Opfer des Nationalsozialismus: So war Königsfelds Rolle im Dritten Reich

Durchaus größer hätte das Interesse am „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ im Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine in Königsfeld sein können.
Stephan HübnerHans-Beat Motel mahnte, sich gegen das Vergessen, Verschweigen und Verharmlosen der NS-Taten zu wehren. Man sei nicht dafür verantwortlich was geschah, aber dafür, dass es nie wieder geschehe.
Er widersprach der Ansicht, dass der Nationalsozialismus im Ort keine Rolle spielte. Großereignisse gab es laut Chris Boldt kaum, Königsfeld war aber „genauso vom Geist des Nationalsozialismus erfasst wie die Gesellschaft allgemein“.
Die Wahl Hitlers hatte man damals „mit großer Dankbarkeit“ aufgenommen, benannte die Hermann-Voland- in Adolf-Hitler-Straße um. Die Brüdergemeine gab dem bis dato namenlosen Platz in der Ortsmitte den Namen „Zinzendorfplatz“, um die Benennung nach Nazigrößen zu verhindern.
Mitarbeiterin mit jüdischen Wurzeln beschützt
Führende Persönlichkeiten seien in der NSDAP gewesen. Eine Ausnahme sei Walter Wedemann, Leiter der Knabenanstalt der Zinzendorfschulen, gewesen. Er stellte Lehrer ein, die anderswo entlassen worden waren und bewahrte eine Mitarbeiterin mit jüdischen Wurzeln „vor dem sicheren Untergang“.
Gunther Schwarz berichtete von „geschlossenen Reihen von NSDAP- und Stahlhelmleuten“ zur Wahl 1933. An manchen Geschäften prangten laut Boldt Schilder mit der Aufschrift „Wir verkaufen nicht an Juden“. Nach dem misslungenen Hitler-Attentat fand ein Dankgottesdienst statt, Fackelzüge oder Gesänge des Horst-Wessel-Liedes gab es auch.
Weitgehend von der Ideologie vergiftet
„Königsfeld war weitgehend von der Ideologie des Nationalsozialismus vergiftet“, so Boldt. „Auch fast alle Kirchenmitglieder waren verblendet“, so Motel.
Deutschland insgesamt sah laut den Rednern das Weltkriegsende nicht als Befreiung sondern als Niederlage. Das änderte sich erst ab den 1960er-Jahren.
Abgespielt wurden Szenen einer Rede der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, die vor dem Vergessen von Nationalsozialismus und Vernichtungskrieg warnten. „Menschen haben es getan, weil sie Menschen nicht als Menschen anerkannt haben“, so eine ihrer Aussagen.
Eiskalt, gnadenlos und unvorstellbar grausam
Kurz angeschnitten wurde eine Fahrt nach Grafeneck, das laut Schwarz „eiskalt, gnadenlos und unvorstellbar grausam die Blaupause für die Vergasungen“ war. Laut Motel und Boldt sind über 10 000 Opfer verzeichnet. In diesem Jahr ist eine weitere Fahrt geplant.
Auch für 2027 kündigten die drei Redner eine Gedenkfeier an, möglicherweise mit den Schwerpunkten Zwangssterilisierung und Zwangsarbeiter. Da kaum Archivmaterial vorhanden ist, baten sie um Hinweise, Schriftstücke, Fotos oder Zeitzeugen-Interviews.