Gambier in Lörrach: Neues Leben nach der Flucht

Mitglieder der Gambischen Vereinigung tanzen beim internationalen Sommerfest.
Regine Ounas-Kräusel„Wir sind hier wie eine Familie“, sagt der Sprecher der Gambischen Vereinigung Sehrifo Barrow beim Gespräch mit dem Vereinspräsidenten Alagie Kinteh und unserer Reporterin in einem Lörracher Café. Der 37-Jährige, der in seiner afrikanischen Heimat als Schreiner arbeitete, kam 2016 nach Lörrach. 2018 gründete er mit Landsleuten die Gambische Vereinigung.
In Baden-Württemberg leben aktuell rund 8470 Zuwanderer gambischer Staatsangehörigkeit, im Landkreis Lörrach 300. Der kleine westafrikanische Staat gehört zu den ärmsten Ländern Afrikas. An der Spitze der Regierung steht seit 2017 der demokratisch gewählte Präsident Adama Barrow. Die meisten Asylbewerber aus Gambia kamen zwischen 2014 und 2018 nach Deutschland, aber die wenigsten wurden anerkannt.
Dennoch haben viele Gambier inzwischen einen Aufenthaltstitel. In Baden-Württemberg gehen fast zwei Drittel (61 Prozent) der Zuwanderer aus Gambia einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach.
Hilfe in Notlagen
Die Gambische Vereinigung, der auch Menschen aus anderen afrikanischen Ländern angehören, hilft ihren Mitgliedern in Notlagen. Für Menschen im Asylverfahren finanziert der Verein, wenn nötig, einen Anwalt. Für einen Landsmann, der abgeschoben wurde, spart die Vereinigung aktuell Geld, damit er in Gambia ein Auto kaufen und Taxi fahren kann.

Fallback Image SB
Schwarzwälder BoteWill ein Mitglied umziehen, streckt der Verein auch mal Geld für Möbel vor. Wer noch keinen Aufenthaltstitel habe, bekomme keinen Kredit dafür, erklärt Barrow. Die Regeln sind einfach: Sobald die Betroffenen Arbeit haben, zahlen sie das Geld zurück.
Sehrifo Barrow kam 2016 nach Lörrach. „Es war nie mein Plan, nach Europa zu kommen“, erzählt der 37-Jährige. Er wuchs in einer gambischen Kleinstadt auf und erlernte bei seinem Onkel das Schreinerhandwerk. Nach zwei Jahren mit eigenem Betrieb versuchte er, in einem Nachbarland ins Handelsbusiness einzusteigen.
Mehrjährige Wanderung
Als das nicht klappte, begann seine mehrjährige Wanderung von Libyen über Italien bis Deutschland. Er verdiente als Schreiner gutes Geld, erlebte aber auch Schreckliches, etwa im Bürgerkrieg in Libyen.
Heute wohnt Barrow mit seiner deutschen Frau in Lörrach und arbeitet als Hausmeister in der Salzert-Grundschule.
Fußball schafft Kontakte
Für Kontakte und Spaß sorgt in der Gambischen Vereinigung der Fußball. Junge Gambier spielen in Vereinen der Umgebung. Dem SC Haagen hätten Landsleute sogar zum Aufstieg in die Kreisliga B verholfen, erzählt Alagie Kinteh stolz. Eine Zeit lang sei er in Haagen selbst Trainer gewesen: „Ich liebe Sport!“ Die Gambische Vereinigung fährt außerdem zu Turnieren mit afrikanischen Mannschaften zwischen Basel und Freiburg. Am 19. Juni organisierte sie zum ersten Mal selbst ein Turnier auf dem Gelände des FV Tumringen. Sehrifo Barrow trat mit seinem Team „Interbarrow“ an mit jungen Spielern aus Gambia, Syrien, Albanien und anderen Ländern.
Außerdem organisiert die Gambische Vereinigung Grillfeste und Discos und beteiligt sich am Internationalen Sommerfest der Stadt. Barrow und Kinteh engagieren sich im Teilhabe- und Integrationsbeirat.
Diskriminierung aber auch Anerkennung im Alltag
Auf Nachfrage erzählen die beiden Afrikaner, dass Diskriminierungen in ihrem Alltag vorkommen. Bei der Wohnungssuche sei eine zugesagte Wohnung dann plötzlich „vergeben“. An früheren Arbeitsplätzen habe Barrow schon Gemeinheiten wie Urin im Trinkbecher erlebt. Ein Problem seien die langen Wartezeiten in den Ausländerbehörden, vor allem wenn Aufenthaltstitel abzulaufen drohten. Während des Gesprächs im Café werden die beiden Afrikaner allerdings von vielen Menschen freundlich gegrüßt.

Fußball schafft Kontakte und macht Spaß. Foto: Sehrifo Barrow (rechts vorne), Sprecher der Gambischen Vereinigung, mit seinem multikulturellen Team „Interbarrow“.
Foto: Regine Ounas-KräuselIn Gambia lebe man nach dem Prinzip der „Brotherhood“, sagt Barrow und erzählt von lebendiger Nachbarschaft mit klar verteilten Rollen. Als er einmal für eine Schule ein Dach bauen sollte, beschafften Nachbarn das Baumaterial. Frauen und junge Männer führten die Arbeiten aus. Er als gelernter Schreiner suchte die Arbeitskräfte aus. Leitungsaufgaben übernähmen üblicherweise ältere Leute, sagt Barrow und fügt an: „In Deutschland sind die Menschen mehr für sich.“
Von Afrika nach Deutschland
Auf die Frage, warum Menschen aus ihrer afrikanischen Heimat ins so völlig andere Deutschland auswandern, reagieren die Männer nachdenklich: Die meisten Gambier kämen mit der Hoffnung auf gut bezahlte Arbeit, auf ein gutes Leben für sich selbst und ihre Familien daheim.