Theaterpremiere in Kandern: „Der Fluch des goldenen Käfers“: Brezelstädter Laienbühne brilliert

Es geht buchstäblich drunter und drüber auf der Brezelstädter Laienbühne
Johanna Wais„Tief durchatmen, Schwingungen frei fließen lassen und nicht mit Applaus sparen“: Vereinsvorständin Nadja Lenz, die nicht nur die Regie, sondern auch die Rolle der Amtsärztin übernommen hat, begrüßt das Publikum am Freitagabend mit der Aufforderung, sich „einzugrooven“. Und bei dieser Soundkulisse dürfte das den meisten nicht allzu schwer fallen.
Los geht es mit einem eigens von Techniker Sebastian Lenz für diesen Zweck mithilfe von Künstlicher Intelligenz komponierten Reggae-Song über den mysteriösen goldenen Käfer. Als sich der Vorhang hebt, sehen wir einen Salon unter einem zarten, rotweißen Baldachin, unter dem sich ein buntes Panorama voller Traumfänger, ägyptisch angehauchter Kunstwerke und vor allem jeder Menge Tüchern, Häkeldeckchen – sogar einer umhäkelten Deckenlampe – entfaltet.
Bunte Wohngemeinschaft
In dieser sorgfältig kuratierten und von der Theatergruppe teilweise selbst gehäkelten und genähten Kulisse geht eine bunte Wohngemeinschaft entspannt ihren Tätigkeiten nach: Im Hintergrund übt eine Bewohnerin Yoga, ein Protestplakat wird gezeichnet – „Trump stinkt, Hippies nicht“, man liest, schält Äpfel und zieht einen Joint durch. Ganz normales, klischeehaftes Kommunenleben also...
Die bereits durch Geldsorgen etwas angespannte Idylle auf dem Landgut der von Arnsteins, das der jüngste Nachkomme des Adelsgeschlechts Klaus von Arnstein (Kai Rüsen), der Gruppe zur Verfügung stellt, wird jäh unterbrochen, als sie einen der ihren tot im Keller auffinden.
Das bringt die Anti-Establishment-Truppe in die unangenehme Lage, die sonst eher gemiedene Polizei zu rufen. Hastig werden die Spuren ihres unkonventionellen Alltags beseitigt – Joints, Blättchen, Fotos von freizügigen Aktivitäten der Kommune... – da trifft die geballte Ordnungsmacht in Person von Kommissar Schmidt (Achim Jozwiak) und Polizeianwärter Herr Blümke (Luca Karle) auch schon ein.
Sehr zum Ärger des Kommissars hat jedoch der „Stempel in Menschengestalt“, die gestrenge Amtsärztin Dr. Bartsch (Nadja Lenz) bereits das Kommando übernommen.
Kammerspiel mit Klischees
Es entfaltet sich ein herrliches Kammerspiel, das nicht an Klischees spart, diese aber häufig ironisch auf den Kopf stellt. Beispielsweise geht es irgendwann so turbulent zu, dass der adelige Hippie Klaus von Arnstein die Ordnungshüter mehrfach zur Ordnung rufen muss: „Ihr Verhalten wird strafrechtliche Konsequenzen haben.“
Überhaupt sind die Kommunenmitglieder spießiger als es an der Oberfläche erscheint: Ihr Zusammenleben erfordert jede Menge Organisation und Arbeit, und selbst nach einem Todesfall in der Gemeinschaft lassen sie die gemeinsame morgendliche Yoga-Session nicht ausfallen.
Derweil leeren die Polizeibeamten Kommissar Schmidt und Herr Blümke die Vorräte im Weinkeller und kommen dabei der Lösung des Falls auf die Spur. Hier kommt auch der titelgebende Käfer ins Spiel. Der naive, herzensgute Blümke, überzeugend als Hippie im Herzen verkörpert von dem jüngsten Ensemblemitglied Luca Karle, ist übrigens einer der heimlichen Stars des Abends.
Darsteller überzeugen
Schauspiel und Inszenierung des Laienensembles aus Kandern sind insgesamt auf einem hohen Niveau. Auch Nebenfiguren wie Birthe (Tina Hotz), Susi (Brigitte Pankratz) oder Sabine (Martina Gempp) sind von den Darstellerinnen so gut ausgearbeitet, dass ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten deutlich zutage treten. Viele Lacher erntet der frühere Ensembleleiter Reinhard Greßlin als etwas lüsterner, aber vor allem an Entspannung mittels berauschender Substanzen interessierter alternder Hippie Michael.
In einem halben Jahr Proben hat die altersmäßig von knapp unter zwanzig bis Ende sechzig gemischte Schauspielgruppe mit professionellem Anspruch eine schräge Komödie auf die Bühne gebracht und erntet dafür nach einem explosiven Ende herzlichen Applaus.