Nazi-Opfer in Nagold
: Vierfache Mutter litt unter Schizophrenie – deportiert und ermordet

Sophie Bayer lebte in Gündringen und erkrankte an Schizophrenie. Nachdem die vierfache Mutter jahrelang in Anstalten lebte, wurde sie von den Nationalsozialisten nach Grafeneck deportiert und dort ermordet. Ihre Familie erhielt ihre Asche – wahrscheinlich tatsächlich nicht die von Sophie Bayer. Dies ist ihre Geschichte.
Von
Gabriel Stängle
Oberndorf
Jetzt in der App anhören

Sophie Bayer (1884-1940) mit ihrem Ehemann und zwei ihrer Töchter

Archiv Ralf Brauer/privat

Nagold hat seine ersten fünf Stolpersteine bekommen. Vor dem Herrenwald 67 in Gündringen wird Sophie Bayer gedacht, der dort lebte. Sie wurde Opfer der „Aktion T4“, von den Nazis beschönigt als „Euthanasie“ bezeichnet. Dabei wurden Kranke, Menschen mit Behinderung und Homosexuelle als „lebensunwert“ eingestuft und ermordet.

Sophie Bayer kam am 26. September 1884 als Tochter von Carl Gottlieb Pfund und Johanna Dorothea Pfund, geb. Stuhl in Neckarwestheim zur Welt. Sie heiratete am 13. Oktober 1906 den aus Rotfelden stammenden Maschinenmeister Gottlieb Bayer. Sie brachte zwischen 1906 und 1919 vier Töchter zur Welt.

Die junge Familie zog nach Gündringen, wo 1907 ihr Mann als Maschinenmeister an der Pumpstation Gündringen beschäftigt war. Als Beamter der Gäu-Wasserversorgung mit Sitz in Bondorf war er verantwortlich für die Wasserversorgung von 30 Gemeinden im Gäu.

Im Krieg blieb sie mit drei kleinen Kindern zurück

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg bemerkte ihr Mann bei Sophie Bayer erstmals emotionale Auffälligkeiten im Zusammenhang mit einem Streit mit einem Angestellten der Pumpstation. Bald ging es ihr wieder besser. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ihr Mann eingezogen. Diese Zeit der Trennung stellte eine weitere Herausforderung für Sophie Bayer mit ihren drei kleinen Kindern dar.

Mit der vierten Schwangerschaft 1919 veränderte sich bei ihr einiges dauerhaft: Ihrem Mann gegenüber war sie eifersüchtig und äußerte regelmäßige Wahnvorstellungen. Am 30. Oktober 1922 kam sie in die Tübinger Universitätsnervenklinik, wo wegen ihres Erregungszustands die Ärzte anfangs keine Anamnese vornehmen konnten. Als sie am 29. Dezember 1922 von ihrem Mann nach Hause abgeholt wurde, lautete die Diagnose eine paraphrene (die Denkleistung beeinflussend, aber nicht die Persönlichkeit) Form der Schizophrenie.

1923 war das Jahr, das Deutschland politisch, wirtschaftlich und vor allem finanziell erschütterte. Nachdem Deutschland mit den Reparationszahlungen in Rückstand geraten war, besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Da die Reichsregierung, die die Versorgung der streikenden Ruhrbevölkerung übernahm und pausenlos Geld druckte, setzte eine galoppierende Hyperinflation ein. Die Mark verlor massiv an Wert. Auch die Familie Bayer verlor wie Millionen andere alle ihre Ersparnisse.

Der finanzielle Absturz war wohl mit ein Grund, warum sich die Verfolgungswahnvorstellungen bei Sophie Bayer verschlimmerten. Ihr Mann errichtete zwischen 1924 und 1925 ein eigenes Wohnhaus in Gündringen, vor allem schuldenfinanziert.

Auf Ansuchen ihrer Angehörigen wurde sie am 5. März 1924 in die Privatheilanstalt St. Vincent Rottenmünster bei Rottweil gebracht. Von den 16 Jahren, die Sophie Bayer in Rottenmünster verbrachte, gibt es kaum Aufzeichnungen.

Die Patientenakten aus den Heil- und Pflegeanstalten wurden den Transportleitern, die von den Heilanstalten nach Grafeneck fuhren, mitgegeben. Ca. zwei Drittel dieser Akten wurde von den Tätern der „Aktion T 4“ vernichtet. Sophie Bayer galt in dieser Zeit als dauernd anstaltsbedürftig und wurde nur als geringfügig arbeitsfähig (20 Prozent) eingestuft.

Nationalsozialisten versuchten, Todesursache zu vertuschen

Am 16. September 1940 wurde Sophie Bayer mit 70 weiteren Patienten von Rottenmünster nach Grafeneck deportiert und am gleichen Tag umgebracht. Die Täter von Grafeneck schickten zur Tatverschleierung einen sogenannten „Trostbrief“, in dem den Hinterbliebenen die Überstellung der Asche angeboten wurde. Darin wurde das Todesdatum fälschlicherweise mit dem 5. Oktober 1940 angegeben.

Eine Urne, deren Asche mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die von Sophie Bayer war, wurde von Grafeneck nach Gündringen geschickt und vor dem 18. Oktober 1940 auf dem dortigen Friedhof beigesetzt. Sophie Bayer wurde 55 Jahre alt.

CW-News
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Calw Montag bis Samstag im kompakten Überblick.