Medizinische Versorgung am Anschlag
: Privatpatienten erhalten oftmals schneller einen Arzttermin

Kassenpatienten müssen mitunter mehrere Monate auf einen Arzttermin warten. Die Kassenärztliche Vereinigung BW sieht die Politik in der Verantwortung, Abhilfe zu schaffen.
Von
Michael Werndorff
Kreis Lörrach
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Kassenpatienten brauchen viel Geduld. Schneller erhält man einen Untersuchungstermin als Privatpatient.

Pixabay

Die Empörung sitzt tief bei Rudi Häsle. Als gesetzlich versicherter Patient soll er vier Monate auf einen MRT-Termin warten. Als Privatpatient hätten ihm gleich vier Termine in derselben radiologischen Praxis zur Verfügung gestanden. „Ich habe mich als Kassenpatient eingeloggt und war geschockt.“ Selbst ein Anruf in der Praxis habe nichts gebracht. „Ich habe meinen Fall geschildert, es eilte, da ich einen Bandscheibenvorfall habe und mein Arzt die MRT-Untersuchung angeordnet hat“, so der 72-Jährige, der die Screenshots seiner Terminanfrage unserer Redaktion präsentiert. Die Antwort von der Praxisangestellten: „Tut mir leid, da kann ich nichts machen.“ Ihm komme es vor wie unterlassene Hilfeleistung, schildert er die Diskrepanz zwischen Terminangeboten für Privat- und Kassenpatienten. Nachdem er einen größeren Suchradius gezogen hatte, fand Häsle in einer anderen Praxis kurzfristig einen Termin. „Glück gehabt, andernfalls hätte ich ins Krankenhaus gemusst, und das wäre für die Krankenkasse kostspieliger geworden.“

Behandlung auf Selbstkostenbasis

So wie Häsle ergeht es vielen Patienten. Das Warten auf den Arzttermin kann mitunter Monate dauern. Und das bekommt auch die zentrale Notaufnahme der Kreiskliniken zu spüren. Wer allerdings anbietet, selbst zu zahlen, kann die Wartezeit dadurch häufig erheblich verkürzen, schreibt der Sozialverband VdK. Für Ärzte seien Patienten, die als Selbstzahler und nicht als gesetzlich Versicherte um einen Termin fragen, finanziell lukrativ. Denn die Behandlung auf Selbstkosten könne höher abgerechnet werden, da nicht wie üblich für gesetzlich Krankenversicherte der Einheitliche Bewertungsmaßstab ärztlicher Leistungen, sondern die Gebührenordnung der Ärzte für Privatversicherte zur Abrechnung herangezogen werde.

Mehrklassenmedizin die Basis entziehen

Immerhin: In der Praxis sei es nur ein Teil der Ärzteschaft, der die finanziellen Interessen bei der Behandlung auf diese Weise voranstellt oder sogar Selbstzahler-Sprechstunden auf Kosten der Zeit für Kassenpatienten einrichte. „Doch dadurch wird das bestehende Problem der langen Wartezeiten auf einen Facharzttermin weiter verschärft“, so der Sozialverband, der eine Bürgerversicherung fordert, in die alle einzahlen. So könne einer Mehrklassenmedizin die Grundlage entzogen werden.

25 Stunden pro Woche für Kassenpatienten

Laut Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg muss ein Kassenarzt pro Woche eine Mindestanzahl an Sprechstunden für Kassenpatienten zur Verfügung stellen. 25 Stunden seien gesetzlich festgelegt, und das werde von der KVBW auch überprüft, wie Sprecher Kai Sonntag auf Anfrage unserer Redaktion darlegt. Erschwerend kommt hinzu: Nach den bundesweit gültigen Regelungen seien derzeit keine Sitze für Radiologen in Baden-Württemberg frei. Zudem betont Sonntag, dass Fachärzte weiterhin gemäß den gesetzlichen Bestimmungen budgetiert sind. „Das bedeutet, dass eine Radiologiepraxis nur eine bestimmte Anzahl an Behandlungen pro Quartal zum vereinbarten Preis vergütet bekommt.“ Das stelle keine Regelung der KVBW dar, sondern sei gesetzlich so festgelegt.

Budgetierung müsste laut KVBW aufgehoben werden

Sicherlich müsse die Budgetierung aufgehoben werden und die Rahmenbedingungen für die ambulante Versorgung insgesamt verbessert werden, ist Sonntag überzeugt. Die vergangenen Jahre seien in der Gesundheitspolitik stark auf die Kliniken ausgerichtet gewesen. „Die Belange der Praxen haben, wenn überhaupt, dann nur eine untergeordnete Rolle gespielt, obwohl sie das Rückgrat der Versorgung darstellen“, stellt der KVBW-Sprecher fest.

Gegebenenfalls müssten Patienten den Suchradius ausweiten, sagt Sonntag. Ebenso können sie sich an die Terminservicestelle der KVBW unter der Telefonnummer 116117 wenden. Dort sollen dringende Facharzttermine vermittelt werden. Indes: Aktuelle Recherchen des SWR zeigen, dass nur wenige Praxen beim Online-Terminservice mitmachen.

Medizinische Expertise soll entscheiden

Doch zurück zur Online-Terminvergabe: Hätte Kassenpatient Häsle am Dienstagmittag den Kalender abgefragt, wären ihm für den 1. Oktober gleich drei Termine angezeigt worden. Als Privatpatient hätte er wiederum nur einen Tag warten müssen, wie ein Test unserer Redaktion zeigt. „Wie schnell ein Patient einen Termin zur Untersuchung beziehungsweise Behandlung bekommt, sollte nach medizinischer Notwendigkeit entschieden werden und wir verlassen uns hier auf die Expertise unserer Vertragspartner. Die AOK Hochrhein-Bodensee ist in der Fläche sehr gut aufgestellt, so dass wir unsere Versicherten bei Bedarf hier auch unterstützen“, erklärt Carlo Wolf, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Hochrhein-Bodensee. Wolf geht davon aus, dass alle Ärzte die geforderten, überwiegenden Wochenstunden für die gesetzlich Versicherten zur Verfügung stellen. „In der Praxis stellen wir mitunter aber fest, dass es schwierig ist, einen Facharzttermin zu erhalten. Dabei gibt es regional Unterschiede: Einige Facharztgruppen sind in manchen Regionen weniger vertreten als in anderen“, Wolf.