch von Feierstimmung keine Spur. Deutschland liegt in Trümmern. Stadt um Stadt, Dorf um Dorf rücken die Alliierten vor. Der Zweite Weltkrieg neigt sich dem Ende zu.

Der letzte Geburtstag Hitlers, er spielt in der St. Georgener Geschichte eine besondere Rolle. Denn während der Führer in Berlin im Bunker der Reichskanzlei Glückwünsche entgegennimmt, entbrennt viele Kilometer entfernt der letzte Kampf um die Bergstadt.

Die Jagdbomber am 20. April 1945 sind die ersten Vorboten der Katastrophe. Immer wieder erscheinen die Kampfflugzeuge am Himmel. Die Industriebetriebe schließen – zu oft müssen die Mitarbeiter zwischen Luftschutzkeller und Produktionsband wechseln.

Bürgermeister flieht auf dem Motorrad

Am Vormittag erscheint eine große Menschengruppe über der Kuppe der Sommerau. 400 russische Kriegsgefangene werden von 70 deutschen Soldaten über Triberg nach St. Georgen geführt. Die Russen, ausgezehrt von der anstrengenden Arbeit, werden in die Turnhalle in der Mühlstraße gebracht.

In der Bergstadt ahnt man, dass eine Schlacht bevorsteht. Historiker berichten, dass sich bereits vor dem 20. April deutsche Soldaten in den Wäldern rund um Peterzell versammeln, der Eisenbahnverkehr zwischen Villingen und dem Kinzigtal wird eingestellt. Von einer "auffallenden Unruhe" ist in den Berichten die Rede.

Der damalige Ortskommandant, ein Wehrmachtsoffizier, ruft daher im Hotel Adler eine Lagebesprechung ein. Sein Plan: Der Volkssturm soll sich für den Fall der Fälle bereit machen. Doch die Volkssturmführer sehen das als zwecklos an. Bis auf einige Panzerfäuste hat man dem Feind nichts entgegenzusetzen.

Während die Vertreter im "Adler" debattieren, schickt Bürgermeister Hermann Ettwein den städtischen Aufseher nach Königsfeld. Er soll Gerüchte verifizieren, wonach Franzosen bereits in Weiler mit Panzern eingedrungen seien. Nicht einmal bis zur Gemeindegrenze muss Eugen Brunner fahren. Schnell ist klar: Der Feind steht schon vor der Haustüre.

Als Brunner mit den Erkenntnissen zurück ins Rathaus kehrt, nimmt lediglich der Bürgermeister diese ernst. Während sich einige junge deutsche Offiziere über Brunner lustig machen, lässt Ettwein im Dienstzimmer seine Parteiakten verbrennen. Er bricht seine Zelte in St. Georgen ab, flüchtet nach Hornberg.

Derweil wird die Unterredung im Hotel Adler jäh unterbrochen. Panzeralarm. In Peterzell erscheinen die ersten französischen Fahrzeuge am Horizont. Panik macht sich breit. Die St. Georgener beginnen, die Lebensmittelgeschäfte zu stürmen, ehe sie in ihren Kellern Schutz suchen.

Die Panzer rücken indes um sich schießend von Peterzell an den östlichen Rand der Kernstadt vor. Lastwagen mit montierten Maschinengewehren folgen. Die Franzosen sammeln sich um das Gasthaus Sonne.

St. Georgen zittert, der Kampf um die Bergstadt hat begonnen. Immer wieder kommt es zu Schusswechseln zwischen den verfeindeten Lagern. Als die Franzosen das Rathaus stürmen, steht der Sieger fest. Die Besatzer weisen den langjährigen Ratsschreiber Ludwig Freithaler an, die diktierten Befehle weiterzugeben. Fortan gelten unter anderem Ausgangssperren, Waffen und Fotoapparate müssen abgegeben werden. Soldaten zu verstecken, wird "strengstens bestraft".

