Philipp Brucker wurde vor 100 Jahren geboren: Er war wohl der beliebteste Lahrer aller Zeiten

Philipp Brucker, hier bei einer Autorenlesung, lebte vom 2. September 1924 bis zum 23. Juli 2013.
BaubliesFamilienvater, Oberbürgermeister, Kreisrat, Mundartdichter, Schriftsteller, Journalist – Brucker hat eine Menge in sein Leben hineingepackt. Und er hat vielfältige Spuren hinterlassen, sei es als Rathauschef, in dessen Ägide zum Beispiel die Altstadtsanierung fiel, oder als Autor, dessen Texte den Lesern heute noch heute Freude bereiten. Und natürlich als Mensch, an den sich alle gern erinnern, die ihn erlebt haben.
Der Schreiber dieser Zeilen hat Philipp Brucker als Jungredakteur bei der Lahrer Zeitung kennengelernt. Anfang der 2000er-Jahre war das, Brucker kam damals noch regelmäßig in die LZ-Redaktion, die er ein paar Jahrzehnte zuvor selbst geleitet hatte. Dabei habe ich mich immer wieder kurz mit ihm unterhalten, was ich als Ehre empfunden habe. Schließlich war er der populäre Alt-OB. Brucker hatte eine sehr angenehme Art, man musste ihn einfach mögen.
»Ein braver Mensch von anständiger Gesinnung«
Geboren wurde Philipp Brucker vor 100 Jahren, am 2. September 1924, im großväterlichen Haus am Schlossplatz als Sohn des damaligen Stadtbaumeisters Otto Brucker und dessen Frau Regina, geborene Wahl. Zusammen mit fünf jüngeren Geschwistern wuchs er in die Zeit des Nationalsozialismus hinein. Da sein Vater – ursprünglich Sozialdemokrat – der NSDAP beigetreten war, war es auch selbstverständlich, dass Philipp in das Jungvolk und 1938 in die Hitlerjugend eintrat. Im Zweiten Weltkrieg ließ er sich zur Waffen-SS anwerben.
»Wir sind einen falschen Weg gegangen«, hat Brucker später über diese Zeit gesagt und bekannt, darunter zu leiden, auch wenn er sich keiner persönlichen Schuld bewusst sei.
Mit 17 Jahren hatte Brucker ein vorgezogenes Kriegsabitur gemacht, 1942 wurde er Soldat, und ab Februar 1943 war er unter anderem an der Ostfront eingesetzt. Bei Kriegsende stellte er sich in Lahr den Franzosen und wurde bis zum August 1948 interniert. Bei der Entnazifizierung nach Kriegsende wurde Brucker der Gruppe der »Minderbelasteten« zugerechnet. In der polizeilichen Begründung wurde er als »braver, junger Mensch von anständiger Gesinnung« geschildert.
Ab 1949 studierte Brucker in Freiburg zehn Semester Germanistik und Geschichte sowie Kunstgeschichte im Nebenfach, nach der Promotion zum Dr. phil kam er 1954 zur Lahrer Zeitung. Sieben Jahre war er hier Redaktionsleiter und begleitete kritisch die Kommunalpolitik, um dann überraschend die Seiten zu wechseln: Als 1961 der Lahrer Oberbürgermeister erstmals direkt von der Bürgerschaft gewählt wurde, sah Brucker eine Chance für sich – und wurde gewählt.
1952 hatte er Annelis Maihofer aus Staufen geheiratet; aus der Ehe gingen 1953 eine Tochter und 1958 ein Sohn hervor, 1963 eine weitere Tochter. Seine Frau erlitt im Dezember 1972 eine Gehirnembolie, von der sie sich nicht erholte, und wurde 19 Jahre bis zu ihrem Tod von Philipp Brucker und den Kindern gepflegt.
Als Oberbürgermeister hat er die Entwicklung der Stadt über Jahrzehnte entscheidend geprägt. Die Altstadtsanierung, die Beseitigung des Gewerbekanals, der Bau eines Autobahnzubringers und von Schulen standen auf Bruckers Programm – alles Projekte, die auch verwirklicht worden sind. Der Bau des Hallenbads, der Umbau der Stadthalle, die Umwandlung der Marktstraße in eine Fußgängerzone Mitte der 70er-Jahre oder das Bildhauer-Symposium 1980, diese und andere Projekte fallen ebenfalls in seine 20-jährige Amtszeit.
Auf die Gemeindereform blickte er voller Stolz
Nicht zu vergessen ist die Gemeindereform im Jahr 1972, die Lahr um sieben Stadtteile reicher gemacht hat. Dass diese Reform gelungen ist, auch darauf war Brucker stolz. »Was wir uns vorgenommen haben, haben wir umgesetzt«, erinnerte er sich später an seine Zeit im Rathaus.
