Unsere Besten: Hans-Jochem Steim ist ein Mensch der Technik, Wirtschaft, Politik und Kultur

Hans-Jochem Steim in der Empfangshalle von Gut Berneck am Spieltisch des selbstspielenden einzigartigen „Schiedmayer Scheola Orgel Harmoniums“ von 1920, für das die Instrumentenbauer ein Harmonium mit Percussion, eine Celesta und eine Orgel zusammengefügt haben.
Johannes FritscheBildbände und Monografien jüngeren und älteren Datums zu Technik, Baukunst und Museen oder zur Stadt Schramberg sind auf dem großen Tisch der repräsentativen Bibliothek der Villa Gut Berneck ausgebreitet. Einige davon sind schon zur Entstehungszeit des imposanten Gebäudes erschienen. Uhrenfabrikant Arthur Junghans hatte es in den Jahren 1910 bis 1911 als seinen Familienwohnsitz errichten lassen.
Oldtimer und mechanische Musikinstrumente zwei Leidenschaften
Der heutige Hausherr Hans-Jochem Steim blättert in einem Journal zu mechanischen Musikinstrumenten auf dem Tisch – neben Oldtimern eine seiner Leidenschaften – und beginnt zu erzählen.
Besatzungszeit erlebt
Im Jahr 1942 in eine Unternehmerfamilie hineingeboren, hat er die französische Besatzungszeit nach dem Krieg in Schramberg als Schulkind in lebhafter Erinnerung. „Ich habe damals gelernt, dass man Fremdsprachen können und dass man fleißig sein musste, weil alles knapp war, und dass es durch Fleiß jedes Jahr ein Stück besser wurde.“ In den Folgejahren haben ihn dann die sich entwickelnde soziale Marktwirtschaft der „Westzone“, die Regierungszeit der Kanzler Konrad Adenauer und Ludwig Erhard sowie die Aussöhnung mit Frankreich „ein Stück geprägt“.
Doktorarbeit in Metallurgie
Nach dem Abitur am Gymnasium Schramberg 1961 studierte Steim Ingenieurwissenschaften. Den Abschluss als Diplomingenieur machte er 1967 im Fachbereich Allgemeiner Maschinenbau an der Universität Karlsruhe. 1970 promovierte er mit einer Doktorarbeit zur Stahlhärtung auf dem Gebiet der Metallurgie. Mit dem damit erworbenen Wissen und in Kooperation mit mehreren Stahlproduzenten wird der Federn-Spezialist Kern-Liebers in den Folgejahren mit Hans-Jochem Steim zum weltweit führenden Hersteller von Rückholfedern für Sicherheitsgurte.
Mitte der 1970er Jahre für Kern-Liebers in Toledo, Ohio
Doch zunächst verdiente sich Steim seine ersten Sporen Mitte der 1970er-Jahre, als er in den USA in Toledo, Ohio, eine Tochterfirma von Kern-Liebers aufbaute. Ab 1991 steuerte er das Gesamtunternehmen als Vorsitzender der Geschäftsführung und baute schon damals nach dem Prinzip Local-for-local-Produktion die internationalen Standorte von Kern Liebers auf: „Überall dort, wo Autos gebaut wurden.“ Bereits im Jahr 2005 wurde Steim für seine Verdienste als Unternehmer in der Volksrepublik China als Ehrenbürger der Stadt Taicang ausgezeichnet. Dieselbe Würde erfuhr er 2007 anlässlich seines 65. Geburtstags in seiner Heimatstadt Schramberg.
China als Markt erkannt
Viel früher als andere hatte Steim die Bedeutung des chinesischen Marktes erkannt und auch dort schon 1983 als erster Ausländer in China ein Werk als hundertprozentige Tochterfirma gegründet, ohne die bis dahin vorgeschriebene chinesische Beteiligung von mindestens 50 Prozent. Heute sind in Taicang 420 deutsche Firmen tätig. Deswegen wurde nach Peking und Shanghai in Taicang die dritte deutsch-chinesische Handelskammer aufgebaut.
Übernahme von Junghans
Nach 40 Jahren im Juli 2010 zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück und wurde Vorsitzender des Verwaltungsrats. Schon ein Jahr vor diesem Wechsel hatte er im Februar 2009 als neuer Eigentümer zusammen mit seinem Sohn Hannes die Uhrenfabrik Junghans übernommen, um die Marke und die Produktion in und für Schramberg zu bewahren. Damit schloss sich ein Kreis: Steims Urgroßvater Hugo Kern hatte sein Geschäft als Zulieferer von Junghans begonnen.
Konzentration auf das Projekt Terrassenbau-Museum
Ende 2021 schied Steim aus dem Leitungsgremium von Kern-Liebers aus und konzentrierte sich auf seine Projekte Terrassenbau-Museum, das sogar den Landesdenkmalschutzpreis erhalten hat, und die Sanierung von Gut Berneck. Das konnte er am 10. September 2023, am „Tag des offenen Denkmals“, nach mehrjähriger denkmalgerechter Renovierung als „Gästehaus, Veranstaltungsort und Ausstellung selbstspielender (mechanischer) Musikinstrumente“ wiedereröffnen. Beide Projekte sind zusammen mit seiner Autosammlung eine nicht zu unterschätzende Bereicherung für Schramberg als Stadt und wirken weit darüber hinaus.
Politisches Engagement
Steim hat sich von seinem Selbstverständnis her aber nicht nur als Unternehmer (unter anderem als Vorsitzender des deutschen und europäischen Federnverbandes) und architektonischer Kulturbewahrer gesehen, sondern sich mit derselben Energie auch als Studentenfunktionär, Kommunalpolitiker und als Landtagsabgeordneter politisch eingebracht. Immer gut vernetzt im Bundesland und im Bund bis zum heutigen Tage setzt er sich für die Belange seiner Heimatstadt und seiner Region ein.
„Viele Politiker zeichnen sich durch ein abgebrochenes Studium aus“
Sorgen bereitet Steim allerdings die berufliche Qualifikation heutiger Politiker: „Viele zeichnen sich durch ein abgebrochenes Studium aus und finanzieren von jung an über die Politik ihr Leben.“ Und er wünscht sich Politiker, die ihre Wiederwahl nicht mit Gefälligkeit und Populismus sicherten, sondern durch ernsthaftes Bemühen. „Jetzt in diesen Zeiten geht es darum, das Erreichte wenigstens zu erhalten und die überbordende Bürokratie mit gesundem Menschenverstand anzugehen, vor allem aber alles möglichst ohne Krieg.“