Obstbaumpfad Nagold
: Besondere Sorten und ein Stück Stadtgeschichte

Ob auf dem Friedhof oder der Hochzeitsbaumwiese, beim Berufsschulzentrum oder am Alten Krankenhaus. Ob Apfel, Quitte, Birne oder Zwetschge: „Der etwas andere Obstbaumpfad“ führt an besonderen Obstsorten vorbei, offenbart aber auch ein Stück Stadtgeschichte.
Von
Thomas Rahmann
Oberndorf
Jetzt in der App anhören

Der lachende Apfel ist das Symbol, das Wanderer durch den etwas anderen Obstbaumpfad führt. Redaktionsvolontär Thomas Rahmann beißt daneben in einen echten Apfel.

Rahmann

Öhringer Blutstreifling, Champagner Renette, Gewürzluike, Kaiser Wilhelm, Krügers Dickstiel, Gute Luise, Wilde Eierbirne, Hedelfinger Riesenknorpelkirsche: allein die Namen einiger der Obstsorten entlang von „Der etwas andere Obstbaumpfad“ klingen besonders.

Auf der der Straße abgewandten Seite der Jugendkunstschule entdecke ich das Startschild für die Tour – etwas grau und verwittert, aber noch lesbar. Von dort geht es durch grünes Wohngebiet mit liebevoll angelegten blühenden Gärten mit Teichen und Blick auf Hohennagold über das Alte Krankenhaus, den Friedhof, das Berufsschulzentrum, den Krautbühl und wieder zurück zur Jugendkunstschule. Meist auf Laternenpfählen angebrachte Sticker mit einem lachenden roten Apfel zeigen den Weg an.

Verein zur Obstbaumzucht wird gegründet

Einige veredelte Obstbäume am Pfad tragen bis zu fünf Sorten, erfahre ich auf einem Infoschild. Aber auch die Verwobenheit der Obstkultur in die Nagolder Stadtgeschichte ist teilweise kurios.

Am Rand der Hochzeitsbaumwiese erstreckt sich ein Feld.

Foto: Rahmann

Auf einem Schild am Pfad lese ich, dass König Wilhelm 1818 der Erste nach den Hungerjahren zur Verbesserung des Nahrungsangebots die Landwirtschaftliche Schule in Hohenheim gründete. Mit demselben Ziel gründete sich ein paar Jahre später in Nagold ein Verein zur Obstbaumzucht. Dort war unter anderem die Familie Raaf beteiligt, „weil sich Familienangehörige als Totengräber mit Pflanzen auch gärtnerisch beschäftigten“, heißt es auf der Infotafel. Bis 1970 haben die Raaf’schen Baumschulen bestanden.

Historische Apfelbäume auf dem Friedhof

Auf dem Friedhof gibt es noch Bäume, die auf diese Baumschule zurückzuführen sind: „Der in der Mitte verbliebene Hochstamm im Friedhof oberhalb der Aussegnungshalle ist ein alter Klarapfel aus diesem Raaf’schen Baumbestand“, steht im Infofaltblatt zum Weg. Hochstamm bezeichnet dabei eine Stammform, die, anders als bei dem Halbstamm und den Buschbäume, einen großen astfreien Stammbereich aufweist (mindestens 1,80 Meter).

Aktion Hochzeitsbaum Die an den Friedhof angrenzende Hochzeitsbaumwiese, eine große Streuobstwiese, habe die Stadt ursprünglich als potenzielle Erweiterung für den Friedhof gekauft.

Im Jahr 1999 haben die Naturfreunde die Aktion Hochzeitsbaum gestartet: „Seither erhalten alle Hochzeitspaare, die in Nagold heiraten einen Gutschein für einen Obstbaumhochstamm“, um ihn im Stadtgebiet Nagold zu pflanzen, heißt es weiter im Faltblatt zum Obstbaumpfad. Wer kein geeignetes Grundstück besitze, könne den Hochzeitsbaum auf städtischen Wiesen pflanzen – über zehn Jahre hinweg diente die Hochzeitsbaumwiese dazu, bis sie voll gepflanzt war.

