Weltpolitik aus Haltingen
: Theologieprofessorin mit Bodenhaftung

Sie ist in Haltingen groß geworden, lebt seit 37 Jahren in Norwegen und ist Professorin für Diakoniewissenschaft und ökumenische Theologie in Oslo: Stephanie Dietrich.
Von
Siegfried Feuchter
Weil Am Rhein
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Stephanie Dietrich, Theologieprofessorin in Oslo und Mitglied des Weltkirchenrats, beim jüngsten Besuch in ihrer alten Heimat Haltingen.

Siegfried Feuchter

Die ordinierte und promovierte Pfarrerin arbeitet hauptberuflich in der norwegischen Hauptstadt, ist Mitglied der theologischen Kommission der Kirche Norwegens und Expertin für internationale und ökumenische Angelegenheiten.

In ihrer Eigenschaft als profiliertes Mitglied des Weltkirchenrats mit Sitz in Genf setzt sie sich weltweit für die Ökumene und die Einheit der Christen ein. Vor allem in Afrika, wo sie dieses Jahr schon fünfmal war, engagiert sie sich stark.

Und immer wieder legt die 59-Jährige bei ihren vielen Reisen durch die Kontinente eine Zwischenstation in Haltingen ein. Dann besucht sie ihre Mutter.

Internationale Reputation

Trotz ihrer internationalen Reputation und trotz ihres erfolgreichen Wirkens innerhalb der Kirche und der Diakonie hat die ehemalige Haltingerin nie die Bodenhaftung verloren. Auch wenn Stephanie Dietrich noch einwandfrei Alemannisch spricht („das ist meine Muttersprache“) und Kontakte in ihre alte Heimat pflegt – neben der Familie auch zu ihrer besten Schulfreundin Margarete Schaufelberger in Haltingen – ist Norwegen längst ihr Zuhause geworden. „Ich träume auf Norwegisch“, sagt die weit gereiste Theologieprofessorin im Gespräch mit unserer Zeitung bei ihrem jüngsten Besuch in ihrer alten Heimat.

Schon einige Bücher und zahlreiche Publikationen zu ökumenischen, diakoniewissenschaftlichen und auch aktuellen politischen Themen hat die ehemalige Haltingerin verfasst.

Beeindruckende Karriere

Eine beeindruckende, steile berufliche Karriere hat Stephanie Dietrich gemacht, die mit einem der renommiertesten Kirchenmusiker Norwegens, dem blinden Ulf Nilsen, verheiratet ist und mit ihm zwei inzwischen erwachsene Kinder hat. Ihr Mann hat sowohl in der Haltinger St. Georgskirche als auch in St. Peter und Paul in Weil schon jeweils Konzerte gegeben.

Abitur am Kant

Nach dem Abitur 1985 am Weiler Kant-Gymnasium hatte Stephanie Dietrich an der Theologischen Augustana-Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Neuendettelsau in Mittelfranken studiert. Nach einem Austauschjahr in Oslo blieb sie in Norwegen hängen, weil zu der Zeit in Deutschland keine Pfarrer benötigt wurden, während sie in Norwegen nach Abschluss des Studiums mit offenen Armen aufgenommen wurde.

Für die sprachbegabte ordinierte Pfarrerin war es kein Problem, Norwegisch zu lernen. Sie spricht neben Deutsch und Norwegisch auch Englisch und Französisch, außerdem hat sie Latein, Griechisch und Hebräisch gelernt.

Ökumene und Dialog

Nach ihrem Studium promovierte Stephanie Dietrich und wurde 1998 Oberkirchenrätin für ökumenische Theologie in der lutherischen Kirche Norwegens. Sie habilitierte und wurde Professorin.

Bis heute leitet sie Forschungsprojekte im Bereich Diakonie und Entwicklungshilfe, unter anderem den Aufbau eines interdisziplinären Studiengangs zur Diakonie und sozialer Innovation in Kamerun. Auch begleitete und führte sie mehrere Ämter in nationalen und internationalen Kirchengremien, die sich vor allem mit der Ökumene und weltweit mit dem Dialog mit anderen Kirchen beschäftigen.

