Nagold
: "Blaugepunktetes Kaninchen" mit viel Herz

Personalie: Andrea Perschke ist die neue Geschäftsführerin der Diakonie Nordschwarzwald / Power-Frau mit vielen eigenen Ideen
Von
Axel H. Kunert
Oberndorf
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Andrea Perschke tritt in die Fußstapfen von Bernd Schlanderer. Foto: Fritsch

Schwarzwälder Bote

Nagold kann eine neue Power-Frau mit viel Verantwortung begrüßen: Andrea Perschke, frischgebackene Geschäftsführerin der Diakonie Nordschwarzwald. Große Fußstapfen hat sie zu füllen – die von Bernd Schlanderer, der den regionalen Diakonie-Verband in über zweieinhalb Jahrzehnten zur heutigen Größe ausgebaut hatte.

Nagold. Einen Monat Übergangsfrist gab es: Seit Anfang Juli hat Perschke ihr Büro im Diakonie-Hauptquartier in der Hohe Straße in Nagold bezogen – bis Ende Juli stand ihr Amtsvorgänger Bernd Schlanderer noch zur Seite. "Für einen geordneten Übergang". Was bedeutet: Viele Namen lernen, viele "Türklinken putzen", sich bei allen "sozialen Playern im Kreis Calw und Neuenbürg" vorstellen. "Und bekannt machen". Networking nennt man das heute – von der ersten Sekunde im neuen Job eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt als Diakonie-Chefin. Denn "alleine könnten wir ja nur wenig bewegen", das Meiste passiere in Zusammenwirken mit anderen Stellen.

Genau das habe sie an der neuen Aufgabe so gereizt, sagt Perschke. "Der große ›Bauchladen‹", den die Diakonie im Nordschwarzwald heute den Bürgern an sozialen Leistungen anbieten könne – "von der Schwangerschaftsberatung, den Kitas bis zum Mehrgenerationenhaus in Haiterbach". Das seien "alles jeweils ganz eigene Spielwiesen mit immer ganz eigenen Anforderungen": unterschiedliche Kostenträger beziehungsweise Finanzierungskonstruktionen, unterschiedliche Herausforderungen in Konzeption und laufendem Betrieb. "Das macht ’nen ungemeinen Reiz aus", sagt Perschke mit leuchtenden Augen und ungemein viel Elan in der Stimme. Als würd’ sie gleich "die Handbremse lösen" und richtig loslegen wollen.

Wobei sie ungewöhnlich wortkarg wird, die neue Managerin in Sachen Menschlichkeit – wenn man sie nach eigenen Visionen für die neue Aufgabe fragt. Ja, klar habe sie auch eigene Ideen mitgebracht, die sie umsetzen wollen. Reichlich. Was? – Da wolle sie nicht "vorlaut" vorpreschen. "Erst mit den Gremien, Betroffenen reden". Der oder die Geschäftsführerin einer Diakonie sei immer auch eine Sozial-Diplomatin. "Da gibt es viele gewachsene Befindlichkeiten, auf die es Rücksicht zu nehmen gilt." Aber eben hat Perschke als eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben der Diakonie – gerade in Nagold, gerade im Nordschwarzwald – die Schaffung und Zurverfügungstellung von bezahlbaren Wohnraum formuliert. Also wird man doch wohl dort solche "Ideen" von ihr vermuten dürfen? Andrea Perschke lächelt vielsagend: "...und in ganz anderen Bereichen".

Was man über sie wissen muss: Die gelernte Sozialpädagogin und studierte Sozialwirtin (so etwas wie "BWL im non-profit-Bereich") wechselte von einem nationalen Logistik-Unternehmen in den Chefsessel der Diakonie Nordschwarzwald. Dort hatte sie – nach 20 Jahren in der Behindertenhilfe bei der GWW; zuletzt als Regionalleiterin Calw-Nagold – erst 2016 angeheuert. Um mal etwas "ganz anderes" zu machen. Dieser Ausflug in die Wirtschaft "hat mir sehr gut gefallen", sagt Perschke. Habe den "Blick geweitet". Und als sie im Sommer letzten Jahres der Anruf vom Calwer Dekan Erich Hartmann erreicht habe, sie möge doch für die Nachfolge von Bernd Schlanderer ihre Bewerbung einreichen – da habe sie schon sehr mit sich ringen müssen. Aber dieser verdammt spannende "Bauchladen" der Diakonie – der gab den Ausschlag.

Für 120 Mitarbeiter ist Perschke jetzt verantwortlich. Und da ging es gleich in den ersten Wochen "richtig zur Sache", berichtet die neue Geschäftsführerin: Eine Führungskraft sei richtig schwer erkrankt. Den übrigen Mitarbeitern die schlimme Nachricht beibringen, Optionen schaffen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten – "das sind eben die Aufgaben, für die ich hier eingestellt wurde". Und "unter Feuer" könne man gar nicht anders, als sich sofort in die Strukturen und Abläufe einzufinden. Und man ahnt ein wenig, dass es Andrea Perschke gewohnt sein dürfte, "unter Druck" erst so richtig zur Bestform aufzulaufen.

Wo aber kommt diese "Power", diese sofort spürbare Energie her? Andrea Perschke muss über diese Frage erst einmal nachdenken – zu sehr ist ihr wohl der Dienst am Menschen längst ins Blut übergegangen. Sie sei in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen. Bodenständig. In Herrenberg – wo sie auch heute mit ihrem Mann lebe. Engagiert in der Kirchengemeinde daheim sei sie immer gewesen. Menschlichkeit eben. "Aber auch immer die wirtschaftliche Machbarkeit im Blick." Das Praktische, nur das realistisch Mögliche auch angehen. Und umsetzen. "Es gibt immer wieder so viele soziale Brennpunkte, wo wir gefordert sind." Hilfe leisten können – die auch ankommt. Funktion der Diakonie: "Diese Themen aktiv zu treiben in der Gesellschaft", eben etwa bei der Frage des bezahlbaren Wohnraums. "Und zum Beispiel die Kommunen in Bewegung bringen".

Sie habe mal Soziologie studieren wollen, erzählt Perschke noch. Aber das sei ihr dann doch "zu unkonkret" gewesen. Zu theoretisch. Praktisch tun, praktisch handeln. Und den Menschen eine echte Hilfe sein. In ihrer Zeit bei der GWW habe ein behinderter Mensch einmal zu ihr gesagt, sie sei "ein blaugepunktetes Kaninchen" – eben "etwas anders als die anderen". "Er hat mir dann auch ein Bild von mir als blaugepunktetes Kaninchen gemalt; das habe ich noch heute." Was vielleicht meint: Andrea Perschke ist auffällig, sticht aus der Masse, ist vielleicht auch manchmal laut – aber immer jemand, der verlässlich ist. Dem man vertrauen kann. Geradeheraus.

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