Kunst und Religion in Rottweil
: Kreuzstreet – wenn Graffiti auf Gotik trifft

Für die Ausstellung „Kreuzstreet“ im Heilig-Kreuz-Münster interpretieren sieben Streetart-Künstler den Kreuzweg in ihrer ganz eigenen Sprache.
Von
Stefanie Siegmeier
Oberndorf
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Am Freitag wird der Graffiti-Kreuzweg „Kreuzstreet“ im Heilig-Kreuz-Münster aufgehängt. Konstantin Viktor Müller (links) und Adam Goldwald tauschen sich dabei mit Initiator Michael Grimm (Zweiter von links) und Pfarrer Timo Weber (Dritter von links) aus.

Siegmeier

Sieben Stationen. Sieben Künstler. Sieben Tafeln. Seit Freitagnachtmittag hängt an der Empore im Heilig-Kreuz-Münster, pünktlich zur Karwoche, ein Kreuzweg. Modern interpretiert. Von jungen Graffiti-Künstlern. In ihrer ganz eigenen Sprache und mit dem Titel „Kreuzstreet“.

Dass Gotik und Graffiti kein Widerspruch sind, das zeigen die Arbeiten. Auch wenn die sieben Tafeln auf den ersten Blick so kreuzweguntypisch erscheinen, so finden sich beim genauen Betrachten doch typische christliche Symbole darin. Etwa die Station 1, die Adam Goldwald gestaltet hat, der auch beim Installieren am Freitagmittag im Münster dabei ist. Der Künstler aus Donaueschingen hat die Verurteilung Jesu in den modernen Kontext gesetzt. Jesus kniet in einer belebten Einkaufsstraße auf dem Boden, vor ihm eine Pfütze, seine Hände sind mit einem roten Band gebunden. Verlassen von Allen. Die schwarz dargestellten Menschen sind alle von ihm abgewandt.

„Ein starkes Bild“, wie Initiator Michael Grimm sagt. Auch Pfarrer Timo Weber ist begeistert von den sieben ganz unterschiedlichen Arbeiten. „Ich bin fasziniert und ich finde es toll, dass sich junge Menschen mit dem Thema auseinandersetzen und die christliche Botschaft ins Heute übertragen“, sagt er. Jeder von uns könne sich in den Bildern wiederfinden. „Und ich hoffe, dass sie zum Gespräch und Austausch anregen“, so der Pfarrer, der bereits heute ankündigt, dass die sieben Stationen in seiner Predigt am Ostersonntag Thema sein werden.

Auch der Rottweiler Graffiti-Künstler Konstantin Viktor Müller ist mit von der Partie, hat den Kontakt zu den Künstlern hergestellt. Doch es sei gar nicht so einfach gewesen, Künstler für das Projekt zu gewinnen. Viele hatten eine Kirche schon lange nicht mehr betreten und konnten auch nicht viel mit Kirche anfangen. An der Person Jesu und seiner Botschaft seien sie schon eher interessiert gewesen. Damit hätten sie etwas anfangen können, denn Jesus sei irgendwie auch Streetworker gewesen.

Das ist was Neues

Konstantin Viktor Müller erzählt von seiner Motivation, sich zu beteiligen: „Die alten Meister haben auch mit der Kirche zusammengearbeitet. Ich sehe mich in deren Tradition. Außerdem fand ich die Idee sehr schön, den Kreuzweg von ein paar Sprühern gestalten zu lassen. Das ist was Neues. Die Geschichte von Jesus auf unsere Art zu zeigen, wird die Sache einem anderen Publikum zugänglich machen. Das fand ich sehr motivierend.“

Michael Grimm hat die Ausstellung initiiert. „Als Zunftmeister der Küferzunft stand ich bei der 900-Jahr-Feier des Heilig-Kreuz-Münsters im Chor und blickte immer auf die Stirnseite der Empore. Da muss was hin. Kunst“, erinnert er sich im Gespräch. Er habe daraufhin Kontakt mit Pfarrer Timo Weber aufgenommen. Dieser und auch der Kirchengemeinderat hätten sich offen gezeigt.

