30-Jahr-Jubiläum
: Jüdische Gemeinde ist ein lebendiger Teil von Lörrach

Die jüdische Gemeinde ist mitten in Lörrach angekommen. Bei der Feier zum 30-Jährigen beschworen Redner ihre gedeihliche Zukunft – allem Antisemitismus zum Trotz.
Von
Willi Adam
Lörrach
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Die Ehrengäste der Jubiläumsfeier (von links):Erzbischof Stephan Burger, Landesbischöfin Heike Springhart, Robert Fritsch (stellvertretender Vorsitzender IRG Baden), Rabbiner Moshe Flomenmann, Petra Olschowski (Ministerin für Wissenschaft und Kunst), Rami Suliman (Vorsitzender IRG Baden) Michael Blume (Landes-Antisemitismusbeauftragter) und Landrätin Marion Dammann.

Willi Adam

Vor einer Woche beim Gedenken zum 9. November hatte Rabbiner Moshe Flomenmann angekündigt, dass es nach dem lehrreichen Blick in die Geschichte in wenigen Tagen einen freudigen Anlass geben werde, um nach vorne zu schauen, nämlich das 30-jährige Bestehen der Israelitischen Gemeinde in Lörrach. Doch nicht nur der Jahrestag ihrer Wiedergründung war Anlass zu feiern. Die Gemeinde lässt sich bis in das Jahr 1670 zurückverfolgen, Juden gehören somit seit 355 Jahren zu Lörrach. Doch die Wiedergründung vor 30 Jahren erfolgte durch eine Gruppe zugewanderter Menschen, die lange Geschichte der Juden in Lörrach ist demzufolge nicht nur als durchgehende Linie zu sehen.

Alte Tora-Rolle verbindet

Aber es gibt ein verbindendes Glied, das den Bogen schlägt von der Zeit vor der Zerstörung der alten Synagoge im Jahr 1938 bis in die Gegenwart und in die Zukunft. Es handelt sich dabei um eine alte Tora-Rolle, die nach Rabbiner Flomenmanns Vermutung vielleicht schon zur Einweihung der ersten Lörracher Synagoge im Jahr 1808 entstanden sein könnte und die auf wundersame Weise 1938 aus dem brennenden Gebäude gerettet wurde.

Zur Einweihung der neuen Synagoge im Jahr 2008 kam die Tora-Rolle wieder zurück, doch sie gilt nicht mehr als koscher und kann somit nicht mehr verwendet werden. Nun kündigte Moshe Flomenmann an, dass beschädigtes Pergament ersetzt werde. Die dann wieder korrekte Gebetsrolle mit ihren exakt 304 805 Schriftzeichen wird künftig also nicht mehr nur Symbolkraft haben, sondern einen geistlichen Impuls für die Zukunft der Gemeinde setzen.

Ministerin mahnt, sich nicht auf Wunder zu verlassen

Die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski, bezeichnete die Rückkehr der alten Tora-Rolle in die neue Synagoge als „ein Wunder“. Doch mit Blick auf den wieder aufgeflammten Antisemitismus dieser Tage mahnte die Ministerin, sich nicht auf weitere Wunder zu verlassen. Selbstkritisch für sich und die Politik sagte sie, es sei nicht gelungen, „den Geist des Faschismus und das Übel des Antisemitismus ganz zu verdrängen.“

Die Jubiläumsfeier der Lörracher Gemeinde könne aber ein Zeichen setzen: „Lassen Sie uns feiern mit offenen Augen für das, was ist und für das, was sein kann im besten Sinn.“ Auch der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG), Rami Suliman, sprach das Symbolhafte im Umgang mit der alten Tora-Rolle an. Deren Instandsetzung hätte auch nur mit dem nötigen Geld erfolgen können. Es sei jedoch wichtig gewesen, für dieses Vorhaben alle Fraktionen im Landtag (bis auf eine, wie er anmerkte) für dieses Projekt zu gewinnen.

Lebendige Gemeinschaft etabliert

„Von Herzen gemacht“

Dass sich in Lörrach eine lebendige Gemeinde etabliert hat, sahen Erzbischof Stephan Burger und seine evangelische Amtskollegin Heike Springhart sowie Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte des Landes vor dem Hintergrund des historischen und des aktuellen Antisemitismus als ein gutes Zeichen.

Alle drei Redner betonten die Bedeutung des Gemeindejubiläums für das Miteinander in der Gesellschaft. Ein gemeinsames Leben in Respekt, Achtung und gegenseitiger Bereicherung müsse möglich sein, mahnte Erzbischof Burger. Abgesehen von den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen hat das Gemeindejubiläum auch eine sehr lokale Bedeutung. Und diese ist sehr mit dem Namen Hanna Scheinker verknüpft. So wie viele andere heutigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Lörrach war sie aus der früheren Sowjetunion gekommen. Somit war der Aufbau der Gemeinde auch eine Integrationsleistung, wie Landrätin Marion Dammann betonte.

Erzbischoff: Leben in Respekt und Achtung muss möglich sein

Es hat für die Stadtgemeinschaft eine schmerzhafte Lücke wieder geschlossen, sagte Oberbürgermeister Jörg Lutz. Scheinker, die noch immer die Gemeinde leitet, fasste die Motivation der Gruppe von damals zusammen: „Wir haben das von Herzen gemacht.“