Während sich die St. Georger fügen müssen, hilft die neue Situation anderen. Denn der Einmarsch der Franzosen bedeutet für die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter die Erlösung: 300 Russen, 200 Franzosen, 50 Polen, sechs Letten und drei Tschechen feiern ihre Befreier.

Sie alle schließen sich noch am selben Tag zusammen, nutzen ihre neu gewonnene Freiheit, um Geschäfte zu plündern. Die französischen Besatzer schreiten nicht ein. Dafür beteiligen sich St. Georgener. Erst am nächsten Tag zeigt sich das ganze Ausmaß, wie Erinnerungen im Buch "Ausweglos" von Hermann Riedel zeigen. Auf der Straße liegen die abgelegten Gefangenenklamotten, in den Lebensmittelläden waten Menschen knöcheltief durch Mehl und Zucker.

Vergewaltigungen und Plündereien folgen

Am Nachmittag des 21. April weiten sich die Plündereien auch auf Privathäuser aus. Die Franzosen verweilen indes an der "Sonne", überlassen die Stadt ihrem Schicksal. Patrouillen durch die Straßen bleiben die Ausnahme. Mehr noch: Gegen Abend entscheiden die Franzosen, sich zurückzuziehen. Sie scheinen siegessicher, Herr der Lage. Der Gefechtsstand wird in die "Krone" in Peterzell verlegt.

Es ist eine Situation, die die Deutschen am Sonntag ausnutzen. Es ist ein letztes Aufbäumen der Streitkräfte – aus den verschiedensten Richtungen tauchen die Soldaten auf. Ob sie einen Fluchtweg von Westen nach Osten suchen oder tatsächlich St. Georgen zurückerobern wollen – darüber geben die historischen Quellen keinen genauen Aufschluss.

Klar ist nur: Der zweite Akt beginnt. Die Franzosen rücken erneut in die Kernstadt, erwidern den Angriff. Die Situation wird unübersichtlich, an den unterschiedlichsten Ecken wird gekämpft. Laut dem späteren Bürgermeister Emil Riemensperger ist die Stadt bis gegen 16 Uhr wieder in deutscher Hand – mit Ausnahme des Gebietes rund um die "Sonne". Doch schlussendlich müssen sich die Soldaten im Laufe des Tages den Franzosen und ihrer zu dieser Zeit übermächtigen Panzerabteilung geschlagen geben.

Die Bilanz: 22 Soldaten des Volkssturmes und 13 St. Georgener Zivilisten lassen am 22. April 1945 ihr Leben. Verhaftungen, Vergewaltigungen und weitere Plündereien folgen auf die Kämpfe in der Bergstadt.

Am Montag gibt es keinen Zweifel mehr. St. Georgen ist in der Hand der Franzosen. Diese werden von der Infanterie der 400 hinzugezogenen Marokkaner unterstützt. Dann und wann folgen noch winzige Gefechte, doch der eigentliche Kampf ist vorbei. St. Georgen hat verloren. Die letzten Gewehre verstummen in der Nacht zu Mittwoch. Es ist der 25. April. Fünf Tage sind seit Adolf Hitlers Geburtstag ins Land gezogen. Weitere fünf Tage werden vergehen, ehe der einst gefeierte Führer, der ganz Deutschland mit sich in den Abgrund riss, Suizid begeht.

Für St. Georgen ist das Ende des Gefechts der Anfang des Wiederaufbaus. Es beginnt eine bittere Zeit ohne Verbindung zur Außenwelt. Der Krieg hat die Infrastruktur zerstört. Strom, Bahn, Post, Wasser, Gas, Zeitung, Radio – all das fehlt. Was allen voran bleibt, ist der Hunger. Historiker Riedel fasst all das kommende Leid wie folgt zusammen: "Für die Bevölkerung von St. Georgen war mit dem 25. April der Krieg vorbei, nicht dagegen dessen Folgen."

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