90. Geburtstag in St. Georgen
: Vom Kriegskind zum Chronisten seines Lebens

Ein St. Georgener blickt auf 90 bewegte Jahre zurück: Krieg erlebt, unzählige Orte bereist und vieles mit der Kamera festgehalten. Stillstand kennt Hermann Bauknecht bis heute nicht.
Von
Raphael Sickinger
Oberndorf
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Über 200 Filme hat Hermann Bauknecht mit seiner Kamera aufgenommen und gesammelt.

Raphael Sickinger

Es war ein herrlicher Tag, himmelblau, die Straßen voller Leute – ein schöner Samstag. Als plötzlich ein Gebrumme ertönte, welches Hermann Bauknecht bis heute nicht vergessen wird. „Es war der Wahnsinn.“ Ein Flieger neben dem anderen – ein ganzer Haufen tauchte am Himmel auf. Sie flogen über St. Georgen – aber niemand flüchtete in den Keller. Stattdessen schauten die Menschen ganz neugierig in den Himmel, um zu schauen, was da los war.

Als kleiner Junge erlebte Bauknecht immer wieder Luftangriffe der Alliierten auf die Bergstadt. Das Haus in dem er mit seiner Familie wohnte, blieb verschont, aber die Bahnhofregion wurde stark bombardiert, erzählt er. Wenn die Sirenen heulten, waren die Flieger bereits da und es blieb wenig Zeit, sich in Sicherheit zu begeben. Heute feiert er seinen 90. Geburtstag und blickt auf seine Lebensgeschichten zurück.

Über 60 Jahre verheiratet

Aufgewachsen in der Bergstadt, hat er viele prägende Zeiten erlebt. Nach der Schulzeit begann Bauknecht mit 14 Jahren in der Werkstatt seines Vaters zu arbeiten. Allerdings machten die Auspuffgase seiner Gesundheit zu schaffen, weshalb er sich neu orientieren musste. Sein Onkel bildete ihn schließlich zum Glaser aus. Bauknecht übernahm später dann auch die Glaserei Ketterer von seinem Großvater. Heute existiert der Betrieb nicht mehr, da Bauknechts Söhne andere berufliche Wege eingeschlagen haben.

Das Leben führte ihn auch früh zusammen mit seiner großen Liebe. Seine Frau Renate lernte er an einem Silvesterabend im Café Schöner, heute Sparkasse, kennen beim Tanzen. Sie war lange Zeit Lehrerin an der Gerwigschule. Gemeinsam feierten sie noch Diamantene-Hochzeit, aber vor zwei Jahren starb seine Frau. Seitdem wohnt Bauknecht alleine in einer Wohnung im Haldenweg.

Der Ort an dem Hermann Bauknecht seine große Liebe kennen lernte – ein Modell vom Café Schöner.

Foto: Raphael Sickinger

Reisen gehörten für das Ehepaar stets dazu. Besonders oft zog es sie nach Istrien, wo sie eine Familie kennenlernten und sich mit ihr anfreundeten. Eine große Leidenschaft, die den 90-Jährigen schon seit den 60er-Jahren begleitet, ist das Filmen.

So hielt er auch einige Urlaubausflüge mit seiner Familie auf seiner Kamera fest und dokumentierte viele Eindrücke. Über 200 Filme hat er im Laufe der Jahre aufgenommen, etwa von Reisen nach Jordanien oder Marokko. Die Sammlung bewahrt er bis heute auf.

Seine Filme zeigen persönliche Momente aber auch historische Ereignisse, eine Art Zeitreise in die Vergangenheit.

Foto: Raphael Sickinger

Neben dem Filmen gehörte früher noch das Fußballspielen zu seinen Hobbys, bis er sich bei einem Spiel schwer verletzte. Doch es war nicht das Ende seiner sportlichen Karriere – er begann das Fechten beim Fechtclub Triberg. An seinen ersten Fechtkampf erinnert er sich allzu gut: In Basel kämpfte er gegen den Olympia-Bronzemedaillengewinner von Helsinki – er musste sich knapp geschlagen geben. Außerdem sang er mehr als 70 Jahre lang im Kirchenchor.

Ratschlag für die Jugend

Mit Blick auf sein langes Leben hat der 90-Jährige auch einen Rat für die jüngere Generation: „Man sollte Sprachen lernen.“ Diese Möglichkeit habe er in seiner Schulzeit nicht gehabt. Zudem sei es wichtig, die eigenen Fähigkeiten und sich bietende Chancen zu nutzen.

Ganz ohne Pläne blickt Bauknecht auch mit 90 Jahren nicht in die Zukunft. Ein Ziel hat er schon vor Augen: er möchte das Land Montenegro erkunden.

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