Ich gehe über die Hochzeitsbaumwiese und stelle mir vor, die jeweiligen Bäume stehen für die Ehen der jeweiligen Pflanzer. Mir begegnen einige junge, einige mächtige große und üppige Bäume. Aber auch einige tote Bäume sehe ich, einen an dessen Fuß ein weiterer kleiner Obstbaum wächst, einen, der sich zu einem anderen Baum hinüberzubeugen scheint, einen mit großen toten Ästen und nachsprießenden lebendigen kleinen Ästchen. Für einen Moment scheinen mir die Hochzeitsbäume Sinnbild der Vielfalt zwischenmenschlicher Beziehungen zu sein.

Bäume entlang des Pfads gepflanzt Dadurch, dass mein Blick auf Obstbäume gelenkt ist, erkenne ich sie plötzlich überall. Gehört dieser Baum mit den leuchtend gelben Mirabellen auch zum Obstbaumpfad oder wächst er einfach so da im Garten? Ganz unberechtigt ist diese Frage nicht, denn „entlang des Obstbaumpfades wurden auf öffentlichen und privaten Flächen verschiedene Bäume gepflanzt“, wie ich im Infofaltblatt erfahre. Es macht Spaß, immer wieder Obstbäume zu entdecken, wie beispielsweise im Grünbereich der Berufsschule.

Wer übernimmt die Pflege des Pfads?

Für Kinder bietet der Lehrpfad leider keine besonderen Spiel- oder Erlebnisangebote. Das größte Manko scheint mir zur Zeit aber der Zustand der Infotafeln zu sein. Zwar ist nur das Schild an der Hochzeitsbaumwiese stark verwittert, zugewachsen und damit unlesbar, doch die Fotos auf den Infotafeln sind fast durchgängig grau und verwaschen. Auch das Faltblatt könnte aktualisiert werden – auf meiner Suche nach der traditionellen Hauszwetschge in der Lembergstraße 12 finde ich nur eine Kastanie und eine Roteiche vor.

„Auf dem Krautbühl bauten noch vor ein paar Jahrzehnten Nagolder Bürger in parzellierten Gärten Kraut und Rüben an“, steht im Faltblatt zum Obstlehrpfad über die fürstliche Grablege aus der früh-keltischen Zeit.

Foto: Rahmann

„Die Hauszwetschge wurde gepflanzt, ist aber nach einem Jahr eingegangen und wurde nicht ersetzt. Da war der Flyer bereits gedruckt“, sagt Dieter Laquai, ehemaliger Leiter des damaligen Arbeitskreis Umwelt und Verkehr. Vor vier Jahren habe er zuletzt zwei Infotafeln ausgetauscht, mit mittlerweile 86 Jahren könne er den Pfad allerdings nicht mehr pflegen. Die Entwürfe für die Infotafeln seien bei ihm gespeichert: „Wenn die Stadt Nagold die Bereiche Umwelt, Tourismus oder Grünbereich die Kosten für neue Infotafel übernehmen würden oder eventuell die Urschelstiftung die Kosten tragen würde, würde ich diese ermitteln“, sagt er.

Keine offizielle Übergabe „Der Obstbaumpfad wurde bis zuletzt vom Arbeitskreis betreut“, sagt Hagen Hartwardt von der Stadt Nagold: „Da es keine offizielle Übergabe an die Stadt gab, übernimmt die Stadt bisher nur die Kontrolle der gepflanzten Gehölze im Zuge der allgemeinen jährlichen Baumkontrolle.“

Nützliches zur Tour

Länge: Circa 3,9 Kilometer

Entstehung: 2010 durch den Arbeitskreis Umwelt und Verkehr des Bürgerforums anlässlich der Gartenschau 2012 angelegt

Parken: Am Viadukt, wo sich Goethestraße und Iselshauser Straße kreuzen

Eignung für Rollstühle und Kinderwagen: Ja, nur die zusätzlichen beiden Infotafeln auf der Hochzeitsbaumwiese sind mit Rollstuhl und Kinderwagen nicht zu erreichen

Ausrüstung: Faltblatt, das im Rathaus Nagold erhältlich ist, ist hilfreich, da der Weg nicht immer eindeutig ausgeschildert ist

Sportliche Herausforderung: Gering

Gesamtanstieg: 70 Meter

Einkehrmöglichkeit: Naturfreundehaus, Insel Café, Restaurant La Meo

CW-News
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Calw Montag bis Samstag im kompakten Überblick.