Lörracher Arzt klärt auf: Duschen, trinken, einkaufen: Was viele bei Hitze falsch machen

Viel und rechtzeitig trinken ist eine gute Idee, fehlender Sonnenschutz aber nicht: Die Hitzewelle macht allen Menschen zu schaffen. Wer nicht auf den Körper achtet, begibt sich leicht in Gefahr, sagt Leonard Kirch von den Kliniken des Landkreises Lörrach.
Benjamin WesthoffTemperaturen über einen längeren Zeitraum weit über 30 Grad, dazu hohe Luftfeuchtigkeit und Tropennächte, die kaum Linderung bringen: Hitzewellen verlangen allen Menschen einiges ab, für manche sind sie sogar lebensbedrohlich.
Was passiert im Körper, wenn Menschen über mehrere Tage großer Hitze ausgesetzt sind?
Der Körper versucht zunächst, Wärme loszuwerden. Die Blutgefäße in der Haut erweitern sich, und der Körper schwitzt, um über Verdunstung zu kühlen. Das belastet Herz und Kreislauf: Das Herz muss schneller und kräftiger pumpen, der Blutdruck kann abfallen, und bei vorerkrankten Menschen kann es zu Kreislaufkollaps, Durchblutungsstörungen oder Herzinfarkt kommen. Über mehrere Tage kommen Flüssigkeits- und Salzverlust hinzu. Das Blutvolumen sinkt, die Nieren werden schlechter durchblutet, Elektrolyte können entgleisen, und bestehende Herz-, Lungen-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen können sich verschlechtern. Das Spektrum reicht von Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfung, Muskelkrämpfen und Hitzeerschöpfung bis zum Hitzschlag, der ein lebensbedrohlicher Notfall ist.
Gibt es bei Hitzewellen mehr Notaufnahmen oder Krankenhausaufnahmen?
Ja. Während Hitzeperioden werden vermehrt Einsätze des Rettungsdienstes, mehr ärztliche Kontakte und mehr Krankenhausaufnahmen beschrieben. Besonders häufig sind hitzebedingte Dehydrierung (Wassermangel), Hitzekollaps, Hitzeerschöpfung, Hitzschlag sowie Verschlechterungen vorbestehender chronischer Erkrankungen.
Welche Patienten machen Ihnen bei der momentanen Hitze die größten Sorgen?
Mir machen vor allem ältere, alleinlebende oder pflegebedürftige Menschen Sorgen - insbesondere ab 65 Jahren und noch stärker im sehr hohen Alter. Hinzu kommen Patientinnen und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungen- und Nierenerkrankungen, Diabetes, neurologischen oder psychischen Erkrankungen, starkem Übergewicht sowie Menschen, die bestimmte Medikamente einnehmen. Auch Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder, Menschen mit Behinderung, Obdachlose, sozial isolierte Personen sowie Menschen, die draußen arbeiten oder intensiv Sport treiben, sind besonders gefährdet.
Besonders kritisch sind Kombinationen: hohes Alter plus Herzschwäche, Niereninsuffizienz oder mehrere Medikamente. Blutdrucksenker und entwässernde Medikamente können bei Hitze beispielsweise zu starkem Blutdruckabfall, Austrocknung, Nierenversagen oder Verschiebungen der Blutsalze beitragen.
Gibt es typische Patienten, die sich selbst nicht als Risikogruppe wahrnehmen, es aber sind?
Ja. Ein typisches Beispiel sind Menschen mit Bluthochdruck, Herzschwäche oder Diabetes, die sich im Alltag stabil fühlen und deshalb nicht damit rechnen, dass Hitze ihre Medikamente oder ihre Erkrankung beeinflusst. Auch jüngere oder mittelalte Menschen, die beispielsweise Betablocker oder Antidepressiva einnehmen, können bei Hitze vulnerabler sein, ohne sich selbst als Risikopatienten zu sehen.
Häufig unterschätzt wird das Risiko auch von Menschen, die draußen arbeiten, Sport treiben, aber auch solche, die Alkohol- oder Drogenprobleme haben oder kognitive Einschränkungen. Neben klassischen medizinischen Risiken zählen eben auch soziale Isolation, eine ungünstige Wohnsituation – beispielsweise eine schlechte gedimmte Dachgeschosswohnung oder Obdachlosigkeit zu den Risikofaktoren.
Was sind typische Fehler, die Menschen bei großer Hitze machen?
Ein häufiger Fehler ist, zu spät zu trinken - erst dann, wenn schon Durst, Schwindel oder Kopfschmerzen auftreten. Bei Hitze sollte grundsätzlich mehr getrunken werden, sofern keine Herz- oder Nierenerkrankung dagegen spricht. Alkohol ist besonders ungünstig, weil er den Kreislauf zusätzlich belasten und zur Austrocknung beitragen kann. Weitere typische Fehler sind Sport, Gartenarbeit oder Einkäufe in der heißesten Tageszeit, dazu Aufenthalt in direkter Sonne oder überhitzten Räumen. Bei Kreislaufproblemen sollte man sehr kalte Getränke oder sehr kalte Duschen unterlassen. Anstrengende Tätigkeiten sollten möglichst in kühlere Morgen- oder Abendstunden verlegt werden. Wichtig ist außerdem: Warnzeichen wie Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle, anhaltendes Erbrechen, sehr hohe Körpertemperatur oder heiße und trockene Haut sind keine Bagatellen.
Das Gespräch führte Jan Boller