Interessanter Blick zurück: So denkt Alt-OB Müller heute über die Landesgartenschau 2018 in Lahr

Ein Fest für das Auge war die Landesgartenschau in Lahr – hier im Seepark.
DittrichSeit dem 23. Mai läuft die Landesgartenschau in Freudenstadt und Baiersbronn. Sie ist als nachhaltig konzipiert, wurden doch bauliche Daueranlagen geschaffen, die die Infrastruktur und Lebensqualität der Menschen dort dauerhaft verbessern sollen.
Einer, der sich mit dem möglichen Mehrwert einer Landesgartenschau auskennt, hat dort jetzt über seine Erfahrungen berichtet: der Lahrer Alt-OB Wolfgang G. Müller sprach bei einem Forum im Kurhaus Freudenstadt über das „Erbe Landesgartenschau – wie Orte und Menschen sich verändern“, so der Titel. Weitere Impulsvorträge kamen von Vertretern des Stuttgarter Ministeriums für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz, von BW Grün, der Fördergesellschaft der baden-württembergischen Landesgartenschauen, sowie von den Rathauschefs von Freudenstadt und Baiersbronn, den LGS-Gastgebern in diesem Jahr.
Müller hielt eine Powerpoint-Präsentation, zeigte Bilder von der Lahrer LGS, betonte natürlich die Erfolge, warnte aber auch vor potenziellen Fallstricken bei der Organisation der Großveranstaltung. Die wichtigste Botschaft für seine zahlreichen Zuhörer, darunter Vertreter aus Kommunalpolitik und Wirtschaft im Nordschwarzwald, war von Optimismus geprägt: „Die möglichen Erfolge einer LGS rechtfertigen das Risiko und den Mut, sich auf den jahrelangen Weg zu begeben.“ Eine LGS sei keine Blumenschau, sondern „eine hervorragende Chance für die Stadtentwicklung“, betonte er.
Die LGS begleitete Müller fast während seiner ganzen Amtszeit als Lahrer OB
Dass potenzielle Ausrichter einen langen Atem brauchen, veranschaulichte Müller am Lahrer Beispiel: 1999 habe man sich erstmals in der Stadt mit dem Thema LGS befasst, 2002 zum ersten Mal beworben, 2009 zum zweiten Mal, diesmal mit Erfolg – und 2018 habe man die Schau dann ausrichten dürfen. Müller war von 1997 bis 2019 OB in Lahr, das Event hat ihn somit fast während seiner gesamten Amtszeit begleitet.
Was von einer Landesgartenschau dauerhaft bleibt, wird von der Planung und vom Konzept bestimmt, betonte Müller – „der Anfang ist entscheidend“. In Lahr hätten Politik und Verwaltung die Prioritäten bei den Daueranlagen gesetzt und so eine „tatsächliche Stadtentwicklung“ in Gang gesetzt. So sei es möglich gewesen, bleibende Werte zu schaffen. Dabei nannte er in erster Stelle die drei Parks – den 11,3 Hektar großen Bürgerpark, den 21 Hektar großen Seepark mit seinem Bade- und Landschaftssee als beliebtes Naherholungsgebiet und den Kleingartenpark mit seinen 4,1 Hektar.
Außerdem die Ortenaubrücke als neuer Stadteingang, zwei neue Hallen, neue Sportplätze, eine moderne Jugendverkehrsschule, zwei Kinderspielplätze sowie auch zwei neue Gastronomiebetriebe, das Haus am See und das „Heimspiel“. Auch die Begleitmaßnahmen brachte Müller zur Sprache – den barrierefreien Ausbau des Bahnhofs mit Zentralem Omnibusbahnhof, das Stadtmuseum mit Museumsplatz, die Kita mit Begegnungsräumen im Bürgerpark, nebenan das römische Streifenhaus mit archäobotanischem Garten, aber auch das komplett sanierte Quartier Kanadaring mit seinen 39 Gebäuden und 2000 Einwohnern.
„Sieben Jahre nach der LGS gehören die Daueranlagen und die Begleitmaßnahmen zum festen Bestandteil der Stadt“, konstatierte Müller zufrieden. Die Augen der Lahrer hätten sich längst an das damals Neue gewöhnt. Baumängel am See und an der Multifunktionshalle seien beseitigt, Schadenersatzansprüche bei den verantwortlichen Firmen geltend gemacht worden.
Im Bewusstsein der breiten Bevölkerung bleibe die Zeit der LGS als „Hochzeit“ in Erinnerung, mit dem blühenden Parkerlebnis, den attraktiven Veranstaltungen und Ausstellungen. „Manches wird verklärt“, sagte Müller aber auch.
Jedoch: Alle geschaffenen Grün- und Freizeitflächen seien in ihrer Funktion erhalten worden, betonte der OB die Nachhaltigkeit der Lahrer LGS. Monokulturen und landwirtschaftliche Brachen seien zu Sport- und Freizeitflächen aufgewertet worden, mit der Folge, dass Immobilien im Lahrer Westen wertvoller geworden sind. Denn nicht nur der Stadteingang sei aufgewertet worden (durch die Ortenaubrücke), sondern der gesamte Westen, der Stadt, vor allem die Römerstraße, der Kanadaring und Mietersheim.
Im Leben vieler Lahrer gebe es praktische Verbesserungen, so seien etwa das Scheffel-Gymnasium, die Otto-Hahn-Realschule, Maria-Furtwängler-Schule und Georg-Wimmer-Schule für Fußgänger und Radfahrer jetzt besser erreichbar. „Wohnwert, Stadtimage und Identifikation der Bewohner haben zugenommen“, ist Müller überzeugt.
