Weil am Rhein
: Alle Betriebe mussten Nischen suchen

Serie Teil 5: Landverlust macht den Haltinger Landwirten zu schaffen / Neun Betriebe, neun verschiedene Überlebensstrategien
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Weiler Zeitung
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Die Haltinger Landwirte (v.l.): Jörg Müller, Bärbel Fischer-Trimborn, Alfred Wendle (verdeckt), Karl Fischer, Adolf Fuchs (verdeckt), Isa Schaulin, Jürgen Müller, Jürgen Engler, Susi Engler-Fuchs, Jörg Hagin, Stefan Fuchs und Hermann Lehmann. Auf dem Foto fehlt Hansjörg Sprich. Foto: Jasmin Soltani

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Von Jasmin Soltani

Die Landwirtschaft war bis 1900 die prägende Kraft in Haltingen, obschon der Bahnbau bereits Änderungen in der Arbeitswelt eingeläutet hatte. Im 20. Jahrhundert aber begann der bis heute unaufhaltsame Strukturwandel in der Landwirtschaft – auch weil immer mehr Flächen für Siedlungsbau, Industrieansiedlungen und Verkehrswege in Anspruch genommen wurden. Allein der Bahnbau kostete 70 von rund 600 Hektar landwirtschaftlich genutztem Boden in Haltingen.

Weil am Rhein-Haltingen. Eine Gesprächsrunde im Rahmen unserer Serie „1250 Jahre Haltingen“ mit 15 Haupterwerbslandwirten, die mit ihren Familien die letzten neun Bauernhöfe im Ort führen, zeigt, wie die Hofbetreiber heute auf die sich weiter verändernden Gegebenheiten reagieren. Fast alle sind noch in klassischen Mischbetrieben aufgewachsen, alle mussten sich spezialisieren und Nischen suchen, um ihre Betriebe am Leben zu halten. Doch der Verlust an landwirtschaftlich nutzbaren Flächen macht ihnen weiterhin zu schaffen – auch die Sorge um die Zukunft des Beregnungsgebiets. Nicht jeder Hof wird überleben.

Karl Fischer kann sich noch gut an die Zeiten erinnern, als die landwirtschaftliche Vielfalt im Ort groß war: Alle Kulturen gab es, Feldfrüchte, Obst und natürlich den Weinbau als wichtiges Standbein, dazu Milchvieh, Säue, Hofschlachtung. „Diese Vielfalt war die Existenzgrundlage der bäuerlichen Betriebe“, sagt Fischer. Hinzu kam das Leben und Arbeiten im Familienverbund sowie hohe Flexibilität und Einsatzbereitschaft. Lustig war das nicht immer: Auch der junge Karl musste beim Binden von Strohbändern helfen, statt mit Altersgenossen Schlittenfahren zu gehen, wäre im Sommer lieber mit Freunden ins Schwimmbad statt aufs Feld. „Das war eben so.“ Fünf Kinder, alle in der Landwirtschaft. Heute ist das kaum vorstellbar.

Das Höfesterben, sagt Fischer, der trotz harter Arbeit „immer gern Landwirt war“, habe viele Gründe: die mangelnde Bereitschaft, sich im bäuerlichen Betrieb einzusetzen, die sinkende Rentabilität der Höfe durch die starke Parzellierung der Flächen infolge der Realteilung, aber auch durch den Flächenfraß – Siedlungsbau, Verkehrswege, Industrieansiedlung, „das kostet jedes Mal fruchtbaren Boden“. Damit die nächste Generation weitermachen könne, brauche sie vor allem Planungssicherheit, appelliert er an Politik und Grundbesitzer. Diese Sicherheit aber gehe verloren, etwa auch weil das seit den 1960er Jahren existenziell gewordene Beregnungsgebiet immer wieder zur Disposition gestellt werde. Zuletzt wurden 3,6 von 33 Hektar für die Raymond-Erweiterung „geopfert“.