Die Kunst der Rebellion

Eine Station hat auch Rob Hak gestaltet. „Ich war da! J.“ ist in großen schwarzen Lettern zu lesen, von denen die Farbe noch herunterrinnt. Für Hak ist die Verbindung schnell klar: „Streetart ist die Kunst der Rebellion. Und für mich war Jesus auch ein Rebell – im positiven Sinne. Einer der innoviert und friedlich aufzeigt, was schiefläuft“, sagt er.

Der Künstler Horst, der derzeit im „Youngblood-Artspace“ ausstellt, hat die achte Station des Kreuzwegs – Jesus und die weinenden Frauen – in die Gegenwart übertragen und in einen aktuellen medialen Kontext eingebettet. „Kunst und Kirche gehören einfach zusammen. Die Chance zu haben, eine Station des Kreuzwegs in meinem Stil zu malen und in einer Kirche ausstellen zu dürfen, hat mich besonders motiviert“, sagt Torben Störner, alias CONO über seine Tafel.

Lutz Fischer (Meso) ist überzeugt, dass Street- und urbane Art durchaus zum Kreuzweg passt, denn die Themen wie Unterdrückung, Empathie oder Solidarität, die im Kreuzweg eine Rolle spielten, seien heute aktueller denn je. „Ich habe mich in meiner Collage für die dritte Station – Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz – entschieden, und darin zeige ich die Empathielosigkeit und Gleichgültigkeit, die in der Gesellschaft grassiert. Nur eine Person hilft Jesus, während die anderen zuschauen, fotografieren und nicht eingreifen. Dabei habe ich bewusst auf Abbildungen von Personen aus verschiedenen Epochen zurückgegriffen, um aufzuzeigen, dass das Thema eine immerwährende Aktualität hat“, erklärt er.

„Die elfte Station – Jesus wird ans Kreuz genagelt – hat mich bewegt, weil sie den Moment markiert, in dem die Gewalt vollständig entlarvt wird und es kein Zurück mehr gibt. Ich wollte dieses Unbehagen festhalten – es sprechen lassen“, sagt Somari, eine Künstlerin aus der Ukraine.

Gespannt verfolgten die Kirchenbesucher am Freitagmittag das Geschehen, schauen zu und diskutieren, bis die Tafeln an der Empore angebracht sind.

Ein sehr zeitgenössisches Thema

„Klar geht es bei ‚Kreuzstreet‘ um Kunst. Aber es geht um mehr. Der Kreuzweg, der Tod Jesus am Kreuz und die Auferstehung, in welcher Form auch immer, sind die großen Themen im Jahreskalender der Christen. Aber keinesfalls nur an Ostern“, so Michael Grimm. Schon die Verurteilung Jesu sei ein sehr zeitgenössisches Thema. „Seine Hände in Unschuld waschen. Das geht mich nix an. Andere sollen sich kümmern. Ist das wirklich nur der Beginn des Kreuzwegs? Dieses Thema ist allgegenwärtig. Immer. Es passiert ständig. Das ganze Jahr über. Auch uns. Wir halten uns raus, wo wir eingreifen sollten. Sind stumm, wo unsere Stimme gebraucht würde“, ergänzt Grimm, der bereits Ideengeber für die Ausstellung „Kreuzwege im Dialog“ mit Arbeiten der Künstler Siegfried Haas, Tobias Kammerer und Frank Burkard, im vergangenen Jahr in der Lorenzkapelle war, und auch auf den „großartigen Kreuzweg von Albert Birkle“ in Göllsdorf hinweist.

„Sicher gewinnen wir, neben den meisten Künstlern, auch viele Menschen für einen Besuch der Kirche, die eine solche schon lange nicht mehr betreten haben. Und sicher werden nicht wenige Menschen neu über das Thema Botschaft Jesus nachdenken“, sind Initiator und Künstler überzeugt. Voraussichtlich bis Fronleichnam sollen die Tafeln hängen bleiben. In er Kirche wird es ein kleines Handout zu den Tafeln und den Künstlern geben.

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