Kirchenspaziergang in Schenkenzell: Ein Motiv gibt bis heute Rätsel auf

Die Gestaltung der evangelischen Kirche erläuterte Pfarrer Herbert Kumpf.
M. BuzziZusammen mit der katholischen Gemeinde und dem Historischen Verein lud die evangelische Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Kirchenspaziergang mit Heimatforscher Willy Schoch und Pfarrer Herbert Kumpf ein.
Nach der Begrüßung durch Cornelia Kilguß berichtete Willy Schoch umfassend über Entstehung, Baumaßnahmen und Innenausstattung der Kirche St. Ulrich. Erstmals 1275 wird ein Pfarrer erwähnt, bereits 1331 wurde dem Kloster Wittichen das Patronatsrecht für die Schenkenzeller Kirche übertragen. Diese wurde über die Jahrhunderte mehrmals erweitert und erneuert, 1774 unter Leitung des fürstenbergischen Baumeisters Salzmann. Seither prangt das Wappen des Witticher Konvents über dem Kirchenportal.
Auch Pfarrhaus und Nebengebäude entstanden neu. Vorerst behalf man sich mit der bescheidenen Innenausstattung der alten Kirche. Erst mit der Säkularisierung ergab sich die Gelegenheit, Inventar wie die prächtige Kanzel, zwei Seitenaltäre, den Hochaltar mit Altarbild sowie Heiligenfiguren aus der ehemaligen Klosterkirche Oberndorf günstig zu erwerben.
Barockes Aussehen
In beiden Weltkriegen mussten Glocken abgeliefert werden, es blieb der Gemeinde nur das kleine „Josefsglöckle“. Aber bereits 1949 konnten mit Hilfe namhafter Spender die heutigen fünf Glocken angeschafft werden. 1980 stand mit dem Abriss der Kirche eine grundlegende Veränderung an. Der größere Neubau sollte ein barockes Aussehen beibehalten, die Fertigstellung war 1982, und erst vor kurzem wurde der marode Dachstuhl saniert.
Auf dem Weg zur evangelischen Kirche informierte Schoch über das Feldkreuz am Heilig-Garten, dessen Herkunft und Geschichte er rekonstruiert hatte. Es geht auf die Familie Willibald Bühler zurück, deren Gehöft nach einem Blitzeinschlag 1887 abbrannte und die daraufhin ein Grundstück an der Bahnhofstraße erwarb und es bebaute. Das Haus fiel in den 1980er Jahren dem Straßenausbau zum Opfer, übrig blieb das gestiftete Wegkreuz, das 2023 mit Spendengeldern restauriert wurde.
Geistliche Heimat ab 1956
Die im Vergleich kurze Geschichte der kleinen evangelischen Kirche und deren künstlerische Ausgestaltung stellte anschließend Pfarrer Herbert Kumpf vor. Ab Ende 1956 wurde sie fast 200 Heimatvertriebenen zumeist aus Pommern und Ostpreußen zur geistlichen Heimat.
Dem durch Holz und Klinkersteine geprägten Innenraum schließt sich als Chor ein halbrunder farbig verglaster Anbau an, den der vielseitige Künstler Herbert Lentz gestaltete. Die pastellfarbenen, lichtdurchlässigen Buntglasscheiben verdichten sich zur Mitte hin, dort dominieren Brauntöne und lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters zum Altar hin.
Lentz schuf an der hinteren Kirchenwand auch einen langen, nur 70 Zentimeter hohen Fries, der Personen und Tiere in unterschiedlicher Ausprägung zeigt. An zentraler Stelle thront der auferstandene Christus. Die Deutung des Motivs gibt bis heute Rätsel auf, erklärte Kumpf, möglicherweise spiegelt das Sgraffito aber Erlebnisse während Vertreibung und Flucht. Theologisch könnten die verschiedenen Personengruppen als Christus zugewandt, unentschlossen oder aber abgewandt interpretiert werden.