Auch Bärbel Fischer-Trimborn, die 2002 mit Ehemann Christian den Betrieb ihrer Eltern Karl und Ruth Fischer übernahm, erinnert sich an den Mischbetrieb samt Viehhaltung. Heute bilden Gemüse-, Obst- und Weinbau die drei Säulen des Betriebs. Der Verkauf auf dem Weiler Wochenmarkt zweimal pro Woche und die Auszahlungspreise der Haltinger WG bilden die Haupteinnahmequellen.

In dritter Generation lenkt Hansjörg Sprich die Geschicke des Familienbetriebs, den er 1984 übernahm und mit seiner Frau führt. Schon der Vater hatte sich auf Wein- und Obstbau spezialisiert. Als ausgebildeter Winzer stellte Sprich den Betrieb, zu dem auch Legehennen gehören, ab 1990 auf ökologische Bewirtschaftung um. Vermarktet wird ab Hof, auf dem Markt in St. Louis, über den Großhandel und Naturkostläden. Die Eier werden in der Region verkauft. Es laufe gut, sagt Sprich, dennoch sei die Zukunft des Hofes „offen“.

Isa Schaulin hingegen ist sicher: „Unser Betrieb wird eingehen“. Fünf Hektar bewirtschaften sie und ihr Mann Friedrich mit einem Angestellten und einer Saisonkraft. Aber einen Hofnachfolger gibt es nicht. Das liebe Vieh sei nicht ihr Ding gewesen, stellte Isa Schaulin fest, als sie 1973 auf den Hof kam. Aber die Milchannahme im Milchhüsli habe ihr Spaß gemacht. Längst ist der Betrieb auf Gemüse- und Weinbau spezialisiert, wobei es Isa Schaulins Schwiegermutter war, die vor 50 Jahren mit dem Spargelanbau den Grundstein für die Selbstvermarktung legte. Verkauft wird ab Hof und auf dem Weiler Wochenmarkt. Der Gasthof „Rebstock“ als Nachbar ist Stammkunde in der Spargelsaison.

Die letzten Haltinger Milchkühe standen bei Alfred Wendle im Stall – bis vor anderthalb Jahren. Als der Milchpreis abstürzte, hat er alle 16 Milchkühe an Betriebe, die aufstocken wollten, verkauft. Das Jungvieh hat er aufgezogen und nach Ägypten und in den Libanon verkauft. „Jetzt ist Ruhe im Stall“, meint Wendle, der 1971, mit 18 Jahren, den Hof in dritter Generation übernahm. Mais, Weizen, Gerste und Hafer baut er nun an, und pflegt Grünland für die Pensionspferdehaltung Lehmann.

Er sei immer gerne mit Tieren umgegangen, sagt Wendle, der ab 1975, nach der Abschaffung des Milchhüsli, die Milch ab Hof verkaufte und den Stall 1989 für die Milchwirtschaft umgebaut hat. Als die Farrenhaltung der Gemeinde aufgegeben wurde, hat er die Besamung seiner Tiere selbst durchgeführt. Aber auch dieser Betrieb ist ein auslaufender. Daran ändert auch nichts, dass Ehefrau Ingrid mit dem Verkauf von traditionell hergestelltem Brot und Backwaren einen interessierten Kundenstamm hat.

Wie schnell sich der ändern kann, haben Jürgen und Ute Müller erlebt, die 2005 den elterlichen Hof übernahmen. Die Chicorée-Treiberei, die Gerda und Jörg Müller mit Erfolg als lukrative Sonderkultur aufgebaut hatten, kam irgendwann gegen den Preisdruck von Großbetrieben nicht mehr an. Gleichwohl blicken die jungen Landwirte, die Obst, Gemüse, Kuchen, Brot und Edelbrände aus eigener Produktion sowie Erzeugnisse von Partnerhöfen ab Hof und auf dem Wochenmarkt verkaufen, zuversichtlich in die Zukunft. Zwar machten Gesetzesauflagen, der Rückgang an Pachtflächen, auch im Umland, und der zunehmende Verkehr Sorgen, andererseits wachse in Teilen der Gesellschaft das Bewusstsein für regional erzeugte Lebensmittel, sagt Jürgen Müller.

