Nagold liest: Kreative Texte aus Laienhand

Bei der Lesung in der Stadtbibliothek (von links): Hans Barucha, Irene Barucha, Anna Ohnweiler, Cornelia Hildebrandt-Büchler, Nanni Fingerhut, Jimmy Liebermann, Astrid Schulte, Rosie Winkler, Ramona Winkler und Herman Obert Schulte
Armin BüchlerSeit rund 15 Jahren lässt sich der Arbeitskreis (AK) Kultur in der Reihe „Nagold liest...“ immer wieder neue, spannende Themen zu Lesungen an besonderen Orten einfallen. Und weil diesmal das Thema „Freude am Schreiben“ lautete, war die Stadtbibliothek der geeignete Leseort, an dem Nanni Fingerhut, Connie Hildebrandt-Büchler und Astrid Schulte Texte von Schreibenden vorstellten, die nicht im Hauptberuf Autoren oder Autorinnen sind.
Rund 40 Zuhörende fanden sich ein, auch Anna Ohnweiler, Jimmy Liebermann und Hermann Obert, aus deren Büchern die drei AK-Mitglieder lasen, darunter das noch unveröffentlichte „Rückspiegel – behütet, ausgeliefert, getrieben“ (A. Ohnweiler).

Connie Hildebrandt-Büchler, Nanni Fingerhut und Astrid Schulte (von links) lasen die teils heiteren, teils ernsten Texte vor.
Foto: Armin BüchlerDer initiative Funke für dieses Leseprojekt stammte von Ramona Winkler (Kulturamt), deren Mutter Rosi Winkler schon länger in der Lungauer Schreibwerkstatt mitwirkt, einer Gruppe von Frauen im Salzburger Land, die in ihrer Leidenschaft fürs Schreiben sehr vielfältige Texte zu jahreszeitlichen Themen, zum Leben auf dem Land, aber auch nachdenkliche, fast philosophisch anmutende verfassen.
Rosi Winkler war ebenfalls zur Lesung angereist, wie auch die Tochter des inzwischen verstorbenen Landwirts Erwin Tschierschke, der zuletzt in Ebhausen wohnte.
Aus der Lungauer Schreibwerkstatt
Den passenden Auftakt machten denn auch zwei Texte aus der Lungauer Schreibwerkstatt, gelesen von Nanni Fingerhut, und gefolgt von „Rückspiegel“: Weil sie ihrem übervollen Mail-Postfach auf eine Petition zur Eindämmung der Schweinezucht stößt, schweifen die Gedanken ab in die Siebenbürger Kindheit, als „Anni“ zwei Ferkel rettete – zunächst nicht zur großen Begeisterung der Familie. „Schreiben ist Verarbeiten, erspart Psychotherapie und ist der Spiegel meiner Seele“, so Anna Ohnweiler, wie Leserin Connie Hildebrandt-Büchler noch ergänzte.
Ebenso in die Kindheit führte „Beim Milchholen“, gelesen von Astrid Schulte. Annemarie Indinger von der Lungauer Schreibwerkstatt schildert darin den Genuss des Milchschaums.
Ein Holzofen erzählt
In „Einschaltquoten im Vergleich“ erzählt ein Holzofen von seiner Hochsaison und seiner „Schonzeit“, nämlich wenn er im Sommer vom E-Herd abgelöst wird. Nach dem Verlust der Heimat im Krieg und französischer Gefangenschaft führte Erwin Tschierschke, 1928 in Schlesien gebürtig, „Mein weiter Weg in den Schwarzwald“ schließlich nach Nagold, wo er Landwirt aus Passion war und sowohl Gastronomie wie Krankenhaus mit seinen Produkten belieferte.
Herrlich die Kurztexte von Anni Gruber über sich steigernde „Putzfetzengespräche“ oder Angela Planitzers „Mäuseschlachtfest“ (beide Lungauer Schreibwerkstatt). Ins Montana der 1950er-Jahre führte ein Ausschnitt aus Hermann Oberts „Für immer verbunden“, als sich die pensionierte Oberstudienrätin Amalia Meyer an ihre ganz besondere Zeit bei den First Nations erinnert.
Poetische und heitere Gedichte
Besonders bewegend waren die Gedichte von Helmut Metzker, Nanni Fingerhuts Vater, der „Sprachen sammelte“, doch ebenso Erlebnisse in poetischer Form niederschrieb. Er war erst 23 und damals in Dänemark stationiert, als seine Mutter starb – und so konnte er ihr die oft verborgene Liebe erst von weitem in berührenden Versen offenbaren. Im Gegensatz dazu stehen Helmut Metzkers Gedichte mit heiterer Note, zum Beispiel „Vadder, du wirst alt“.
Jimmy Liebermann möchte durchs Schreiben Menschen mit Einschränkungen Mut machen, sich etwas zuzutrauen, und so durften Ausschnitte aus „ Ich trotze meinem Handicap und genieße mein Leben“ natürlich nicht fehlen!
Immer wieder bekundeten die Zuhörenden ihre Begeisterung für den besonderen Leseabend mit herzlichem Beifall, zuletzt auch für die Stadtbibliothek, die kurz nach offizieller Schließung binnen 20 Minuten mit einigen Helfern das Ambiente für die Lesung gemütlich hergerichtet hatte.