Hobby-Wetterforscher erinnert sich: Als Tschernobyl Furtwangen erreicht

Ein Schutzbau bedeckt den explodierten Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl. Die Strahlung war auch in Furtwangen messbar.
dpaVor 40 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich im ukrainischen Tschernobyl das bis dahin schwerste Atomunglück in der internationalen Geschichte der Atomkraft. Vier Tage später erreichte die Strahlung aus dem Reaktor, der rund 1600 Kilometer entfernt ist, auch die Stadt Furtwangen. An der Wetterstation war ein deutlicher Anstieg der Radioaktivität messbar.
Zum 40. Jahrestag der Atomkatastrophe berichtet Bernward Janzing, was er damals an seiner Wetterstation auf dem Kussenhof nachweisen konnte – und wie es zu den Strahlenmessungen überhaupt kam. Die Welt befand sich im Kalten Krieg in den 1980er Jahren. Das Jahrzehnt war geprägt von Debatten über atomare Aufrüstung, aber auch von der Diskussion über die Risiken der Atomkraft. Das Internet kannte man noch nicht, aktuelle Umweltdaten waren rar – weshalb vielerorts Bürgerinitiativen nach Wegen suchten, sich durch eigene Messungen abzusichern, um im Fall von Strahlengefahren sofort informiert zu sein. Die Nachfrage für entsprechende Messgeräte war offenkundig gegeben. Daher bot der Kosmos-Versand im Jahr 1985 seinem naturwissenschaftlich interessierten Käuferkreis auch einen einfachen Geigerzähler an – dies neben den traditionellen Büchern des Verlags, etwa für Sternfreunde, und diversen naturwissenschaftlichen Experimentierkästen. Das Gerät trug den Namen Mini Monitor. Es stammte von der Frankfurter Firma Genitron und hatte aufgrund seiner Präzision das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, das es seinerzeit am Markt gab. „Zu diesem Zeitpunkt war meine Wetterstation schon seit gut sechs Jahren in Betrieb. Da ich immer offen war, das Spektrum durch interessante Messreihen weiter auszubauen, bestellte ich ein solches Gerät beim Kosmos Versand“, erinnert sich Janzing. Mit Rechnungsdatum vom 25. September 1985 ging es zum Preis von 549 Mark auf den Postweg nach Furtwangen.

Eine Person hält einen Geigerzähler nähe des Roten Waldes in der Nordukraine.
Foto: dpaEr baute die Strahlenmessungen so auf, dass einmal täglich zur gleichen Zeit eine Zeitschaltuhr den Geigerzähler in Betrieb setzte und eine halbe Stunde lang die Messung erfolgte. Die detektierten radioaktiven Zerfälle, die das typische Knattern eines Geigerzählers verursachen, ließen sich an einem Steckerausgang des Gerätes abgreifen. Eine eigens konstruierte Elektronik und Elektrik zählte die erfassten radioaktiven Zerfälle automatisch. Somit war kein händisches Messen notwendig.
Natürliche Radioaktivität schwankt
Meteorologisch interessant waren die Messwerte bereits vor dem Tschernobyl-Unfall, weil die natürliche Radioaktivität wetterabhängig schwankt. Ein guter Teil der Strahlung im Schwarzwald ist durch die Geologie bedingt, vor allem durch geringe Mengen an Uran im Kristallingestein. Bei dessen radioaktivem Zerfall entsteht das ebenfalls radioaktive Gas Radon, das aus dem Boden entweicht. So zeigten die Furtwanger Messungen zum Beispiel einen hochsignifikanten Rückgang der natürlichen Strahlung bei hoher Schneedecke und gefrorenem Boden.
Spektakuläre Messungen
Dass die Messungen nach einem halben Jahr so spektakulär werden könnten, war nicht absehbar. Es begann am 29. April. In der Zeitung erschien an diesem Dienstag eine kleine Meldung, einspaltig: „Moskau: Unglück in Kernkraftwerk“.
In Finnland und Schweden sei am Tag zuvor an mehreren Orten eine erhöhte Radioaktivität der Luft festgestellt worden, hieß es. Auch der Name Tschernobyl tauchte schon auf. Die Sowjetunion kam nach den Messungen der Skandinavier nicht mehr umhin, den Atomunfall einzugestehen. Die amtliche Nachrichtenagentur Tass schrieb: „Maßnahmen werden ergriffen, um die Folgen des Unglücks zu beseitigen.“
Am folgenden Tag, dem 30. April, wurde das Ereignis in der Zeitung Aufmacher auf Seite 1: „Atomkatastrophe in der Ukraine“. Die Welt lernte die Abkürzung GAU und in der Steigerung „Super-GAU“ kennen.
Geigerzähler läuft
„Manchmal kommen einem die Zufälle entgegen. Ich war zu dieser Zeit im Zivildienst, hatte aber vor dem anstehenden Maifeiertag ein paar Tage frei. Und so klemmte ich an diesem Morgen den Geigerzähler von der Zeitschaltuhr ab und ließ ihn den ganzen Tag durchgehend laufen. So wirklich glaubte ich nicht daran, mit einem so einfachen Gerät jemals etwas von dem fernen Ereignis messen zu können. Doch nach 12 Uhr stiegen die Werte, erst langsam, dann schneller. Gegen 13 Uhr war es offensichtlich: In Furtwangen war Strahlung aus Tschernobyl angekommen“, berichtet Bernward Janzing. Bis 15 Uhr stiegen die Werte weiter, anschließend schwankten sie auf hohem Niveau. Von einem vorherigen Niveau von etwa 0,14 Mikrosievert pro Stunde war die Umweltradioaktivität in der Spitze auf mehr als 0,25 Mikrosievert angestiegen. Am Abend lagen die Werte schon wieder etwas niedriger, aber auch in den folgenden Tagen blieben sie hoch. Dann sanken sie langsam mit Schwankungen, ehe sie Anfang Juni wieder ihr ursprüngliches Niveau erreichten.
Entscheidend für die langfristigen Belastungen des Bodens war das Wetter: In Regionen, in denen zum Eintritt der Strahlenwolke Regen nieder ging, wurden strahlende Substanzen aus der Atmosphäre ausgewaschen. In Furtwangen folgte der erste Regen 47 Stunden nach Eintreffen der Wolke. Während das radioaktive Jod-131, das aus dem Reaktor Tschernobyl in den Schwarzwald gelangte, mit einer Halbwertszeit von acht Tagen zerfällt und inzwischen weg ist, hält sich das Cäsium-137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren noch immer. Rund 40 Prozent der Mengen von damals sind noch existent, irgendwo in den Bodenschichten.