„Die Bodenknappheit ist unser größtes Problem“, bekräftigt auch Jörg Hagin. Der 59-Jährige führt den elterlichen Hof als Seiteneinsteiger mit Sohn Max weiter. Er weiß noch, wie der Vater den Ackergaul zum Metzger brachte und dafür einen Traktor kaufte. Wie er 1965 die Milchviehhaltung aufgegeben und auf Schweinemast gesetzt hat, die er selbst eine Weile weiterführte, als er 1988 in den Betrieb einstieg. Die vielen bunten Kürbissorten, die seit 25 Jahren jeden Herbst ein prächtiges Bild vor dem Hof in der Großen Gass abgeben, sind dem Wunsch geschuldet, seiner damals kleinen Tochter ein Kürbismännle zu schnitzen. Längst ist aus dem Nischenprodukt ein wichtiger Teil des landwirtschaftlichen Betriebs geworden. Hagin setzt neben der Selbstvermarktung auch auf den Erzeugergroßmarkt „als wichtigen Absatzmarkt vor allem für Beeren“.

An ganz alte Traditionen hat Stefan Fuchs angeknüpft, als er merkte, dass die schützende Hand der Genossenschaften, in denen sich die Elterngeneration stark engagierte, in den 1990er Jahren nachließ. „Maximale Wertschöpfung auf kleinen Flächen“ könne so nicht funktionieren, sei ihm auf der Meisterschule bewusst geworden, als der gelernte Garten- und Landschaftsbauer auf Obstbau umsattelte. Er wagte den Sprung nach Basel, wohin die Markgräfler Bauern schon im Mittelalter ihre Waren lieferten. Jeden Tag verkauft er nun auf dem Basler Markt und im Hofladen Obst vom Tüllinger – frisch sowie veredelt.

Seine Schwester, Susi Engler, ausgebildete Winzerin mit Auslandserfahrung, hat vom Bruder die elterlichen Reben gepachtet und bewirtschaftet sie mit Ehemann Jürgen als Mitglieder der Haltinger Winzer. Vor fünf Jahren „erfanden“ sie den „Rebensonntag“, eine gesellige Werbe- und Infoveranstaltung über den Haltinger Wein und den Landstrich am Tüllinger. „Die Neugier ist groß“, freut sich Susi Engler, „die Leute kommen direkt oder bleiben beim Spaziergang zufällig hängen.“

Neue Wege ist auch Hermann Lehmann gegangen. Sein „Hang zu Rössern“ und der nach der Abschaffung der Kühe leerstehende Stall ermöglichten ihm, eine Pferdepension aufzubauen. Mittlerweile logieren 60 bis 70 Pferde aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland im Reithof Lehmann. Grünland und Äcker liefern Futter und Stroh für die Rösser. Außerdem hat er 2001 den Reitstall Brändlin übernommen. Für die Zukunft macht sich Lehmann wenig Sorgen: Sohn Peter will die Hofnachfolge übernehmen.

Neun Betriebe, neun verschiedene Überlebensstrategien – am Ende bleibt dennoch die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz aller Kreativität ein Drittel keine oder nur eine unsichere Perspektive hat. Groß ist gleichwohl der Zusammenhalt unter den Haltinger Bauern und Winzern. Davon zeugen das Engagement in Organisationen, die gegründet wurden, um gemeinsam besser agieren zu können. Die Solidarität mag auch von den Erfahrungen in der Barackensiedlung herrühren, die nach dem Beschuss des Dorfs im Zweiten Weltkrieg errichtet wurde, vermutet Susi Engler. So etwas trage über Generationen. Auch die Winzergenossenschaft (wir berichten noch) ist ein wichtiges Bindeglied, davon ist Gerda Müller überzeugt. Sie hofft, dass die Landwirtschaft in Haltingen „noch ein paar Jahre so bleibt“. Bärbel Trimborn pflichtet ihr bei: „Wir sind um jeden Landwirt dankbar“.

u Weiterer Bericht folgt.