Kreis Lörrach: Wenn Patienten zuschlagen

Die Polizei hat vermehrt Einsätze im Kreiskrankenhaus. Bedrohungen, Beleidigungen und Verrohung nehmen auch im Rettungswesen zu.
Gerald NillWer glaubt, dass das Thema Gewaltbereitschaft und Bedrohung im Krankenhaus im eher ländlichen Bereich nicht existiert, liegt falsch. Die Polizei Lörrach bestätigt auf Anfrage, dass es im vergangenen Jahr 71 Einsätze im Kreiskrankenhaus alleine aufgrund von Alarmierungen mit renitenten Patienten gegeben hat. Im Jahr zuvor waren die Ordnungshüter noch 57 Mal aufgrund von Beleidigungen, Bedrohung oder Gewalt gegen das Klinik-Personal gerufen worden. Zur Einordnung: Insgesamt war die Polizei 225 Mal wegen aller möglichen Delikte im Kreiskrankenhaus vor Ort. In dieser Zahl ist auch der Teil der Patienten, die in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen werden müssen, enthalten.
Gewalt an Mitarbeitern
Die Verrohung der Gesellschaft bis hinein in den medizinischen Bereich belegt die Studie „Gewalt an Mitarbeitern in der Notaufnahme“, die die Unternehmensberatung openConsulting durchgeführt hat. Dazu wertete openConsulting die Angaben von rund 100 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu bestimmten Themenbereichen aus.
Die Ergebnisse: 73 Prozent aller Befragten beklagen Übergriffe. Sie reichen von Randale in der Notaufnahme über Handgemenge bis zu Schlägen und Tritten. Bei vielen Übergriffen spielt Drogen- oder Alkoholmissbrauch eine große Rolle. Darüber hinaus zeigen Familienangehörige bei über 40 Prozent der Vorfälle eine deutliche Gewaltbereitschaft. Unzufriedene Patienten bilden ein Drittel der Täter. 43 Prozent der Kliniken gaben an, dass bei ihnen in den letzten zwei bis drei Jahren die Übergriffe zugenommen haben. Helfen muss sich das Klinikpersonal meist selbst. In vielen Fällen mussten Ärzte oder Pflegepersonal herbeigerufen werden. Ein Viertel der Befragten gab an, auch schon einmal die Hilfe eines externen Sicherheitsdienstes oder zufällig anwesender Personen in Anspruch genommen zu haben.
„Wir haben einen Querschnitt der Bevölkerung als Patienten und sind nicht ausgenommen von Gewalt“, sagt Dr. Samuel Hemmerling, Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin in Lörrach. Das Phänomen betreffe tatsächlich mehr die Krankenhäuser in Großstädten, so seine Einschätzung. Während verbale Gewalt auch im Lörracher Krankenhaus „fast täglich“ vorkomme, sei körperliche Gewalt gegen Pflegekräfte und Ärzte eher selten. Grundsätzlich äußert der Chef der Notaufnahme im Kreiskrankenhaus viel Verständnis für die Ausnahmesituation, in der sich Patienten wie Angehörige oft in der Notaufnahme befänden. Da gehe es häufig um die Sorge kranker Personen. Und Angst könne sich auch in Aggression äußern. Für Pflegekräfte wie Mediziner sei es natürlich belastend, wenn Angehörige fordernd, drohend oder beleidigend auftreten. Auf der anderen Seite seien jene Patienten auffällig, die sich im Rahmen ihrer Erkrankung nicht im Griff haben, sei es aufgrund psychischer Erkrankungen oder unter dem Einfluss von Drogen oder Gewalt.
Unter Drogeneinfluss
Hemmerling erinnert sich gut an einen Extremfall vor gut einem Jahr, als ein Patient unter Drogeneinfluss sehr aggressiv wurde, mehrere Pflegekräfte des Krankenhauses sowie Beamte der alarmierten Polizei verletzte. Dieser Vorfall führte zur Einführung eines internen Erfassungsbogens im Krankenhaus. Und er führte zur Schulung von Mitarbeitern in der Notaufnahme, die lernen, wie sie in Ausnahmefällen deeskalierend wirken können, um Herr der Lage zu bleiben. „Ein gut geschulter Mitarbeiter, der eine angespannte Situation deeskaliert, kann den Polizeieinsatz ersetzen“, lautet die Einschätzung des Notaufnahmeleiters. Schließlich hat das Klinikum aber auch zu bestimmten Zeiten einen Sicherheitsdienst eingeschaltet, um nicht wehrlos zu sein, wenn Personal beschimpft oder bedroht wird.
Auch beim Rettungsdienst der Malteser schlägt das Thema Aggression im Einsatz für Patienten auf, wie Daniel Hierholzer für die Malteser bestätigt. Er ist Rettungsdienst-Leiter der Malteser in Südbaden und spricht von Einzelfällen, bei denen es im Einsatz zu Bedrohungen kommt. „In der Regel sind es vor allem Einsätze in sozialen Brennpunkten und Innenstädten, die durch aggressives Verhalten auffallen“, so Hierholzer. „Unser Blick darauf ist, dass für die Betroffenen ein Notfall immer eine extreme Ausnahmesituation darstellt. In solchen Momenten sind die Menschen oft emotional aufgewühlt, gestresst und möglicherweise verängstigt“, so der Rettungsdienstleiter. „Diese emotionalen Zustände können zu aggressivem Verhalten führen, das nicht unbedingt gegen die Rettungskräfte gerichtet ist, sondern eine Reaktion auf die überwältigende Situation darstellt.“
Mitarbeiter sind trainiert
Malteser-Mitarbeitende seien darauf trainiert, in solchen Situationen professionell und empathisch zu handeln.
Als Beispiel nennt Hierholzer auch Elternteile, die bei Kindernotfällen herausfordernd werden können: „Stellen Sie sich vor, Ihnen wird das Kind aus dem Arm genommen. Hier ist eine gute Kommunikation wie auch die direkte Einbindung der Eltern unabdingbar, um Verständnis zu schaffen und Spannungen möglichst früh zu vermeiden.“ Da die Einsatzkräfte aber auf solche Situationen vorbereitet sein müssen, werden sie in der Ausbildung und in Fortbildungen speziell in der Deeskalation geschult. „Außerdem stehen unseren Mitarbeitenden ausgebildete Ansprechpersonen zur Nachbereitung der Einsätze zur Verfügung“, so der Malteser.
Negative Erfahrungen muss auch der DRK-Rettungsdienst machen, wie Geschäftsführer Simon Redling erklärt. Dieser registrierte sechs gemeldete Fälle von Gewalt gegen Rettungsdienst-Personal. Die Dunkelziffer sei jedoch deutlich höher, da Mitarbeiter aufgrund von fehlenden Konsequenzen oder keiner Nachverfolgung keine Meldung machten. „Leider gab es schon immer solche Vorfälle. Tatsächlich hat jedoch die Häufigkeit in den letzten Jahren eher zugenommen“, weißt Redling. Mittlerweile komme es vermehrt zu emotionalen Ausnahmezuständen und sozialen Spannungen. Hinzu komme der Missbrauch von Drogen. Und: „Der Respekt gegenüber Rettungskräften ist subjektiv betrachtet in den letzten Jahren immer weiter gesunken.“