Partnerschaften und Dialoge mit der Gemeinschaft der Gläubigen sind Stephanie Dietrich ein Herzensanliegen. So war sie sechs Jahre lang Mitglied des Präsidiums der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa, ist seit 2004 Mitglied der Internationalen lutherisch-orthodoxen Dialogkommission und seit 2015 Mitglied und heute Moderatorin der Kommission für Glaube und Kirchenordnung des Ökumenischen Rats der Kirchen, auch Weltkirchenrat genannt.

In diesem Weltkirchenrat, der das zentrale Organ der ökumenischen Bewegung ist und weltweit 365 Mitgliedskirchen mit 580 Millionen Christen in 120 Ländern auf allen Kontinenten umfasst, hat Stephanie Dietrich verschiedene Leitungsfunktionen.

In vielen Ländern unterwegs

„Gespräche und Dialog sind wichtig, gerade auch für den Frieden auf der Welt“, sagt die auf zahlreichen Ebenen aktive Theologieprofessorin, die mit Ausnahme von Australien schon auf allen Kontinenten beruflich unterwegs war, unterrichtet und an Konferenzen teilgenommen hat.

„Die Zerrissenheit der Welt, die Welt in tiefen Konflikten und Kriegen, ist ein Skandal. Dasselbe gilt für die Uneinigkeit der christlichen Kirche“, sagte sie als Vorsitzende der Kommission für Glauben und Kirchenordnung. Deshalb sind ihr die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen so wichtig. Aus Überzeugung bemüht sie sich um eine intensivere Zusammenarbeit und um die Einheit der Christen.

Spannende Projekte

Die vielfältig engagierte Frau hält Seminare in Madagaskar, Sri Lanka, Südafrika oder Kamerun und setzt sich auch für tragfähige Entwicklungsprojekte ein. Besonders Afrika, wo „die Kirchen oft stabile Akteure der Zivilgesellschaften sind“, und die globale Ökumene sind Stephanie Dietrich besonders wichtig.

Als Leiterin der interdisziplinären Forschungsgruppe für Gemeinschaftsentwicklung treibt sie maßgeblich Lehre, Forschung und Schulung zwischen verschiedenen Hochschulen in Afrika und Norwegen voran. „Das sind sinnvolle und spannende Projekte“, sagt die Professorin, die interdisziplinär arbeitet und schon zweimal Kandidatin für das Bischofsamt in Norwegen war.

Als Beispiel für erfolgreiche lokale Entwicklungsarbeit nennt sie den Süden Madagaskars. Dort hatte es seit drei Jahren nicht mehr geregnet. Deshalb werden in einem Projekt der Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinden und Universitäten der Anbau von endemischen klimaresistenten Pflanzen gefördert, die ohne Wasser auskommen. Dies sei ein bedeutender Beitrag zu einer klimaadaptiven Landwirtschaft, wo die Kompetenzen und der Einsatz von lokalem Know-how entscheidend sei.

Ein Naturmensch

Stephanie Dietrich lebt mit ihrer Familie am Rande Oslos direkt am Wald. Dort fühlt sie sich in der überschaubaren und attraktiven Großstadt sehr wohl. In der Regel legt sie die 22 Kilometer lange Strecke zur Universität mit dem Fahrrad zurück.

Wenn sie nicht lehrt und forscht, Doktoranden betreut und im Auftrag des Weltkirchenrats in vielen Ländern unterwegs ist, wandert sie als Naturmensch sehr gerne, zum Beispiel eine Woche im Nationalpark von Hütte zu Hütte. Dabei übernachtet sie bei Wanderungen auch gerne im Zelt.

Zudem fährt Dietrich leidenschaftlich Fahrrad. So unternimmt die agile Frau seit ein paar Jahren zusammen mit einer Freundin in Etappen eine jeweils achttägige Velotour vom Nordkap nach Oslo.

Stephanie Dietrich braucht diese Bewegung in freier Natur, die bekanntermaßen in Norwegen besonders reizvoll ist, als Ausgleich zum herausfordernden Berufsalltag.