Probebunker wird abgerissen
: Für Lahrer Rockbands endet eine Ära

Seit 26 Jahren probten Musikgruppen in Bunker 108 auf dem Flugplatz. Jetzt mussten sie ihn räumen – und sind nun heimatlos. Denn einen Ersatz haben sie nicht.
Von
Nicolaus Wilhelm
Lahr
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Zahlreiche Musiker probten im Bunker auf dem Flugplatz, hier waren es der mittlerweile leider verstorbene Gitarrist Stefan Maier (Mitte) und Sängerin Melissa Zucano.

Wilhelm

Es ist ein schwerer Schlag für die lokale Kulturszene: Die Lahrer Rockwerkstatt und mit ihr aktuell 13 Musikgruppen hat ihre Heimat auf dem Lahrer Flugplatzgelände endgültig aufgeben müssen. Ende Mai lief die Frist für den „Bunker 108“ ab – und eine neue Bleibe ist nicht in Sicht. Denn trotz jahrelanger intensiver Verhandlungen der Vereinsverantwortlichen mit der Stadtverwaltung konnte kein adäquater Ersatz für die Proberäume gefunden werden. Der Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges muss abgerissen werden.

Der laufende Monat Juni wird nun für die Räumung der letzten Reste genutzt – ein Abschied, der tiefe Wunden hinterlässt. „Das tut richtig weh“, gesteht Vorstandschef Wolfgang Richter angesichts der unzähligen Erinnerungen, die an diesem Ort hängen.

Der Bunker – ein Überbleibsel aus der Zeit des Kalten Krieges – bot den Bands perfekte Bedingungen.

Foto: Wilhelm

Die Erfolgsgeschichte des ehemaligen, atombombensicheren Kommandobunkers der kanadischen Streitkräfte begann im September 2000. Damals investierte der noch kleine Verein mehr als 33.000 Mark in die Transformation des martialischen Bauwerks. Davon trug die Rockwerkstatt 22.000 Mark aus eigener Kasse, den Rest steuerte die Stadt bei.

Einzigartiger Freiraum für Kreativität

Dass die Musiker überhaupt so lange im Bunker wirken durften, verdanken sie ihrem damaligen Kampfgeist: Bereits 2003 drohte das Aus, als die Vermieterin IGZ Lahr die Räume in ein Airbase-Museum umwandeln wollte. Ein lauter Aufschrei in der Stadtgesellschaft, die Lobbyarbeit der Vorstände Wolfgang Richter und Sven Täubert sowie die Rückendeckung durch den damaligen OB Wolfgang G. Müller, Kulturamtsleiter Gottfried Berger und große Teile des Gemeinderats retteten das Projekt. Ein neuer Mietvertrag wurde geschlossen, den zwölf Bands damals mit einem legendären Konzert im Schlachthof feierten.

In den vergangenen 26 Jahren nutzten weit mehr als 25 Bands den Bunker als kreative Keimzelle. Formationen wie Daddy Dirty, Scaramouche, Confused, Miss Understood, Schüttelfrost, Oil, Fatpocket oder Shardless prägten von hier aus die Lahrer Musikszene über verschiedene Genres hinweg.

Die Bedingungen vor Ort waren ideal und in der Region einzigartig: Ohne direkte Nachbarn konnte rund um die Uhr geprobt werden. Die technische und hygienische Infrastruktur funktionierte tadellos, und dank der massiven Bauweise war das teure Equipment absolut sicher. Zudem bot das Areal barrierefreien Zugang und ausreichend Parkplätze für das Be- und Entladen vor und nach Auftritten.

Entsprechend emotional fällt der Abschied der Musiker aus. Martin Beck beschreibt den Bunker als einen Ort, „der mir als Schlagzeuger ganz viel Freiheit, Freiraum und persönlichen Entwicklungsraum für Musik schenkt“. Er sei ein Paradebeispiel dafür, wie aus einem Ort der Kriegsführung ein Freiraum für Begegnungen, Freundschaft und Kultur werden kann.

Gitarrist Gert Endres blickt dankbar auf fast drei Jahrzehnte in „genialen, gut betreuten, fantastisch klingenden und saubilligen Räumen“ zurück.

Für Bassist Lars Hummel war die besondere Energie des Gebäudes schon beim Eintreten spürbar, hier seien unvergessliche Momente passiert und coole Songs geschrieben worden.

Die gesellschaftliche Relevanz unterstreicht Schlagzeuger Marc Vetter: „Unfassbar, wie viele Musikerinnen und Musiker davon profitiert haben. Das ist so viel wie die Stadtkapelle oder sonst ein Musik- oder Sportverein – also extrem wichtig und sozial wie kulturell sehr wohl gemeinnützig.“

Bands planen ein Solidaritätskonzert

Der Verlust schweißt die Lahrer Musiker nun noch enger zusammen. Die betroffenen Bands haben sich in einer Messenger-Gruppe organisiert. Dort teilen sie nicht nur ihre Trauer, sondern schmieden bereits konkrete Pläne für die Zukunft. In Kooperation mit der Rockwerkstatt soll ein großes Solidaritätskonzert auf die prekäre Situation der lokalen Bands aufmerksam machen.

Selbst Formationen, die bereits eine neue Bleibe gefunden haben, solidarisieren sich – sie vermissen das gemeinschaftliche Wirken und den ganz besonderen „Spirit“ des Bunkers. Ort und Termin für das Event stehen noch nicht fest, die Planungen laufen jedoch bereits auf Hochtouren. Die Lahrer Rockmusik ist zwar heimatlos, aber noch lange nicht leise.

Im Oktober kommen die Abrissbagger

Einst wurden die Bunker auf dem Flugplatz als militärische Schutzräume und teilweise auch für die Lagerung von taktischen Nato-Atombomben genutzt. Die Stadt Lahr ist vertraglich dazu verpflichtet, die alten Anlagen aus der Zeit des Kalten Krieges – darunter auch den Probebunker der Rockwerkstatt – zu beseitigen. Denn die Bundesrepublik hat die Rückbauverpflichtung der militärischen Bauten im Kaufvertrag von 1996 festgeschrieben. Gleichzeitig dient die Freimachung der Flächen der Ansiedlung neuer Unternehmen.

Laut der IGZ beginnen die Abbrucharbeiten im Ostareal, wo sich auch der Probebunker befindet, im Oktober. Bereits seit Ende Mai kann der Bunker aber nicht mehr für Bandproben genutzt werden.

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