Kreis Lörrach: Warum das Markus-Pflüger-Zentrum eine neue Struktur erhalten soll

Das Markus-Pflüger-Zentrum in Wiechs
Werner MüllerEin – wie derzeit häufig – lebenslanger Aufenthalt in der stationären Einrichtung des Markus-Pflüger-Zentrums soll in Zukunft die Ausnahme bleiben. Der Eigenbetrieb Heime will die Fachpflegeeinrichtung in Wiechs mit 75 stationären Pflegeplätzen zukünftig im Bereich der Eingliederungshilfe betreiben. Das Ziel: Den Betroffenen eine Zukunft auch außerhalb fester Heimstrukturen bieten und die Ambulantisierung deutlich ausbauen. Der Kreis-Betriebsausschuss hat am Mittwoch bei vier Enthaltungen dem Kreistag die Neukonzeption zum Beschluss empfohlen. Nach dem Willen des Gremiums soll die Betriebsleitung die baulichen Planungen zum Neubau Haus Entegast schnellstmöglich vorantreiben.
Mehrausgaben erwartet
Der Systemwechsel bedeute Mehrausgaben von 2,5 Millionen Euro, verwies Heike Roese-Koerner auf einen Personalaufbau und die Umstellung auf das Bundesteilhabegesetz. Allerdings würden die Kosten bei einer abnehmenden dauerhaft stationären Betreuung dann auch wieder sinken. Ihre Botschaft: „Wir möchten, dass die Menschen wieder in ein normales Leben zurückkehren.“
Angebote für junge psychiatrisch erkrankte Menschen
Ist-Zustand: Derzeit werden am Standort Schopfheim-Wiechs insgesamt 75 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder Suchtproblemen sowie gerontopsychiatrischen Erkrankungen betreut. Die Einrichtung wird nach den Vorschriften für die Pflegeversicherung (SGB IX) geführt. Die Menschen, die derzeit betreut werden, verfügen größtenteils über niedrige Pflegegrade, sodass sich daraus ein relativ geringer refinanzierter Personalbestand für den Eigenbetrieb Heime ergibt. Laut Leiterin muss mit einem weiteren Absinken der Pflegegrade gerechnet werden. Bereits jetzt werde die Einrichtung mit zweieinhalb Vollzeitkräften über der refinanzierten Soll-Besetzung betrieben, weil ohne diese nicht einmal die Mindestbesetzung sichergestellt werden könnte, so Roese-Koerner weiter.
Teilhabe ist Thema
Der Anteil junger Bewohner sei hoch. Schon heute sei der Altersdurchschnitt mit einer typischen Einrichtung unter SGB IX nicht vereinbar und sinke weiter bei Neuaufnahmen. Deshalb sei es besonders wichtig, dass der Eigenbetrieb Heime für junge psychiatrisch Erkrankte den Menschen in einem geschlossenen Bereich Unterbringungsangebote machen könne. Und: Wegen der pflegerischen Ausrichtung seien derzeit nur fünf Prozent des Personals pädagogische Fachkräfte. Zudem stehe Teilhabe aufgrund sehr knapper Ressourcen nicht im Vordergrund. Insgesamt handele es sich um eine defizitäre Struktur, betonte Roese-Koerner. Und das Defizit werde weiter steigen.
Keine Basis für den geplanten Neubau
Was geplant ist: Wie die Leiterin des Eigenbetriebs im Ratsrund darlegte, sei die defizitäre, nicht teilhabe-orientierte Arbeitsweise der Pflegeeinrichtung weder wirtschaftlich noch könne sie fachlich gesehen eine Basis für den geplanten Neubau sein. Mit dem nun angestrebten Systemwechsel hin zum Sozialgesetzbuch IX, das den behinderten Menschen in Form der Eingliederungshilfe in den Mittelpunkt rückt, soll der Aufbau eines interdisziplinären Teams aus pflegerischen und pädagogischen Fachkräften ermöglicht werden.
Mehr Selbstständigkeit
Dadurch sollen Betroffene wieder zu mehr Selbstständigkeit befähigt werden. Das zukünftige Konzept beruht auf einer durchgängigen Bezugspflege, wie Roese-Koerner erläuterte. Ziel sei es, dass die Menschen nach etwa zwei Jahren in eine ambulante Wohnform überführt und dort weiterbetreut werden können. Das überarbeitete Konzept für den geplanten Neubau sieht 48 stationäre Plätze in der besonderen Wohnform vor – jeweils zur Hälfte geschlossen und offen, ergänzt um 27 ambulante Plätze. Unterm Strich entstehen zehn zusätzliche geschlossene stationäre Plätze.
Durchlässige Strukturen ermöglichen
Die bauliche Umsetzung soll durchlässige Strukturen vom geschlossenen über den offen bis hin zum ambulanten Bereich ermöglichen. Dies soll so erfolgen, dass die Bezugspfleger die Bewohner durch die Strukturen begleiten können. Neben den stationären und ambulanten Plätzen sollen am Standort 100 Plätze für einen Förder- und Betreuungsbereich entstehen, in dem das Ziel der Vorbereitung auf andere Strukturen außerhalb des Campus verfolgt wird.
Weitsichtiges Konzept
Von einem plausiblen und weitsichtigen Konzept sprach Tonio Paßlick von den Freien Wählern. Der Paradigmenwechsel komme gerade rechtzeitig. Dass man voll davon überzeugt sei, war von Gabriele Weber (SPD) zu hören. Das Ziel, mehr Menschen in die Selbstständigkeit zu bringen, sei ganz klar, betonte Margarete Kurfeß (Grüne). „Das ist die richtige Richtung.“ Indes sorgten die Mehrkosten in Millionenhöhe für Bauchschmerzen. Die Grünen enthielten sich, es gebe noch Beratungsbedarf innerhalb der Fraktion, so Kurfeß.
