Experte erklärt: Der Klimawandel beutelt einige Arten in der Ortenau heftig

Das durch Stechmücken übertragene Usutu-Virus breitet sich laut dem Ortenauer Wildtierbeauftragten Maximilian Lang immer weiter aus – und hat zu einem massiven Amselsterben geführt.
dpa„Besonders auffällig sind die Veränderungen bei den Vögeln“, konstatiert der Wildtierbeauftragte des Ortenaukreises, Maximilian Lang, gegenüber unserer Redaktion. Manche Zugvögel überwinterten inzwischen regelmäßig hier, und das Brutgeschäft beginnt vielerorts früher.
„Aber auch Säugetiere passen sich an: Das Reh findet durch mildere Winter und längere Vegetationszeiten länger Nahrung. Dadurch verschiebt sich der gesamte Rhythmus der Nahrungsaufnahme im Jahresverlauf“, erklärt der Experte.
Speziell anhaltende Trockenheit treffe die Tiere gleich mehrfach. „Wenn Kleingewässer austrocknen, verlieren Amphibien ihre Laichplätze, und auch die Insektenbestände gehen zurück – das spüren Vögel und Fledermäuse sofort“, erläutert Maximilian Lang.
Neue Tiere wandern in die Ortenau ein
Größere Wildtiere wie Wildschweine litten ebenfalls, denn sie suchten dann gezielt die wenigen Bereiche auf, in denen Bäche oder Flüsse noch Wasser führen. Zudem sterben in Dürrejahren vermehrt Bäume ab. „Kurzfristig entstehen dadurch lichte Flächen mit viel Strauchwuchs, wovon Rehe profitieren. Langfristig aber leidet die Stabilität und Vielfalt des Waldes“, schlussfolgert der Wildtierexperte.
Allerdings verändert der Klimawandel nicht nur das Verhalten und die Lebensbedingungen hiesiger Tierarten – es wandern auch zunehmend neue in der Region ein. „Wärmeliebende Insekten wie die Gottesanbeterin treten inzwischen häufiger auf“, gibt Lang ein Beispiel.
Bei den Vögeln breiteten sich zudem Arten wie der Bienenfresser, etwa am Kaiserstuhl, oder der Schwarzmilan immer weiter aus. „Und bei den Säugetieren beobachten wir den Waschbären als etablierten Neozoon. Auch der Goldschakal ist auf dem Vormarsch – ursprünglich aus dem vorderasiatischen Raum, wandert er seit einigen Jahrzehnten stetig nach Mittel- und Nordeuropa“.
Usutu-Virus sorgt für Amselsterben in der Region
Mit dem Klimawandel halten jedoch nicht nur neue Arten Einzug in die Region, auch neue Krankheiten machen den einheimischen Arten zunehmend zu schaffen. „Bei den Singvögeln hat das Usutu-Virus zu einem massiven Amselsterben geführt, und auch das West-Nil-Virus breitet sich aus“, berichtet Lang.
Bei Huftieren beobachteten seine Kollegen und er verstärkt Parasiten wie Magen-Darm-Würmer oder Hautkrankheiten, die in milden Wintern leichter überdauern können. Amphibien wiederum seien durch Pilzerkrankungen bedroht, die sich bei feucht-warmen Bedingungen besonders rasch ausbreiteten.
Aufbau stabiler Mischwälder soll Folgen des Klimawandels mildern
Das wichtigste Instrument des Waldmanagements, um den negativen Folgen des Klimawandels gegenzusteuern, sei der Aufbau stabiler Mischwälder. „Unterschiedliche Baumarten machen den Wald widerstandsfähiger gegenüber Extremwetter und bieten vielfältige Lebensräume“, erläutert Lang unserer Redaktion.
„Wir lassen Totholz und Biotopbäume stehen, die für Spechte, Fledermäuse und Insekten wertvoll sind. Zusätzlich pflegen wir Feuchtstellen, entwickeln Waldränder und legen Wildäcker an. Und wir steuern die Wildbestände jagdlich so, dass sich eine vielfältige Naturverjüngung etablieren kann.“ Um das alles umzusetzen, würden Förster, Jäger und andere Akteure in der Ortenau eng zusammenarbeiten.
Aufgaben eines Wildtierbeauftragten
Mit Maximilian Lang stellte der Kreis im Sommer 2023 seinen ersten hauptamtlichen Wildtierbeauftragten ein. Lang war zuvor als persönlicher Referent für die Themen Wald und Wild im Büro eines Landtagsabgeordneten tätig. Parallel dazu ist er als engagierter Jäger seit mehreren Jahren Referent für Wildtierkunde in der Jungjägerausbildung und ist im Schalenwildmanagement des Nationalparks Schwarzwald aktiv. Lang sammelte bereits während sowie nach seinem Studium der „Waldwirtschaft und Umwelt“ an der Universität Freiburg Erfahrungen im Themenbereich Wildtierökologie und Wildtiermanagement. Der Experte ist Ansprechpartner für wildtierbezogene Fragen offizieller wie privater Art, vermittelt zwischen entsprechenden Akteuren und ist für das regionale Wildtiermonitoring verantwortlich.