Kreis Lörrach: Trotz Stress von Wirrwarr keine Spur

Immer mehr Patienten suchen die Notaufnahme auf.
Valentin Radonici/Valentin RadoniciVon Wirrwarr keine Spur. Und trotzdem: Lange Wartezeiten und Personal am Limit seiner physischen und psychischen Belastung. Vielfach wird geklagt über Probleme auf der Notfallstation des Kreiskrankenhauses an der Spitalstraße in Lörrach. Deshalb haben die Verantwortlichen dieses Jahr ein Maßnahmenpaket geschnürt, um Arbeitsabläufe zu optimieren und zugleich eine Vorlage für die zukünftige Zentralklinik im Entenbad zu schaffen.
Bei den Kreiskliniken Lörrach ist die Notaufnahme die erste Anlaufstelle für viele Menschen, die medizinische Hilfe brauchen. Dort wurden allein in diesem Jahr fast 30 000 Patienten versorgt – auch solche, die mit einfachen medizinischen Problemen eigentlich kein Fall für eine notärztliche Behandlung darstellen, jedoch wochenlang keinen Arzttermin in einer Praxis erhalten.
Dickes Patientenlob
„In den Notaufnahmen führt das zu einem enormen Mehraufwand“, beklagt ein diensthabender Pfleger die aktuelle Situation. Trotzdem freut er sich über das im Internet aufgetauchte Lob eines Patienten: „Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt. Trotz Hochbetrieb waren alle sehr freundlich. Die Menschen dort leisten unglaublich viel. Dankeschön!“
Seit fast einem Jahr ist Samuel Hemmerling Chefarzt für Akut- und Notfallmedizin der Kreiskliniken Lörrach. Er startete mit der holprigen Umstellung auf die neue Kliniksoftware. Einige Prozesse hätten dabei neu gedacht werden müssen, sagt Hemmerling. Und vor allem: Die Patientenzahlen steigen und steigen. „Die 30 000er-Marke werden wir in diesem Jahr knacken“, rechnet Hemmerling mit einer Zunahme um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Thema Notfallgebühr
Derweil will Andreas Gassen, Chef der kassenärztlichen Bundesvereinigung, gegensteuern und fordert gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland die Einführung einer Gebühr für Patienten, die ohne telefonische Ersteinschätzung die Notaufnahmen aufsuchen.
Chefarzt Hemmerling zeigte sich in einem Interview dazu kritisch. Seiner Meinung nach ist dieses Mittel nicht geeignet, um die Notaufnahmen zu entlasten. Es werde kaum möglich sein, eine klare Linie zwischen Bagatellbeschwerden und einer ernsthaften Erkrankung zu ziehen. Zudem sei es absehbar, dass im Falle einer Strafgebühr für selbstvorstellende Patienten der Rettungsdienst noch mehr gerufen werde, um als „Eintrittskarte“ zur Notaufnahme zu fungieren.
Team wächst weiter
Überdies, so Hemmerling, sei die Ursache des Problems nicht bei den Patienten, sondern die Verfügbarkeit ambulanter Alternativen wie der hausärztlichen Notdienst. Dieser werde im Übrigen - neben der Organisation der niedergelassenen Ärzte - von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) organisiert und genau deren Chef sei Andreas Gassen.
Derweil ist das Team der Lörracher Notfallstation gewachsen, knapp 40 Vollzeitstellen gibt es nun in der Pflege. Neu ist Pflegeleiterin Sarah Kröner. „Sie ist ein Glücksgriff“, sagt Chefarzt Hemmerling. Und auch das Ärzteteam wächst weiter. Nun gelte es als nächstes, die Kollegen einzubinden, die im Frühjahr von Rheinfelden nach Lörrach wechseln.
Mit den Betroffenen stehe man im Austausch. „Uns war es wichtig, da aktiv zu werden“, sagt die neue Pflegeleiterin Sarah Kröner. Auch, um den Kollegen ein bisschen die Angst vor dem neuen Umfeld zu nehmen. „Das Team ist aber nicht nur gewachsen, sondern vor allem zusammengewachsen“, freut sich der Chefarzt. Und: „Die Stimmung ist gut, die Ideen sprudeln.“ Aus dem Team sei auch der Wunsch gekommen, den Wartebereich ansprechender zu gestalten. Es seien deshalb Bilder der Künstlerin Sabine Nesser besorgt worden.
Bis zu 100 Patienten
Zusätzlich zum examinierten Personal sind mittlerweile etwa 20 ehrenamtliche Helfer in der Notaufnahme im Einsatz. Seit Dezember begleiten sie Patienten zu Untersuchungen, vermitteln den Kontakt zu Angehörigen, kümmern sich um Essen und Trinken und informieren über Zeiten und Abläufe. Damit sollen sie auch die Pflegekräfte entlasten. Medizinische Aufgaben dürfen sie allerdings nicht übernehmen. In die Notaufnahme kommen am Tag auch mal bis zu 100 Menschen, die Hilfe brauchen. Lange Wartezeiten sind da programmiert, viele Patienten bekommen Hunger oder brauchen dringend ein paar persönliche Dinge. Denn die meisten kommen ganz plötzlich und unerwartet in die Notaufnahme zum Beispiel nach einem Unfall.
Und da sind auch noch die „Überraschungsgäste“ – zum Beispiel ein betrunkener junger Mann, der morgens um 3 Uhr von vier Polizeibeamten gebracht wird, die seinen Aufenthalt sichern müssen, da er trotz Kopfplatzwunde zum Randalieren neigt. Trotzdem behält das Personal den Überblick.
Da freut es einen anderen Patienten, dass sich jemand liebevoll um ihn kümmert - abseits der medizinischen Hilfe. „Die persönliche Ansprache kommt in dem Stress, in dem die Ärzte sind, einfach zu kurz“, sagt der Betroffene. Und: „Der Personalmangel ist spürbar. So ist es gut, wenn da noch jemand außerhalb von diesem Normalbetrieb kommt, einen anspricht, wie es geht. Finde ich nett“, lobt der Wiesentäler die ehrenamtlichen Mitarbeiter.