Von Hohennagold zum Fluss: In den Fußstapfen der „Wüsten Urschel“

Am Glockenrain fällt das Ufer zur Nagold steil ab. Vielleicht mochte die „wüste Urschel“ es, vom Dickicht verborgen zu werden? Heute ist sie jedenfalls gut sichtbar auf dem Urschelbrunnen verewigt.
JansenGerade bin ich noch nach Hohennagold hinaufgestiegen, da führt mich mein Weg wieder Richtung Tal. Ich lasse das Burgtor hinter mir und starte einen gemütlichen Waldspaziergang. Um mich herum erhebt sich der dunkle Schwarzwaldrand, der Weg ist geschottert.

Fallback Image SB
Schwarzwälder BoteIrgendwo rauscht der Verkehr auf der L 463, aber die Ruhe des Waldes übertönt den Straßenlärm. Plötzlich ist es so still, dass es schon unangenehm ist. Ein Kiesel löst sich unter meinem Wanderschuh – ich zucke bei dem plötzlichen Geräusch zusammen.
Irgendwann lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf weitläufige Wiesen und Felder frei. Die Sonne scheint, der Himmel ist tiefblau – es ist ein guter Tag für eine kleine Wanderung. Ich gehe weiter in Richtung des Flusses.

Weite Wiesen erstrecken sich am Fuß des Bergs.
Foto: JansenEin Stückchen Freiheit
Diesen Weg soll die „wüste Urschel“, eigentlich Ursula, einst häufig gegangen sein, hinab zu ihrem Lieblingsplatz an der Nagold. Die Sage berichtet von der Grafentochter, die auf Burg Hohennagold zuhause gewesen sein soll. Ursula soll allerdings keine Schönheit gewesen sein, daher auch „wüst“. Ihr eitler Vater, ihre Mutter, selbst die Diener verspotteten sie. „Urschel“ wurde gemobbt.
Vielleicht war es die Ruhe des Waldes, die ihr so gefiel. Hier konnte sie für sich sein, hier verurteilte sie niemand für ihr Aussehen. Auf dem Weg zu „ihrem Platz“ konnte sie die Gedanken schweifen lassen, eine Pause vom Spott genießen. Ein Stückchen Freiheit in einer Zeit, die Frauen kaum Freiheit zugestand.
Die Menschen hatten es nicht gut gemeint mit Urschel. Vielleicht war das der Grund, dass sie die Einsamkeit suchte – und doch wieder nicht. Denn anstatt zu verbittern, hatte sie eine sehr soziale Ader und linderte die Not der Armen und half, wo sie nur konnte, wie die Sage erzählt.
Ich bin am Ende des Weges der „wüsten Urschel“ angelangt und schlendere auf dem asphaltierten Weg durch den Wald am Glockenrain. Bäume bilden ein grünes, himmelweites Kathedralendach. Doch um an den Fluss, wo Urschels Platz gewesen sein soll, muss ich mich allerdings erst durch einen Streifen Unterholz schlagen, dann fällt das Ufer mehrere Meter zum Wasser hin ab. Vielleicht waren die Wege und Umstände früher ja anders. Oder mochte sie gerade dieses Dickicht, das ja auch ein Versteck und damit vielleicht Geborgenheit bot?

Fast wie eine grüne Kathedrale fühlt sich der Wald an.
Foto: JansenHier kam Urschel her – und hier starb sie. Eines Tages wurde sie unter einem Felsbrocken gefunden. Ein Unfall vielleicht, aber man munkelt, sie habe nachgeholfen. Das Ende der Sage hinterlässt ein schales Gefühl bei mir. Vielleicht erwarte ich von Geschichten schon automatisch ein gutes und vor allem rundes Ende. Und wenn die Heldin stirbt – dann doch nicht still und einsam für sich. Auch wie sie gestorben ist, bleibt nur Vermutung. Es nimmt der Geschichte den Märchentouch.
Nicht ganz bei sich
Urschels Geist war umnachtet, heißt es in der Sage. Sie war nicht ganz bei sich. Vielleicht war es eine schwere Depression, gegen die sie lange gekämpft hatte. Und der sie schließlich erlag, vielleicht in einer heftigen Krankheitskrise. Ein schrecklich aktuelles Thema, angesichts zunehmender psychischer Erkrankungen, fällt mir auf.
Und doch, überlege ich, ist es insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Der Ablehnung hat Urschel Güte entgegengesetzt. Wo ihr die Anerkennung fehlte, trat die Dankbarkeit der Armen. Urschel ist ihren Weg gegangen und hat ihren Platz in der Welt gefunden – der heute noch ihren Namen trägt: „an der wüsten Urschel“.
Die Namen ihrer eitlen Eltern – so es sie je gab – sind hingegen vergessen. Die Mobber und Mitläufer hat die Zeit mit sich genommen. Urschel aber nimmt einen Ehrenplatz in Nagold ein.
Hilfe bei Suizidgedanken
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Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 und unter ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de/ Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt, Psychiater oder psychologischer Psychotherapeut. In akuten Krisen helfen die nächste psychiatrische Klinik oder der Notarzt,Telefon 112.
Die Serie „Der Sage nach“
Hexen, Geister, Riesen und sogar der Teufel selbst sollen in früheren Zeiten der Sage nach ihr Unwesen getrieben haben. Zahlreiche alte Mythen ranken sich auch um Orte im Kreis Calw. Einige davon wollen wir in unserer Serie näher beleuchten, indem wir uns dorthin begeben, wo sich Unheimliches zugetragen haben soll. Im wahrsten Sinne gehen wir der Sage nach – kommen Sie doch mit! Vielleicht findet sich auch der ein oder andere Tipp für einen Ausflug. Oder zumindest für einen ungewöhnlichen Spaziergang mit Geschichte.