Vortrag im Schopfheimer Stadtmusik
: Gemeinsam gegen die Einsamkeit

In einem vielseitigen Vortrag sprach der Philosoph und Theologe Uwe Gerber im Stadtmuseum Schopfheim über Ursachen von Vereinsamung und mögliche Lösungsansätze.
Von
red/pm
Schopfheim
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Symbolbild Einsamkeit

Das Gefühlt der Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet.

Julian Stratenschulte/dpa
  • Vortrag in Schopfheim: Uwe Gerber beleuchtete Ursachen und Wege aus der Einsamkeit.
  • Laut Gerber fühlt sich jede dritte Person oft einsam, elf Prozent sogar ständig.
  • Gründe: historische Individualisierung, Kapitalismus, Globalisierung und Misstrauen seit Corona.
  • Betroffen sind Stadt und Land, besonders Ostdeutschland sowie viele Jugendliche.
  • Gerber plädiert für Perspektivwechsel und höfliche Distanz – Nähe braucht auch Abstand.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Derzeit fühlt sich bei uns in Deutschland jede dritte Person oft einsam, elf Prozent der Bevölkerung fühlen sich sogar ständig einsam“, erklärte Gerber. Der emeritierte Professor für Theologie an der Uni Basel hat sich seit drei Jahren intensiv mit dem Thema befasst. Mit Hilfe verschiedener Quellen, darunter das „Einsamkeitsbarometer“ des Familienministeriums von 2024, zeichnete er im Stadtmuseum ein breites Panorama der Einsamkeit.

Stadt und Land gleichermaßen betroffen

Besonders verbreitet ist Einsamkeit offenbar in Ostdeutschland, aufgrund der Abwanderung und des Gefühls, vom Westen nicht gesehen zu werden. Sogar das Dorf ist offenbar kein Hort der Geselligkeit mehr – in Stadt und Land fühlt man sich gleichermaßen allein. Menschen aller Altersklassen, darunter 20 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren, klagen über Einsamkeit.

Wie konnte es dazu kommen? Bei der Ursachenforschung schlägt Uwe Gerber den Bogen zurück zur Renaissance, als man sich in Europa allmählich aus den Bezugssystemen von Glauben und Kirche löste. Die Menschen entdeckten ihre Individualität und Freiheit – auch negative Folgen wie Egoismus und Abschottung inklusive, so Gerber – der Verlust der „himmlischen Sicherheit“. Ende des 19. Jahrhunderts verkündete der Philosoph Friedrich Nietzsche, flankiert von Verstädterung, Industrialisierung und dem erstarkenden Kapitalismus, die totale Vereinzelung einer Menschheit ohne Gott.

Zerstörerische Kraft des Neoliberalismus

Beim Thema Kapitalismus sparte Gerber nicht mit traditioneller linker Kritik: Das Zitat der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher „Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen“ steht für ihn exemplarisch für die zerstörerische Kraft des angloamerikanischen Neoliberalismus, in Deutschland eingeführt unter Kanzler Schröder. Zu typisch modernen Erscheinungen wie Konkurrenzdruck, Globalisierung, Klimawandel und negativen Folgen der Digitalisierung geselle sich ein spätestens seit Corona wachsender Vertrauensverlust gegenüber Staat und Politik, aber auch zwischen den Menschen selbst. „Die Welt wird zu einem wirren Fremdkörper, den wir nicht mehr verstehen“, so Gerber.

Perspektivwechsel nötig

Was also tun? Die Freiheit gegen einengende Gesellschaftsmodelle einzutauschen, kommt für den Philosophen nicht in Frage. „Rechtlich soll in unserer Demokratie Gleichheit herrschen, aber gesellschaftlich sollen wir Vielfalt leben können“, so Gerber. Nötig sei ein Perspektivwechsel von Egozentrik hin zum geduldigen Wahrnehmen anderer Menschen – und dies mit höflicher Distanz. Damit die Menschen sich wieder näherkommen können, brauchen sie, so Gerber, paradoxerweise einen gewissen Abstand.

Diskussion und musikalische Umrahmung

Aktuelle Themen wurden im Anschluss an den Vortrag diskutiert. Ein Vertreter des Jugendparlaments konnte der Frage nach einem Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren Positives abgewinnen. Auch das Thema Alterseinsamkeit wurde aufgegriffen. Großes Lob erhielt der Beitrag der Cellistin Ceciel Strouken, die den Abend mit Werken von Johann Sebastian Bach und Joseph dall’Abaco stimmungsvoll umrahmte.