„Mich interessiert der Mensch“: Junge Theologin gibt Einblicke in ihre Arbeit zwischen Lahr und Südamerika

Jule Becker hat zur Recherche für ihre Examensarbeit „Andiner/Indigene Theologie“ auch die „Uros“ (Uru-Volksgruppe in Peru) besucht.
Evangelisches Dekanat OrtenauWas bewegt einen jungen Menschen zum Theologiestudium?
Darüber berichtet die frisch gebackene Theologin Jule Becker, die im Mai erfolgreich ihr Examen absolviert hat.
Pfarrerin ist sie zwar noch nicht, dennoch gibt sie im Gespräch einen Einblick in Themen rund um Theologie, Glaubens- und Lebensfragen und sie berichtet über ihre Faszination für andere Länder und Kulturen.
Peru war eher ein Zufall
Frau Becker, Ihr Lebenslauf liest sich so interessant wie ein Reisebericht einer Forscherin, die sucht und findet. Wie begann Ihre Suche und wohin führte sie nach dem Schulabschluss?
Ich hatte zwei Optionen: entweder das Medizinstudium oder die Theologie. Mich interessiert der Mensch und wie man ihn unterstützen, ihm helfen kann. Das war mein Fokus. Schließlich bekam der seelsorgerliche Aspekt mehr Gewicht - und so fiel die Entscheidung auf das Studium der Theologie – und das fern der Heimat. Während meines FSJ in Peru war ich auch in Bolivien in der Salzwüste Salar de Uyuni bei der faszinierenden Kakteeninsel Incahuasi. Dort sagte mein Inneres: Theologie, das ist es. Außerdem haben mich Glaubens- und Lebensfragen schon immer fasziniert, ebenso wie alte Sprachen.
Ihr Vater ist Dekan im evangelischen Kirchenbezirk Ortenau. Welche Rolle spielte er bei der Entscheidung?
Natürlich beeinflusst das Elternhaus, aber es war nicht entscheidend. Selbstverständlich gibt es am Küchentisch theologische Diskurse. Die Kirche steht vor großen Veränderungen, neue Mitgliedschaftsuntersuchungen können verunsichern, doch aus Krisen entstehen auch Chancen. Glaube war nie nur da, wo alles stabil war. Im babylonischen Exil, einer der tiefsten Krisen biblischer Geschichte, ist die Frage „Wo ist Gott?“ nie verstummt. Sie wurde zum Ausgangspunkt für etwas Neues. Ich glaube, Kirche bleibt wichtig, wenn sie den Mut hat, sich ehrlich zu fragen, wer sie heute sein will.
War Südamerika ein Traumziel für Sie?
Nein, ursprünglich wollte ich das FSJ in einem englischsprachigen Land machen, Peru war eher ein Zufall. Nach dem FSJ in Peru begann ich dann mein Studium an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau. Eher untypisch, denn der klassische Theologiestudent schreibt sich in Heidelberg ein. Als Dorfkind – aufgewachsen in Wertheim, dann in Schmieheim – sprach mich das familiäre Umfeld an. Und man konnte hier in Ruhe studieren. Leider fielen dann die noch zu absolvierenden Semester in Heidelberg und Tübingen genau in die Coronazeit, weshalb ich den Unialltag dort nicht kennenlernte. Mein Auslandsstudium konnte ich ebenfalls mit Onlineseminaren gestalten. Das war allerdings ziemlich anspruchsvoll, da die Einheiten ausschließlich auf Spanisch angeboten wurden. Im April 2023 ergab sich die Gelegenheit, die Bürgerreise der Stadt Lahr in der Partnerstadt Alajuela zu begleiten. Zu jener Zeit war ich nebenbei ehrenamtlich als Deutschlehrerin am Liceo de Poás, der Partnerschule des Max- Planck-Gymnasiums, tätig.
Gab es einen Studienschwerpunkt, der Sie bewog, wieder nach Südamerika, beziehungsweise Mittelamerika, zu gehen?
Bei meinem ersten Aufenthalt spürte ich bereits das Wesentliche, was die Menschen in diesen Ländern benötigen. Deshalb habe ich Umweltprojekte mit betreut und die Freiwilligenhilfe vor Ort unterstützt. Persönlich interessiert mich das Alte Testament und mit zwei Aufenthalten in Israel hatte ich im Rahmen des Studiums die Möglichkeit, den theologischen Schwerpunkt „Biblische Archäologie“ hautnah zu erfahren.
Was ist das Ziel der biblischen Archäologie?
Die archäologische Erforschung von Israel und Palästina. Ich habe an der Ausgrabung der antiken Stadt Kinneret am See Genezareth mitgewirkt, die vermutlich im achten Jahrhundert vor Christus verlassen oder zerstört wurde. Freigelegt wurden dabei Reste von zwei Wohnhäusern. Der Schwerpunkt der Ausgrabung lag auch auf der Analyse von Samen, Knochen und Keramik zur Erforschung von Alltag, Ernährung und Umweltbedingungen zur Zeit des Alten Testaments.
Nun haben Sie erfolgreich Ihr Studium abgeschlossen. Wohin führt Ihr Weg jetzt? Werden Sie die klassische Gemeindepfarrerin?
Nein, noch nicht. Ich werde für sechs Monate nach Costa Rica und Peru reisen, um dort Projekte auf den Weg zu bringen, die bereits im Prozess sind. Ich habe inzwischen eine peruanische und deutsche Familie. Die peruanische bezeichnet mich als ihre peruanische Tochter. Meine Familie hier und die in Peru sind eng zusammengewachsen. Und ich bin überall zuhause, hier in Deutschland genauso wie in Costa Rica oder Peru. Wenn ich zurückkomme, beginne ich mein Vikariat, das mich nach zwei Jahren für den Pfarrerinnenberuf qualifiziert.
Wäre es eine Option, hauptamtlich als Pfarrerin in Peru oder Costa Rica zu arbeiten?
Eher nicht. Ich freue mich auf die Arbeit in einer Kirchengemeinde hier, bei den Menschen sein zu können, Impulse zu setzen und Gemeindeglieder bei den Übergängen im Leben zu begleiten. Außerdem bietet Deutschland Vorteile, abgesehen vom Lebensstandard. Ein deutsches Gehalt ermöglicht meinen Patenkindern in Peru eine gute Schulbildung und ich kann das gemeinsame Projekt mit meiner Gastfamilie finanziell unterstützen. Es wird ein Hilfszentrum für Familien in prekären Situationen entstehen. Bewundernswert ist natürlich die Mentalität der Menschen dort: „Pura vida“ und der ganz selbstverständliche Glaube. „Ein Gott schütze dich“ beim Abschied oder ein „Wenn Gott es will“ beeindruckt mich als Theologin sehr.