So sei etwa der Freundeskreis Landesgartenschau, gegründet 2010, weiter auf dem LGS-Gelände aktiv – das Areal sei ein „Tummelplatz für alle“, freute sich der Alt-OB. Auch der Interkulturelle Garten im Kleingartenpark funktioniere tatsächlich, „es wird geerntet“. Alle Kleingartenparzellen seien belegt und würden rege genutzt. Man habe sogar eine lange Warteliste, stellte Müller fest. Der Garten sei auch ein Treffpunkt für Einheimische und Migranten, etwa für den Freundeskreis Flüchtlinge.
Müller hatte gute Ratschläge für Kommunen, die über eine LGS-Bewerbung nachdenken: Hohe Standards – in Form von Wettbewerben für Gebäude, Brücke oder Parkanlagen – sicherten den Erfolg. In Lahr habe man auch gute Erfahrungen damit gemacht, die Stadtteile und den Jugendgemeinderat einzubinden – Erstere durften sich präsentieren, Letzterer ein Jugendcafé betreiben.
Positiv sei auch, dass eine LGS Verantwortliche in Verwaltung und Gemeinderat zusammenschweiße, so Müller. Außerdem riet er Kommunen, früh in den Austausch mit ehemaligen LGS-Städten zu treten, um von deren Erfahrungen etwa mit Fördermitteln, der Zusammenarbeit mit BW Grün oder dem Veranstaltungsprogramm zu profitieren.
Müller brachte auch Nachdenkliches zur Sprache. Denn nicht alle Wünsche hätten sich erfüllt. So sei der Versuch in Lahr, das gastronomische Angebot der Blumenschau regional zu organisieren, fehlgeschlagen. Es sei auch nicht gelungen, LGS-Besucher per Shuttle-Bus in die Innenstadt zu bringen, damit sie den Geschäften dort gute Umsätze bescheren.
Die Hoffnung auf besonders viele Gäste aus dem Elsass habe sich ebenfalls nicht erfüllt – „eine kostenpflichtige LGS kann man nicht mit der kostenfreier Chrysanthema vergleichen“, stellte Müller fest. Letztlich hätte man im Elsass (noch) mehr für die LGS in Lahr werben müssen, ist er heute überzeugt.
Nicht alle Wünsche hätten sich erfüllt, räumte der Lahrer Alt-OB ein
Unterschätzen dürfe man auch nicht, dass das Schaffen von Daueranlagen durch eine LGS Auswirkungen auf den Personalhaushalt und damit auf die kommunalen Finanzen habe. Denn es falle eben zusätzliche Arbeit an. Müller veranschaulichte das am Lahrer Beispiel anhand von Vergleichswerten aus den Jahren 2017 und 2025 – in diesem Zeitraum sei der Stellenumfang bei den städtischen Hausmeistern, beim BGL sowie bei der Abteilung Grün und Umwelt gestiegen. Eine Entwicklung, die mit dem allgemeinen Trend größerer kommunaler Herausforderungen, aber eben auch mit den LGS-Projekten zu tun habe.

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Schwarzwälder BoteInsgesamt zog der Alt-OB freilich ein positives Fazit der LGS 2018: Lahr sei durch sie „grüner“ geworden – man habe zusätzlich rund 30 Hektar nicht versiegelter Freizeitflächen erhalten, außerdem 4000 Bäume und 70 000 Stauden. Lahr sei nun auch „ökologischer“– weil Brachen und Monokultur abgelöst, Fuß- und Radverkehr erleichtert worden seien, außerdem im Nachgang der LGS eine Streuobstwiese mit 99 Bäumen gedeihe.
Müller hält die Stadt aber auch für „urbaner“, habe man doch im Zuge der LGS mit der Ortenaubrücke einen neuen Stadteingang, eine Seepromenade, außerdem die Sanierung und Neubauten im Kanadaring, ein öffentliches Pedelec-System und mehr Qualität beim ÖPNV erhalten. Darüber hinaus sei Lahr „sozialer und integrativer“ geworden – dank besserer Begegnungsmöglichkeiten, „mehr soziokultureller Barrierefreiheit“, wie Müller es in seinem Vortrag formulierte. Außerdem sei der Bekanntheitsgrad der Stadt gewachsen.
Auch „nach innen“ habe die LGS positiv gewirkt – denn die Lahrer sind jetzt stolzer auf ihre Stadt, ist der Alt-OB überzeugt. Doch sie seien auch anspruchsvoller gegenüber der Verwaltung, hätten höhere Erwartungen an Partizipation sowie an möglichst kostenlosen Events. Hier hob Müller aktuell das Seeleuchten im Seepark hervor – für ihn ein nachahmenswertes Beispiel, wie ein früheres LGS-Areal durch eine Privatinitiative weiter belebt wird.
Nach seinem Vortrag beantwortete Müller noch in kleiner Runde und in Einzelgesprächen Fragen zur Landesgartenschau in Lahr. Dabei gaben die Gastgeber in Freudenstadt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass auch ihre LGS einen dauerhaften Mehrwert bringt.
Die Landesgartenschau 2025
Das Blumenfestival in Freudenstadt und Baiersbronn hat ein ungewöhnliches Konzept: Statt einer großen, eingezäunten Fläche, wie es früher auf Gartenschauen eher üblich war, führt ein acht Kilometer langes grünes Band durch das Forbachtal, das beide Orte verbindet. Die Besucher können dort von Attraktion zu Attraktion wandern. Das Blumenfest, das noch bis zum 12. Oktober andauert, soll der Attraktivität des Forbachtals einen kräftigen Schub geben, wünscht man sich in den beiden ausrichtenden Kommunen.