Nagold: Erzählungen vom Kriegsende

Waldemar Ziefle, Paul Seeger und Hermann Bechtold heute (von links nach rechts). Fotos: Kunert
Schwarzwälder-BoteVon Axel H. Kunert
Nagold. Noch sind sie da, auch in Nagold – die Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg selbst miterlebt haben. Und aus erster Hand berichten können, wie es damals war. Zum Beispiel diese letzten Tage des schlimmen Krieges – damals, vor 70 Jahren.
Einer von diesen Zeitzeugen ist Waldemar Ziefle. 83 Jahre alt wird der gelernte Gärtner Ende des Monats. Das heißt, er war damals, als Nagold von französischen Truppen erobert wurde, der große Krieg offiziell beendet wurde und in die Zeit der Besatzung überging, ein Junge von zwölf Jahren. Ein aufgeweckter Junge. Ein neugieriger Junge. "Wir wohnten damals oben in den kleinen Siedlungshäusern am Schelmengarten." Unterhalb des Bahnhofs. Das bedeutete: Der Rangierplatz des Bahnhofs war nah – der Spielplatz der Jungs damals. "Das war spannend. Als Buben schauten wir zu, wie die Jabos die Lokomotiven dort beschossen." Jabos – das waren die Jagdbomber der Alliierten.
Als die Franzosen kamen, versteckte sich die Familie Ziefle zusammen mit den anderen Nachbarn im sogenannten "Kuhloch" – eine zum Bunker ausgebaute Unterführung der Bahngleise an der Emminger Straße. Aber Klein-Waldemar machte sich Sorgen um seinen Hund, der daheim zurückgeblieben war – und büxte aus. Die Bombeneinschläge in Calwer und eben der Emminger Straße konnten ihn nicht schrecken. Am Vortag war das Haus des Nachbarn nach einem Treffer der Jabos abgebrannt. Doch Waldemar dachte nur an seinen Hund. "Dummerweise habe ich keine Angst gehabt", sagt er heute.
Außerdem war er neugierig – auf die Franzosen, die Marokkaner. "Ich hatte noch nie einen Schwarzen bis dahin gesehen." Der Krieg als großer Abenteuerspielplatz. Und natürlich lief Ziefle prompt zwei der marokkanischen Soldaten in die Arme. Ein Begegnung, die ihm aber positiv in Erinnerung geblieben ist. "Die waren sehr nobel, banden mir von sich ein weißes Taschentuch um den Arm, damit ich nicht erschossen wurde." Und führten ihn zum damaligen Schlachthaus, wo er die Nacht auf einem Lager aus Kartoffeln verbringen musste.
Zurück zu seinen Eltern ins "Kuhloch" kam Waldemar Ziefle am zweiten Tag der Eroberung Nagolds durch die Franzosen – reich beschenkt mit Schokolade und Zigaretten für seinen Vater. Doch so glücklich die Umstände bis dahin waren – bei dem, was danach geschah, wird der Bub von damals auch heute noch sehr ruhig und nachdenklich. "Wir Jungs sammelten schon den ganzen Krieg über Munitionsreste." Wer die meisten Patronen- oder Granaten-Hülsen hatte, war der König. Mit Ende der Kampfhandlungen und dem Abzug der deutschen Truppen aus Nagold war aber auch viel scharfe Munition zurückgeblieben. "Auch die sammelten wir nun."
"Wir" – das waren Waldemar und sein bester Freund Peter Wurster, ein Nachbarsjunge. Ein, zwei Wochen nach dem Einmarsch der Franzosen und ein, zwei Wochen vor dem offiziellen Kriegsende waren sie am Gelände des Sportplatzes an der Calwer Straße unterwegs. Dort hatte es eine Flakstellung der Deutschen gegeben, die beim Rückzug Hals über Kopf verlassen worden war. "Ich sagte noch zu Peter, lass die liegen." Die Granaten mit der gelben Spitze, die beim Aufschlag auf einen Flugzeugrumpf sofort explodieren sollten. Diese explodierte in Peter Wursters Hand. Waldemar Ziefle werden noch siebzig Jahre danach die Augen feucht.
Er selbst war schon vorgelaufen, blieb unverletzt. Lief nun zur Siedlung, die Eltern zu holen. Die lagerten den schwer verletzten Peter auf einen Karren. Ein Marokkaner in einem vorbeifahrenden Dodge-Pritschenwagen sah die Szene, lud den blutenden Jungen bei sich auf und brachte ihn schnellstmöglich ins Krankenhaus. Noch so eine noble Geste der gerade in diesen Tagen viel gescholtenen Besatzer. Aber es nützte nichts. Zwei Tage später starb Peter, Waldemars bester Freund. Sicher eines der sinnlosesten Opfer dieses Krieges, der doch eigentlich schon längst vorbei war. Die folgenden Tage, bis der große Krieg auch ganz offiziell zu Ende war, bekam Waldemar Ziefle nicht mehr wirklich mit. Bei dem Schmerz und der Trauer um den Freund spielte das keine Rolle mehr.
Unten, ein paar Straßen weiter im Stadtzentrum von Nagold, erlebte Paul Seeger das Kriegende auch nur eher nebenbei – aber aus anderen Gründen. Seeger ist "Baujahr" 1929, also zwei Jahre älter als Waldemar Ziefle. "Und ich musste arbeiten damals." Seit seinem zehnten Lebensjahr half er am Büffet und im Ausschank des elterlichen Gasthauses "Die Köhlerei". Zum nahenden Kriegsende hin haben die Eltern ihn zum Onkel in die Bäckerei geschickt. Zum Arbeiten. Damit er von der Straße weg war, wo es – wie sich damals ja vielfach zeigen sollte – zu gefährlich war.
