Sommersprossen Rottweil
: Kraft und Schönheit der Musik gegen die Bedrohungen in der Welt

Beim Rottweil Musikfestival Sommersprossen feiern die Besucher inspiriert und virtuos aufgeführte Musik. Weshalb so auch das Wiederhören zum Erlebnis wird.
Von
Heide Friederichs
Oberndorf
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Florian Donderer (von links), Elisabeth Brauß, Annette Walther, Xandi van Dijk und Thomas Schmitz spielen Schostakowitschs Klavierquintett.

Bodo Schnekenburger

„Richtungsweisend“ war das letzte Kammermusikkonzert des Musik Festivals Sommersprossen in doppelter Hinsicht: Das Signum Quartett mit den Solisten Tanja Tetzlaff, Tobias Feldmann und Elisabeth Brauß unter der Intendanz Florian Donderer führten zum Ende des kammermusikalischen Teils des Festivals Werke des Aufbruchs in neue Kompositionsauffassungen auf, um mit Minimalmusik zur zeitgenössischen Musik überzuleiten – passend zum Festivalgelände der Kunststiftung Erich Hauser.

Ludwig van Beethovens Streichtrio op. 9/3 ist so ein „richtungsweisendes“ Werk des jungen Komponisten, das ins kommende 19. Jahrhundert weist. Florian Donderer (Violine), Xandi van Dijk (Viola) und Tanja Tetzlaff (Violoncello) bewiesen zudem, wie durch ihr exzellentes Zusammenspiel in starker Eleganz und virtuoser Leichtigkeit sogar der Neuerer Beethoven heute neu aufgefasst werden kann.

In der Sonata Nr. 5 der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz von 1951 wurden diese Weiterentwicklungen von Tobias Feldmann (Violine) und Elisabeth Brauß (Klavier) ins Expressive perforiert. In unglaublicher Transparenz wechselten beide Solisten zwischen rasanten Forteeinschüben und gedämpft ruhender Innerlichkeit – wenn etwa die Violine über „Glas“-klaren Pianoanschlägen förmlich singt.

Dimitri Schostakowitschs einziges Klavierquintett, – in g-moll, 1940 geschrieben – verweist bereits auf den Zweiten Weltkrieg und den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion. Seine „Leningrader Symphonie“ 1941 ist die musikalische Widerspiegelung der Belagerung dieser Stadt. Die Bedrohungen hat Schostakowitsch in seinem zuvor entstandenen Werk bereits geahnt, und er lässt sie immer wieder durchbrechen.

Das Signum Quartett und Pianistin Elisabeth Brauß bewiesen hohe Flexibilität und Einfühlung in ihrer Interpretation, sei es in den beiden langsamen ersten Sätzen Präludium und Fuge – Bach war sein großes Vorbild Schostakowitschs –, sei es in den schnellen Sätzen. Herausragend das Scherzo des dritten Satzes: In die klare Wucht des überbordenden Beginns mischte sich bereits klagende Stille der Streicher – grandios im Adagio in eine lautlose Stille mündend –, während das Scherzo alle zuvor erstorbene Stille wieder aufriss. Die fünf Musiker legten diesen russischen Tanz in einer grandiosen Schnelligkeit und Grazilität „auf’s Parkett“. Elisabeth Brauß zeigte hier – wohl ähnlich wie Schostakowitsch, selbst Pianist mit dem damaligen Beethoven Quartett – rhythmische Versiertheit und spielerische Anmut zugleich.

Im Finale steigerten alle Musiker durch rhythmisch starke Präsenz und feinsinnige Transparenz die Werk-Aussage: Schostakowitschs Kampf gegen die Bedrohungen in der Welt und gegen ihn persönlich als Komponisten, dem er und die Interpreten seines Werks die Kraft und Schönheit der Musik entgegensetzen.

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