Comedy im Burghof: Sensible Inhalte mit Witz: David Kebekus in Lörrach

David Kebekus präsentiert Witze als Notwehr gegen die Zumutungen der Welt.
Veronika ZettlerGerade ein Humor, der Grenzen touchiert und manchmal wehtut, der auf freies Denken setzt und der Urteilskraft der Zuschauer vertraut, nimmt dem Schweren den Ballast.
Schon früh sind die Spielregeln des Abends markiert: Comedy ist kein politischer Besserungsunterricht, sondern ein Schutzraum, in dem das Lachen Vorrang hat. Die „sensiblen Inhalte“ sind dabei Triggerwarnung und Programm zugleich – heikle Themen werden so lange gedreht, bis aus Zumutungen Zumutbarkeit und aus Schwermut Lachanfälle werden.
Kebekus demonstriert, wie Selbstironie geht
Dazu gehört für Kebekus auch, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Wie Selbstironie geht, demonstriert der 41-Jährige exemplarisch an seiner eigenen Karriere – und an der seiner großen Schwester, Star-Comedienne Carolin Kebekus. Während sie in vollen Arenen auftritt, füllt der „kleine Bruder“ an diesem frostigen Abend „nur“ das Burghof-Foyer und kommentiert trocken, er müsse wohl erst einmal erklären, wie berühmt er sei. Immerhin betreibe schon jemand einen Fake-Account unter seinem Namen.
Wie der Titel erahnen lässt, geht es auch um das allgegenwärtige „Problematisieren“ von Begriffen, Haltungen, ganzen Berufsständen. Auch der Druck auf Comedians ist gewachsen. Kebekus erzählt von seiner Agentin, die ihm zum Provozieren eines Shitstorms rät, weil das der Karriere helfen könne. Er selbst zweifelt: „Ich würd’s ja gar nicht merken, wenn ich gecancelt werde.“
Ganz klassische Kölner Stand-up-Schule, hangelt sich Kebekus durch ein weites Themenfeld: Familie, das Baby der Schwester, das Einfinden in die Rolle einer plötzlich älteren Person. Statt Lebensberatung gibt es im Midlife nur noch Phrasen wie „Geh deinen Weg“ und „Sei du selbst“ – und reichlich Stoff für Betrachtungen über Geschlechterunterschiede, Männerfreundschaften und das Standardpaket gegen die Midlife-Crisis: junge Freundin und Porsche.
Empfehlenswert an Lörrach: Freiburg-Ausflug
Für einen Heidenspaß sorgt das Kapitel über kompetente Handwerker: Während der Yuppie nicht das Know-how für einen ordentlichen Suizid habe, trägt der Handwerker alles Nötige bereits am Gürtel. Oder trinkt in der Werkstatt einen Eimer Farbe. Es gebe schlicht deshalb keine depressiven Handwerker, weil die alle schon tot seien. Dass Kebekus sich vorab bei einem Bewertungsportal informiert hat, was in Lörrach „empfehlenswert“ ist – Laserfun, Parkschwimmbad, Burghof und vor allem ein Tagesausflug nach Freiburg – liefert die Steilvorlage für liebevolle Seitenhiebe auf die Stadt. Dazu kommen Gedankenspiele über Krieg als Werk unbefriedigter Männer – und somit eine Teilschuld der Putin-Partnerin.
Kebekus verzichtet auf Crowdwork – „Das Publikum hat Eintritt bezahlt und soll in Ruhe gelassen werden“ –, und auch darin steckt eine stille Haltung: Respekt vor den Gästen. Seine Spitze gegen Kollegen, die Wahlaufrufe in ihre Programme einbauen und dafür Applaus ernten, wirkt wie ein kleines Poetik-Statement: Komik soll denken lassen, nicht applaudierende Einigkeit herstellen. Kebekus traut ambivalenten Pointen mehr zu als plakativer Moral.
Am Ende bleiben zwei Erkenntnisse: Erstens, dass die „sensiblen Inhalte“ dieses Abends alles andere als weichgespült sind. Und zweitens, dass ein Comedian, der so klug, pointensicher und selbstironisch arbeitet wie Kebekus, im Burghof mehr als rund 90 Zuschauer verdient gehabt hätte.