Mysteriöse Holztafel entschlüsselt: Ein Shootingstar startet in Mühlheim am Bach

Mit handgeschriebenem Text weisen die Erbauer der Orgel nicht nur auf ihr Werk hin, die begabten jungen Handwerker geben durchaus Hinweise darauf, dass sie derzeit – 1740 – noch Singles sind. Das sollte sich übrigens bald ändern.
StrobelKürzlich tauchte im Nachlass des ehemaligen Ortsvorstehers Gottlob Stein eine zunächst rätselhafte kleine Holztafel auf. Sie schien sehr alt zu sein, trug sie doch die Jahreszahl 1740. In fein säuberlicher Handschrift ist dort ein schließlich sehr aufschlussreicher Text – und mittelbar schon auch ein wichtiges Zeugnis für die Wertigkeit der historischen Orgel in der Kilinaskirche – zu lesen.
Eisige Zeiten
Nach einiger Recherche konnte nun Licht in das Mysterium gebracht werden. Zunächst muss festgehalten werden, dass mit dem „calten Wünder“ die wohl extremsten Wintermonate des Jahrtausends der Jahre 1739/1740 gemeint worden sind. Bereits im Oktober erstarrte der ganze Kontinent in Eis und versank im Schnee. Alle Flüsse Europas, die Ostsee, selbst die Adria war stellenweise zugefroren. Erst im Juni des Jahres 1740 gab es wieder die ersten frostfreien Tage.
Was hat es nun mit unserer rätselhaften Holztafel auf sich? Johann Siegmund Haußdörffer war ein Orgelbauer, und sein Kompagnon Christian Friedrich Starck war ein Schreiner seines Standes. Die beiden wanderten im selben Jahr vom Erzgebirge ins „gelobte Land“ Württemberg aus. Haußdörffer stammt aus einer Familie von Orgelbauern. Sein Vater und zwei Brüder übten ebenfalls dieses anspruchsvolle Handwerk aus. Offenbar lastete ein hoher Auswanderungsdruck auf ihm.
Innovativer Meister
Ein ideales Ziel schien ihm das evangelische und pietistisch geprägte Schwabenland zu sein. Eines ihrer ersten, oder wahrscheinlich sogar das allererste Projekt erwarteten die beiden in der Mühlheimer Kilianskirche. Haußdörffer gilt als der bedeutendste Orgelbauer des 18. Jahrhunderts in Württemberg und die Erfindung der Registerkanzellenlade wird ihm zugeschrieben.

Die historische Orgel in der Mühlheimer Kilianskirche hat vielleicht keinen großen Namen, allerdings ist sie ein frühes Werk eines Meisters aus Sachsen, der von Schwaben aus dem Orgelbau einen bedeutenden Implus gab.
Foto: BaischOb der Mühlheimer Schulmeister und Organist Jakob Klein mit dieser neuen Technik zurechtkam oder ob er sich überfordert fühlte, bleibt einmal dahingestellt. Nicht weniger als 18 Orgeln im Stile des Rokoko sind nachweislich auf Haußdörffer zurückzuführen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: 1741 Oberlenningen, 1742 Sulz am Neckar, 1745 Heimsheim, 1754 Blaubeuren, 1755 Esslingen, 1760 Waldenbuch, 1767 Balingen.
Zweideutiges Etikett
Dass ein „Typenschild“ auch als Heiratsannonce dienen kann, ist schon erstaunlich. Heute hätten sich die beiden jungen Männer wohl bei einer Dating App angemeldet. So sehr sie sich in dieser außergewöhnlichen Weise angepriesen haben, ist es den beiden doch noch gelungen unter die Haube zu kommen – allerdings nicht in Mühlheim.
Ob die örtlichen Dorfschönheiten Schlange gestanden sind oder ob sie etwa der noch fremde Dialekt – „Dr Wündr“ zeugt sogar von sächsischer Schreibung – abgeschreckt hat, oder an was es schlussendlich gelegen hat, dass keine angebissen hat, ist nicht überliefert und bleibt wohl ewig ein Geheimnis.
Pfarrer Hummel hat die zwei werkelnden Burschen wohl gut versorgt, und das nicht nur mit geistlicher Nahrung, sondern auch mit geistigen Getränken, weiß man doch, dass der Pfarrer an seiner vorherigen Stelle wegen illegalem Weinausschank und „förmlichem Wirtschaftstreiben“ bestraft worden ist.
Getrennte Wege
Haußdörffer jedenfalls heiratete 1742 – man ahnt es schon – eine Pfarrerstochter in Öschelbronn. Sein erstes Kind kam allerdings in Sulz zur Welt. Dort war er ja zu diesem Zeitpunkt, wie oben erwähnt, in der Stadtkirche beschäftigt. Sein letztes Projekt, die Orgel in der Stadtkirche in Balingen konnte er nicht mehr in Betrieb nehmen. Er starb kurz vor deren Vollendung im März 1767. Sein Schwiegersohn Hans Rudigier führte das angefangene Werk zu Ende.
Das Schicksal seines Weggefährten, des Schreiners Christian Friedrich Starck nahm einen völlig anderen Verlauf. Auch er heiratete 1742 – und zwar in Sulz die Tochter eines Bäckers. Starck wurde dort sesshaft und gilt als Stammvater von zahlreichen Nachkommen. Er kehrte dem Orgelbau, vermutlich nach der Vollendung der Sulzer Orgel, den Rücken und suchte sein Auskommen als Schreinermeister auf der Saline. Er starb 1805 hochbetragt im Alter von 91 Jahren in seiner Wahlheimat im Neckartal.
Das steht auf dem Täfelchen:
Gott mit uns
Anno 1740
Nach dem calten Wünder, ist dies-
es Werck verfertigt worden
in Milen, am Mielbach, von Johann
Siegmund Haußdörffer, und Chris-
tian Friedrich Starck, beyde gebür-
tig auß Sachsen, von Schwartzenberg,
ihres Alters 25 Jahr, der Zeit noch unver-
heyrath, wir wünschen von Hertzen, daß
dieses Werck zur Ehre Gottes jeder Zeit
möchte gebraucht werden