Bis einen Tag vor den Einmarsch der Franzosen war die Köhlerei geöffnet. Danach hat sich der französische Gouverneur für Nagold hier die erste Woche einquartiert. Es folgten weitere Einquartierungen, bis dann – Ende Mai 1945 – die französische Gendarmarie, also die Ortspolizei der Besatzer, hier ihr Quartier bezog. An den Tag des eigentlichen Kriegsendes hat Paul Seeger nur eine Erinnerung: "Ich lief irgendwann an dem Tag von der Bäckerei meines Onkels, wo ich seit morgens gearbeitet hatte, hinüber zum Gasthof und sah unterwegs das Plakat, das das offizielle Kriegsende verkündete." Für ihn selbst nur eine kleine Fußnote. Denn die Pflichten riefen ihn sofort weiter.
"Wir hatten damals wirklich großes Glück", resümiert Paul Seeger heute die Erlebnisse seiner Familie in den Kriegstagen. Da erst der Gouverneur, dann die Gendarmen im Haus waren, bleib die Köhlerei von Plünderungen verschont. Nur der Eiskeller der Familie, wo die Getränke für den Gasthof gelagert wurden – unter anderem neun große Fässer Wein – wurde in Mitleidenschaft gezogen. Aber das sei ein kleiner Preis gewesen. Es kehrte ungewöhnlich schnell wieder Normalität ein ins Haus Seeger und die Köhlerei, die Paul Seeger nach seiner Lehre als Koch bis 1992 selbst lange Jahre als Gastwirt leiten sollte. Übrigens: "Einige der französischen Gendarmen von damals haben uns in den Jahren und Jahrzehnten nach den Krieg immer mal wieder hier in Nagold und in der Köhlerei besucht." Und man habe sich immer in den Armen gelegen ob der alten Zeiten. "Es war nicht alles Feindschaft, was diesen Krieg ausgemacht hat."
Wie sich aber die schlimme Seite des Krieges anfühlt, das musste der Nagolder Hermann Bechtold damals an der Ostfront vor Leningrad erfahren. Bechtold ist Jahrgang 1921, wurde am 1. Oktober 1940 eingezogen. "Wir sahen Leningrad. Aber wir haben es nie erreicht." Gewaltige Verluste bedeutete das glücklose Unterfangen, die goldene Stadt – das heutige St. Petersburg – doch noch einzunehmen. Bechtold selbst erwischte ein Schuss in den Rücken, knapp unterhalb des rechten Schulterblatts – gerade als er sich nach Munition bückte. Die Kugel ging glatt durch, verletzte weder Knochen noch Organe. Glück im Unglück also auch hier. Damit war der grausame Teil des Krieges für Bechtold zuende. Er kam zur Genesung in ein Kloster nahe den Alpen, später dann mit seinem Bataillon ins als sicher geltende Norwegen – der hohen Verluste wegen, die sie hatten in Russland aushalten müssen.
Das Kriegsende verkündete ihnen hier, im "Luftschutzkeller Europas", wie man damals Norwegen nannte, ein "weiß angestrichenes Flugzeug", das ein Funkspruch begleitete, man solle doch bitte nicht auf den Flieger schießen. Zu der Zeit war Bechtold in Oslo stationiert, unterhalb der berühmten Holmenkollen-Skisprungschanze. Die Engländer übernahmen hier geordnet die Befehlsgewalt. Formal waren Bechtold und seine Kameraden Kriegsgefangene, jedoch wurden sie nicht entwaffnet. Und auch ihre militärische Gliederung und Kommandostruktur blieben unverändert.
"Wir gingen selbst in Formation in ein Lager bei Etne." Statt Zäunen gab es hier ein weißes Band, dass die Grenze des Lagers markierte. Innerhalb dieser Grenzen konnten sie sich frei bewegen. Da damals gerade der Sommer in Norwegen einzog, war das eher wie Camping-Urlaub, sagt Bechtold. Aber das sollte sich mit Ende dieses Sommers ‘45 ändern. Anfang August wurden die deutschen Soldaten nach Bremerhaven ausgeschifft. Für Bechtold ging es von dort weiter nach Lothringen, wo er zum Arbeitsdienst ins Bergwerk musste. Später dann in die Nähe von Dijon, wo er bis 1948 in der Landwirtschaft Frondienst leisten musste.
Nach Nagold kehrte er am 12. Januar 1948 zurück. Da war dann endlich auch für ihn der Krieg aus. Aber viel Zeit zum Verschnaufen habe er nicht gehabt. Am folgenden 1. Februar bereits habe er seine Arbeit bei der Volksbank Nagold aufgenommen, wo er vor dem Krieg eine Banklehre absolviert hatte. Man brauchte ihn dort sofort – vor allem wegen seiner französischen Sprachkenntnisse. Einen Erholungsurlaub nach seiner Zeit in der Gefangenschaft sollte er später nachholen. "Auf den warte ich heute noch", lacht der 94-Jährige. Später sollte Hermann Bechtold Direktor der Volksbank werden. Das Laufen mache ihm heute Probleme, "aber im Kopf ist noch alles klar."
Das stimmt. Und genau deshalb lohnt es sich, ihm und all den anderen, die die Geschehnisse damals am eigenen Leib miterlebt haben, zuzuhören, wenn sie von der Zeit des Krieges berichten. Man erfährt soviel mehr über diese Geschehnisse, die niemals mehr vergessen werden sollten, als in den offiziellen Geschichtsbüchern steht.