Rund 200 Besucher
: Enkel von Auschwitz-Kommandant hält  aufwühlenden Vortrag in Lahr

In der Schule erfuhr der damals 17-jährige Kai Uwe Höss, wer sein Großvater war: der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, ein gewissenloser Massenmörder, der den Tod von 1,2 Millionen Juden organisiert und mitzuverantworten hatte. Über die Aufarbeitung seiner Familiengeschichte sprach Kai Höss nun am Max-Planck-Gymnasium.
Von
Wolfgang Künstle
Lahr
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Kai Höss hielt einen Vortrag in Lahr.

Kai Höss hielt einen Vortrag in Lahr.

Wolfgang Künstle
  • Kai Höss sprach im Max-Planck-Gymnasium in Lahr über sein Familienerbe und Verantwortung.
  • Rund 200 Besucher hörten zu – Thema: Vom Erbe Auschwitz zur Hoffnung und Versöhnung.
  • Er schilderte den Widerspruch: liebevoller Vater Rudolf Höß und zugleich Lagerkommandant.
  • Antisemitismus sei weiterhin präsent, verwiesen wurde auch auf den 7. Oktober 2023.
  • Höss fand als gläubiger Christ einen neuen Weg und warnt vor menschenverachtenden Ideologien.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Mit eröffnenden Worten stimmte Martin Ries, Rektor des Max-Planck-Gymnasiums und damit Gastgeber am Freitagabend, auf das emotionale und schwierige Thema des bevorstehenden Vortrags ein. „Wessen Geistes Kind waren die Massenmörder?“, fragte Ries. Antworten wusste Kai Höss.

Die schwere Bürde seiner Abstammung bestimmt sein Leben bis heute. Der 64-Jährige ist weltweit unterwegs, berichtet von seiner Familie, spricht über die Gefahren von Hass und warnt vor Ideologien. Am Freitag gastierte er, organisiert vom Israel-Arbeits-und Gebetskreis der Evangelischen Allianz, im Max-Planck-Gymnasium, arbeitete am Vormittag mit Schülern, abends hielt er einen Vortrag für die Öffentlichkeit. Rund 200 Besucher kamen.

„Vom Erbe von Auschwitz zur Botschaft der Hoffnung und Versöhnung“, lautete das Thema. Höss, der sich mit Doppel-S schreibt anstatt wie der Großvater mit Scharf-S, blickte zurück auf seine Familie und man spürte, dass der Widerspruch, den sein Großvater auslebte, ihn bis heute aufwühlt und gleichermaßen ratlos zurücklässt. „Wie kann ein liebevoller Familienvater mit vier Kindern 1,2 Millionen Menschen töten?“

Kai Höss will Verantwortung übernehmen und ermahnen

Höss ließ schlimme, unfassbare Anekdoten anklingen, die der Auschwitzer Lagerleiter zu verantworten hatte, ehe dieser wieder die wenigen Schritte nach Hause in die Dienstvilla zurücklegte, die nur durch eine Mauer von dem Konzentrationslager getrennt war, und den liebevollen Vater und Ehemann gab.

Rudolf Höß, so ist Biographien zu entnehmen, war sich hinsichtlich seiner unfassbaren Taten keiner Schuld bewusst, er behauptete stets, nach Befehlen gehandelt zu haben. Er wurde 1947 von einem polnischen Gericht zum Tode am Strang verurteilt. In seiner Familie habe man über all das geschwiegen. Geschwiegen aus Scham.

„Ich stehe heute hier nicht, um Schuld weiterzugeben oder mich zu entschuldigen“, sagte sein Enkel. „Es trifft mich keine Schuld, ich habe nichts gemacht. Aber ich stehe heute hier, um Verantwortung zu übernehmen, um zu ermahnen, dass ‚nie wieder jetzt ist.“

Kai Höss: Antisemitismus gehört keineswegs der Vergangenheit an

Die Familie seines Großvaters sei eigentlich eine ganz normale Familie der 30er-Jahre gewesen, ohne jede Auffälligkeit. „Und gerade dies macht es so erschütternd.“ Hätten seine eigenen Kinder gesehen, welches Grauen ihr Vater jenseits der Mauer anrichtete, hätten sie es nicht verstanden – und sein Großvater, glaubt Kai Höss, hätte es nicht erklären können. „Genau hier beginnt die zerstörerische Kraft jeder menschenverachtenden Ideologie.“

Rudolf Höß‘ Eltern seien tief religiös gewesen und hätten größten Wert auf Disziplin, Ordnung, Pflichterfüllung und vor allem auf bedingungslosen Gehorsam gelegt. Von klein auf habe er nie gelernt, Autorität zu hinterfragen. Den Wunsch seiner Eltern, katholischer Priester zu werden, erfüllte er aber nicht.

Stattdessen wurde Höß zum Anhänger des Nationalsozialismus. „Ideologien drängen sich zwischen das Herz und das Gewissen“, so Kai Höss. Und wo Wahrheit durch Lüge ersetzt werde und das Gewissen verstumme, bleibe am Ende nur noch der Grundsatz: „Der Zweck heiligt die Mittel“.

Kai Höss berichtete, dass der Antisemitismus in der Menschheitsgeschichte seit 4000 Jahren immer wieder im Mittelpunkt der Weltgeschichte stehe. Zudem thematisierte er den Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem 1200 Menschen teils grausam ermordet wurden. „Es war der schwerste Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Und auf den Straßen der ganzen Welt wurden die Massaker gefeiert.“ Auf erschreckende Weise sei deutlich geworden, dass Antisemitismus keineswegs der Vergangenheit angehört.

Seinen eigenen Weg fand er auf einer Intensivstation

Man dürfe nie vergessen, so der gläubige Christ, welchen Segen Gott der Welt durch das jüdische Volk geschenkt hat. Dabei reiche dessen Einfluss weit über den religiösen Bereich hinaus. In allen denkbaren Wissenschaften hätten sie mit ihrer Expertise die Menschen bereichert und viele Leben verbessert. Deshalb schade der Antisemitismus der gesamten Menschheit.

Seinen eigenen Weg fand Kai Höss auf einer Intensivstation, als er, um sich von den Schmerzen einer verunglückten Operation abzulenken, in einer Gideon-Bibel las, die er im Nachttischschränkchen fand. Er stieß auf König David, der vor Gott niederkniete und um Vergebung für seine Sünden bat. Und er bemerkte Parallelen in seiner Berufswelt, wo es im Hotelmanagement lange nur um Zahlen und Erfolge ging, und beschloss: „Ich will die Gnade, um die David gebeten hat! Und ich weiß heute, dass Gott angefangen hat, mein Leben zu verändern. Er verändert, was kein Mensch verändern kann – er verändert das Herz. Deshalb stehe ich heute hier nicht als Rudolf Höß‘ Enkel, sondern als begnadigter Sünder, der erfahren durfte, dass Gottes Gnade größer ist als die dunkelste Geschichte einer Familie.“

Das Datum

Bewusst wurde der 10. Juli für den Vortrag gewählt, er dient als Beitrag zum Tag der Solidarität mit Juden und Israel, der zum dritten Mal in Deutschland stattfand - als konkrete Reaktion auf den brutalen Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel. Am 10. Juli 1945 lief in Dresden die erste Theateraufführung nach dem Krieg - auf dem Programm stand  „Nathan der Weise“.

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