Weil am Rhein: Wie ein Weiler benachteiligten Kindern das Radfahren beibringt

Über hundert Kinder haben bei Jürgen Wiechert schon das Radfahren gelernt – hier mit Media und Abelardo.
Ines BodeEin Kind sollte Radfahren können, sagt Jürgen Wiechert von der IG Velo: Seit acht Jahren setzt er dieses Anliegen ehrenamtlich in die Tat um – seitdem hatten über einhundert Mädchen und Jungen von der Rheinschule bei ihm Unterricht.
Fast ließe sich die Unterweisung als Privatstunde bezeichnen, nur ein bis zwei Schüler finden sich auf dem Schulhof bei dem passionierten Radfahrer ein. Bis vor einigen Jahren habe es „richtigen Unterricht“ gegeben. Dann hat Wiechert die Vorgehensweise neu konzipiert. Mit viel Erfolg.
Zu den letzten Kindern vor den Sommerferien gehören Media und Abelardo. Der Zehnjährige wohne gleich um die Ecke, sagt er, und die Neunjährige lebe mit ihrer Familie in der Stadtmitte.
Beide tragen selbstverständlich ab der ersten Minute einen Helm. Einer ist rot, der andere blau, spendiert wurde der Kopfschutz vom Kursleiter. „Ach ja“, macht Wiechert eine abwehrende Geste. Die beiden 24er Räder habe die Stadt beigesteuert.
Jedes Kind findet seinen eigenen Weg
Das oberste Gebot des Unterfangens sei „kein Druck“, betont er. Ganz schlecht sei ein Satz wie: Der Paul könne das auch. Es sei ein großer Unterschied, ob Kinder mit drei, vier Jahren lernen, wie sich so ein Drahtesel steuern lässt, oder viel später.
Abelardo dreht souverän Runde für Runde über den Schulhof. Er scheint sicher im Sattel zu sitzen. Dennoch spurtet Wiechert öfter neben ihm her. Beispielsweise um ihm ein Stück Holz vors Rad zu werfen. Dann heißt es für den Anfänger, schnell zu reagieren und auszuweichen. Schließlich könne auf der Straße immer was passieren. Der Zehnjährige reagiert ruhig und geschickt, ganz wie Wiechert es sich wünscht.
Je später man anfängt, desto schwieriger wird’s
Dann ist Media an der Reihe. In gemütlichem Tempo kurvt sie im Hof herum. Es sei ihre vierte Stunde, sagt der „Privatlehrer“. Die anfänglichen Probleme waren groß. Kleine Kinder lernen eben alles irgendwie von selbst. Eine echte Herausforderung für Media sei, eine Acht zu fahren. Eine solche wird an diesem Tag mehrfach von beiden Kindern gefordert.
Um die Kurverei sauber zu meistern, müssen Konzentration, Koordination und Gleichgewicht stimmen. Drehungen sind für den Lehrmeister ein Thema. Hinzu komme im echten Straßenverkehr, dass der Kopf auch nach hinten gedreht werden müsse.
Beim Radfahren lernen die Hand auf die Schulter legen
Media schaffe das noch nicht. Vorne fahren und hinten die Lage prüfen, sei schwierig für das Mädchen. Aber Wiechert zeigt Geduld. Sein Rat für Eltern: Beim ersten Aufsteigen dem Sprössling nur die Hand auf Schulter oder Rücken legen, nie auf den Lenker, letzteres blockiere den Startversuch. Zuerst werde immer das Rad erklärt, dann geradeaus gefahren.
Weiter geht’s mit den Vorderbremsen und dem Rücktritt, links und rechts gucken, mal eine Acht probieren und eine Hand rausstrecken – nach beiden Seiten. Währenddessen muss das Auge wachsam sein.
Eingefunden hatte sich zu diesem Anlass auch Ariane Linde vom Bauamt. In höchsten Tönen lobt sie den Service. Zur Frage, wie viele Radfahrer in Weil am Rhein jährlich Unfälle erleiden, spricht sie von einer Grauzone. Diese Art Unfall werde kaum angezeigt. Tödliche Ausgänge mit Kindern habe es in ihrer Zeit nicht gegeben, zehn Jahre sei sie da. Dann erzählt sie noch, Jürgen Wiechert sei gerade in der SWR-Landesschau gewesen. Ein Fünferteam sei zwanzig Kilometer durchs schöne Dreiland geradelt – dabei kam auch der Velospot der Dreiländerbrücke zu Ehren.