Das Jerusalem von Königsfeld
: Wie die Bibel das Ortsbild inspirierte

In der biblischen Offenbarung des Johannes ist es beschrieben, das Himmlische Jerusalem. Und wer sich diese Beschreibung vor Augen führt, erkennt schnell Parallelen zum historischen Ortskern Königsfelds. Das ist kein Zufall, führte nun Claus Bernet aus.
Von
Stephan Hübner
Oberndorf
Jetzt in der App anhören

Claus Bernet spricht beim Historischen Verein über das Himmlische Jerusalem.

Stephan Hübner

Über das Himmlische Jerusalem als mögliche Vorlage für Nikolaus Ludwig von Zinzendrof beziehungsweise Gemeinden wie Königsfeld sprach im Rahmen der „Königsfelder Begegnungen“ Claus Bernet. Er promovierte vor einigen Jahren über das Thema und sammelt bis heute in der ganzen Welt entsprechendes Bildmaterial.

Merkmal fast jeder Darstellung des Himmlischen Jerusalems sei die Kuvatur, also das Quadrat, das insgesamt zwölf Tore aufweise, jeweils drei pro Seite. Im Zentrum stehe Christus, es komme aber auch eine Pyramide in Frage. Die Darstellungen beriefen sich auf Beschreibungen aus der biblischen Apokalypse. Die älteste bekannte sei ein römisches Mosaik aus dem Jahr 332. Überraschend sei dabei, wie bescheiden die Stadt dargestellt sei.

Bernet präsentierte Fotos aus Kirchen, in oder an denen das Himmlische Jerusalem dargestellt ist. Auch auf Epitaphen, Kanzeln oder Taufsteinen finden sich Abbildungen, oft samt vier Flüssen entsprechend den Paradiesflüssen. Das Himmlische Jerusalem sei neben Jesus und Maria ein ganz zentrales Bildmotiv in Gotteshäusern, so Bernets Fazit.

Die Ortsmitte bleibt frei

Auch im Pietismus, in dem laut Bernet Bildkultur eine ganz geringe Rolle spielte, gibt es Darstellungen, dabei erstmals aus der Vogelperspektive und mit geänderter Sichtweise von innen nach außen. In der Adelswelt hatte es ebenfalls wichtigen Stellenwert. Zinzendorf als Gründer der Brüdergemeine habe wohl eine Darstellung aus der Merianbibel gekannt, ebenso Utopieschriften wie „Die glückseligste Insel“. Die wiederum sei Vorlage für Herrnut, mit dem quadratischen Kern und zwölf Bauten rundum, in denen man in Chören beziehungsweise einer kollektiven Zentralstruktur wohnte.

Wichtig sei die freigelassene Ortsmitte, welche die Anwesenheit von Jesus symbolisiere, der zentrale Mitte der Gemeinde sein solle. Ein Brunnen könne ihn dabei als Wasser, das die Erde befruchtet, repräsentieren. Nicht vorhanden sei dagegen eine traditionelle Kirche, da es nach Vorstellung der Brüdergemeine im Himmlischen Jerusalem keine Tempel gebe. Einzig vorhanden seien einfache Gebetssäle, die sich in der Architektur kaum von säkularen Versammlungssälen unterschieden.

Irdisches als Spiegelbild

Diese Struktur findet sich unter anderem auch in Königsfeld wieder. Der Ort sollte laut Bernet zuerst „Nain“ heißen, gemäß dem Lukasevangelium. Der heutige Name verweise nicht auf den damaligen König von Württemberg, sondern auf Jesus.

Trotz baulicher Analogien zum Himmlischen Jerusalem sei der reale Ort nicht damit gleichzusetzen, betonte Bernet. Laut Vorstellung der Brüdergemeine sei die irdische Gemeinde vielmehr eine Art Spiegelbild der himmlischen. Damit verbinden könne man ein gerechtes, werteorientiertes Zusammenleben. Die Kirche müsse damit kein Zukunftsbild neu erfinden, sondern dürfe sich darauf besinnen, wie sich biblische Bücher das Zusammenleben vorstellen.

Er habe in den Beschreibungen des Himmlischen Jerusalems viel von Königsfeld wiedererkannt, so Wolfgang Schaible, Vorsitzender des Historischen Vereins. Auch Bürgermeister Fritz Link sah „sehr plausible Begründungen“ für die Ähnlichkeiten. Bernet wies dabei auch auf die Durchgrünung des Himmlische Jerusalems hin, die sich am Paradies orientiere.

Das Schwarzwälder BAARometer
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis Montag bis Samstag im kompakten Überblick.