Walter Caroli im Interview
: Darum geht es in dem Buch von Lahrer Russlanddeutschen

Historiker Walter Caroli spricht über Buch „Doppelte Heimat – aus dem Leben der Russlanddeutschen in Lahr“, bei dem er Projektleiter war.
Von
Herbert Schabel
Lahr
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Historiker Walter Caroli hat in mehreren Veröffentlichungen die Geschichte von Lahr und seinen Stadtteilen beleuchtet. Diese Aufnahme zeigt ihn vor den Glasfenstern im Alten Rathaus, über die er ebenfalls ein Buch geschrieben hat.

Schabel

Beim Besuch in unserer Redaktion am Mittwoch hatte Walter Caroli etwas von Gewicht in der Hand – das fertige Buch „Doppelte Heimat – aus dem Leben der Russlanddeutschen in Lahr“. Es ist ein starkes Stück, 404 Seiten voller Erinnerungen, aufgeschrieben von Aussiedlern. Caroli war Projektleiter bei dem im Lahrer Verlag Ernst Kaufmann publizierten Werk. Herausgeber ist der Verein Bürger aktiv Lahr, der 2025 sein 25-jähriges Bestehen feierte – das Buch ist eines der größten Vorhaben seiner Geschichte. 20 Autorinnen und Autoren geben darin Einblick in das Leben von russlanddeutschen Familien seit der Auswanderung im 18. und 19. Jahrhundert bis heute.

Ganze zwei Jahre Arbeit stecken in der Publikation, an der auch die Lektorinnen Hannelore Caroli, Wiltrud Funk und Gudrun-Binz-Alexander sowie Walter Vetterer, der für die Bildbearbeitung verantwortlich war, intensiv mitgewirkt haben. Hilda Beck, die Vorsitzende von Bürger aktiv Lahr, hofft laut ihrem Vorwort, dass die Veröffentlichung „einen gewichtigen Beitrag zum weiteren Zusammenwachsen der einheimischen Bevölkerung mit den in die alte Heimat zurückgekehrten Russlanddeutschen leistet“. Auch darüber hat sich unsere Redaktion mit Walter Caroli unterhalten.

Herr Caroli, was war Ihre Aufgabe bei der Produktion dieses Buches?

Der Verein „Bürger aktiv Lahr“, der von Hilda Beck geleitet wird, ist der Herausgeber. Die Idee für das Buch entstand während der Tätigkeit einer Projektgruppe von Irene Kreker, die aus Russlanddeutschen bestand und sich der Erforschung ihrer Ahnen widmete. Ich schrieb das einführende Kapitel, das einen Überblick über die Auswanderung nach Russland gibt und die Lahrer Auswanderer thematisiert.

Darüber hinaus war ich für die Gesamtorganisation des Buchprojekts verantwortlich, organisierte die Zuwendung von Spenden, fertigte Satz und Layout an und erstellte die Personen- und Ortsregister. In einem zeitaufwändigen Prozess bearbeitete ich zusammen mit den drei Lektorinnen die deutsche Übersetzung der überwiegend auf Russisch verfassten Texte.

Wer sind die Autoren der einzelnen Beiträge – und wie wurden sie dazu? Konnte man sich einfach freiwillig melden?

Die meisten Autorinnen und Autoren nahmen an dem Stammbaumprojekt teil; andere Russlanddeutsche konnten hinzugewonnen werden, nachdem sie von dem Projekt erfahren hatten und Interesse gezeigt hatten.

Sie sind Historiker. Haben Sie trotzdem aus einzelnen Beiträgen etwas erfahren, das neu für Sie war?

Die Beiträge gehen „unter die Haut“. Beim Lesen entwickelt sich Mitgefühl, und man erkennt die tief verwurzelten Ursachen des Handelns und Denkens der Russlanddeutschen. Deutlich wird auch ihre Ausgangssituation für das Hineinwachsen in die neue Heimat. Die Beiträge sind einzigartig, da das persönliche Erleben der Familien einen hohen Neuigkeitswert hat und außerordentlich spannend ist.

Welcher Beitrag hat Sie am meisten bewegt?

Sehr bewegend fand ich die Begegnung einer Russlanddeutschen mit ihrem elsässischen Heimatdorf Birlenbach. Im 18. Jahrhundert waren ihre Vorfahren von dort nach Russland ausgewandert. Zusammen mit meiner Frau fuhr ich mit ihr dorthin. Als sie „ihr“ Dorf Birlenbach sah und die Dokumente ihrer Vorfahren betrachtete, brach sie in Tränen aus.

Spielen alle Texte in der Vergangenheit – oder geht es auch um die Gegenwart von Russlanddeutschen in Lahr?

Auch die Gegenwart wird thematisiert. In einigen Kapiteln spielen Fragen zur Integration der Russlanddeutschen und zu ihrem politischen Verhalten eine wichtige Rolle.

Inwieweit kann die Lektüre des Buches auch ein Gewinn sein für Menschen, die keine Wurzeln in Russland haben – also für alteingesessene Lahrer? Was haben sie davon, das Buch zu lesen?

Wer sich auf die Geschichten der 19 russlanddeutschen Autorinnen und Autoren einlässt, kann eigene Vorurteile und Fehleinschätzungen korrigieren und ein tieferes Verständnis für die Kultur und Denkweise der Spätaussiedler entwickeln.

Es ist jetzt gut 30 Jahre her, dass Russlanddeutsche in großer Zahl nach Lahr kamen. Ist ihre Integration heute zu 100 Prozent abgeschlossen?

Der Prozess des „Aufeinanderzugehens“ ist längst nicht abgeschlossen und wird noch lange dauern. Den aus der Ökumene entlehnten Begriff der „versöhnten Verschiedenheit” ergänze ich in meinem Kapitel um die Bezeichnung „gelebte Verschiedenheit”. Versöhnt sein ist zu wenig. Toleranz und Aktivität müssen sich ergänzen. Bürger aktiv Lahr macht es vor.

Die freiheitliche demokratische Grundordnung bildet die Kernstruktur unseres Gemeinwesens. Sie anzuerkennen und auf dieser Basis in Augenhöhe miteinander zu verkehren sowie sich in den gesellschaftlichen Prozess einzuschalten, ist das Gebot der Stunde. Auf beiden Seiten ist hier noch ziemlich viel Luft nach oben.

Bei „Doppelte Heimat – Aus dem Leben der Russlanddeutschen in Lahr“ waren Sie Projektleiter. Wann wird es das nächste Buch rein aus Ihrer Feder geben?

Schon weit gediehen ist das Werk „Lahrer Gebäude und ihre Geschichte“. Es ist ähnlich wie das Gaststättenbuch aufgebaut und wird sicherlich eine spannende Lektüre werden. Die Buchpräsentation des von der Stadt Lahr herausgegebenen Werkes findet am 15. Oktober 2026 statt.

Die Buchpräsentation

Das Buch wird am Samstag, 21. März, ab 10 Uhr in der Sulzberghalle vorgestellt. Bei der Präsentation gibt es ein buntes Rahmenprogramm – mit Auftritten   der Talent-Academy des Europa-Parks, einer Einführung von Hilda Beck von Bürger aktiv Lahr und  Grußworten. Darüber hinaus wird Projektleiter Walter Caroli das Buch vorstellen, das die Besucher anschließend auch kaufen können. Das Werk, das der Lahrer Verlag Ernst Kaufmann publiziert, kann ab dem 31. März auch über den Buchhandel erworben werden.  

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