Brucker bemühte sich persönlich um die 1962 geschlossene Städtepartnerschaft mit Dole, die von beiden Seiten als Versöhnungswerk betrachtet wurde. 1967 zog die fast 15 000 Mann starke französische Garnison aus Lahr ab und wurde durch kanadisches Militär ersetzt. Die kanadischen Soldaten waren meist Berufssoldaten, zum Teil mit Familienanhang, und brauchten mehr Wohnungen und Infrastruktur als die Franzosen, die meist Wehrpflichtige gewesen waren. Alles Probleme, die der OB und die Stadt lösen mussten.
1981 hätte Brucker vom Alter her noch einmal als Oberbürgermeister kandidieren können, wegen der schweren Krankheit seiner Frau verzichtete er jedoch darauf und ging in den Ruhestand. Die freie Zeit nutzte er zum Verfassen von Büchern in Hochdeutsch und in »Lohrer Ditsch«.
Dialekt bedeutete für Philipp Brucker Heimat. Schon als Student hatte er begonnen, bei der Lahrer Zeitung kleine Texte in alemannischer Mundart zu veröffentlichen. Später im Ruhestand kam eine große Zahl weiterer Veröffentlichungen hinzu. Auch für die Lahrer Zeitung schrieb Brucker wieder und verfasste Kolumnen wie »Jo, Pfiffedeckel«, die bei den Lesern sehr beliebt waren und die er zum gleichnamigen Buch (1985) verarbeitete. Darin erzählt ein Bürgermeister namens »Pfiffedeckel« Geschichten, die dem Leben entnommen sind.
Auslesen aus seinen Kolumnen in der Lahrer Zeitung erschienen darüber hinaus unter den Titeln »Kaleidoskop« (1987), »Sparifandili« (1989) und »Ilwetritsch« (1996). Brucker hat auch Bücher über die Stadt Lahr sowie die Burg Hohengeroldseck verfasst.
Sein erstes Buch „S’Wundergigli“ erschien 1965 im damaligen Schauenburg-Verlag. Seine letzten Bücher gab der Verleger Michael Jacob im Kaufmann-Verlag bis zum Jahr 2009 heraus.
Bruckers letzte Veröffentlichungen waren der Gedichtband »Zit isch do – Das Leben fühlen« (2006) und die Autobiografie »Kaleidoskop meines Lebens« (2009). Der Autor von insgesamt rund 20 Büchern hielt zahlreiche Lesungen, in denen er verschmitzt und temperamentvoll aus seinen Werken vortrug.
Brucker wollte um die eigene Person kein Aufhebens gemacht haben und lehnte öffentliche Ehrungen sowie Auszeichnungen für sich ab. Dabei galt er als bereits zu seiner Zeit als aktiver Politiker als beliebtester Bürger von Lahr. Bei der Kreistagswahl 1972, für die er auf einer eigenen Liste kandidierte, holte er so viele Stimmen, dass zwei Mandate auf ihn entfielen. Brucker hatte in dem Gremium dann zwar keine zwei Stimmen, aber doch zwei Sitze – auf dem zweiten legte er seine Aktentasche ab.
Film erinnert an Philipp Brucker
Der Filmschatz „Alemannische Mundart mit Philipp Brucker“ wird am Dienstag, 3. September, um 19 Uhr im Foyer des Stadtmuseums gezeigt. Am 2. September wäre Brucker 100 Jahre alt geworden – eine schöne Gelegenheit, dem ehemaligen Oberbürgermeister einen Filmabend zu widmen, hebt die Stadt in ihrer Ankündigung hervor. In dem Film von Bernd Tacke erzählt und liest Brucker in seiner bekannten, amüsanten und pointierten Art Geschichten auf „Lohrerditsch“. Der Film, der den verstorbenen ehemaligen OB und bekannten Mundartdichter zeigt, entstand 1994 und wurde von Tacke mehrfach digital überarbeitet.
Im zweiten Teil der Veranstaltung werden Filmausschnitte vom Festabend zur 150-Jahr-Feier der Schlossbrauerei in Schmieheim aus dem Jahr 1993 gezeigt, bei dem Brucker als Gastredner auftrat. Im dritten Teil wird in einer multimedialen Bilderschau das „Lohrer Bähnli“ noch einmal lebendig, das von 1894 bis 1959 durch Lahr dampfte und von Brucker liebevoll beschrieben wurde.
Brucker sei in der Bevölkerung auch deshalb so beliebt gewesen, weil er es verstanden habe, mit seiner bildhaften Sprache die Herzen der Menschen zu erreichen und das Lahr-Gefühl zu stärken, ohne in Heimattümelei zu verfallen, hebt die Stadt hervor. Der Eintritt ist frei. Regisseur Bernd Tacke wird anwesend sein.