Einsamkeit, Kurzarbeit, Verzicht: So hat die Lahrer Redaktion die Corona-Pandemie erlebt

Erinnern sich zurück an die Corona-Pandemie (von links oben): Pascal Lienhard, Christopher Piskadlo, Olga Merz, Jonas Köhler, Julia Göpfert und Janosch Lübke
Lahrer ZeitungVor genau fünf Jahren – am 6. März 2020 – erreichte die Corona-Pandemie Lahr. Mit Quarantäne, Kontaktbeschränkungen, 3G-Regeln und mehr wurde das Leben auf den Kopf gestellt, beziehungsweise kam zum Erliegen. Sechs unserer Redakteure nehmen den fünften Jahrestag zum Anlass, um auf ihre persönlichen Erfahrungen der Pandemie zurückzuschauen.
Pascal Lienhard
Als die Pandemie in Deutschland so richtig losging, wohnte ich gerade mit anderen Studenten und Studentinnen in einer WG. Vor allem während der Ausgangssperren saßen wir fast jeden Abend zu viert beieinander, spielten Brettspiele, schauten Filme, hörten Musik – und ja, auch die eine oder andere Bier- oder Weinflasche haben wir geleert. Als die Pandemie dann vorbei war, ist auch die WG auseinandergebrochen. Vielleicht war es einfach zu viel erzwungene gemeinsame Zeit.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, wie eingesperrt ich mich fühlte, als das Virus auch mich erwischt hat. Sobald ich mein 16 Quadratmeter großes Zimmer verließ, um mir in der Küche ein Glas Wasser zu holen oder ins Bad zu gehen, musste ich die Maske aufziehen und am besten danach alles desinfizieren. Andere hat es derweil heftiger getroffen: Ein Pärchen aus meinem Bekanntenkreis fühlte sich am Morgen seiner Hochzeit erkältet, machte einen Coronatest – und musste wegen des „positiven“ Ergebnisses das langgeplante Event absagen. Dagegen habe ich es mit meiner zehntägigen Zimmer-Quarantäne noch gut erwischt. Wahrscheinlich ist es das, was man in der Pandemie ganz besonders lernen konnte: ein gewisses Maß an Demut.
Christopher Piskadlo
Bevor ich bei der LZ im Jahr 2022 anfing, schloss ich eine Ausbildung zum Erzieher ab. Ich war gerade im letzten Lehrjahr, als die Pandemie das Land überrollte. Gearbeitet hatte ich mit Grundschulkindern in einem Lahrer Hort. Hausaufgabenbetreuung, Freizeitgestaltung, Ausflüge – dort ist immer etwas los. Während der Coronazeit glich die Einrichtung jedoch eher einer Mischung aus Teststation und „Lost Place“. Wenn Kinder da waren, dann nur in kleinen Notgruppen. Und auch nur dann, wenn sie zuvor ein Wattestäbchen in der Nase hatten.
Während im Normalbetrieb bis zu 100 Kinder die Einrichtung besuchten, kam jetzt zeitweise nur eine Handvoll. Auf einen Schüler kam so meist ein Erzieher. Zwar war der Betreuungsschlüssel in dieser Zeit so gut wie nie, dennoch wünschte man sich – und vor allem den Kindern –, dass das alles bald ein Ende haben würde. Denn auch wenn sich einige bestimmt darüber freuten, zu Hause zu bleiben, war das Leben zwischen Kontaktverbot und Abstandhalten für niemanden ein Vergnügen. Ob alle Maßnahmen am Ende sinnvoll waren, muss wohl jeder für sich entscheiden. Mich hat das Virus zumindest (noch) nicht erwischt.
Olga Merz
Viele Pläne, voller Energie und Neugier auf das Leben außerhalb der Schule – und dann das: Ich stand kurz vor meinem Abitur, als die Pandemie so richtig losging. Zwar konnten wir unsere Prüfungen schreiben – bei offenen Fenstern und mit Abstand – doch was fehlte, war das Feiern. Auch die Zeit nach dem Schulabschluss, auf die man jahrelang hingefiebert hatte, gestaltete sich durch Corona anders als erwartet. Statt zu reisen, mich in Jobs auszuprobieren und das Leben zu genießen, war ich: zu Hause. Mein Plan, ein freiwilliges ökologisches Jahr zu machen, wurde durchkreuzt: Es gab dafür keine Stellen.
Eine Firma entschloss sich schließlich doch, auch zu Pandemiezeiten jungen Menschen einen Einblick ins Berufsleben zu ermöglichen – und so kam ich durch ein Praktikum bei der Lahrer Zeitung auf den Journalismus und mein duales Studium. Doch auch das lief – aufgrund der weltweiten Pandemie – anders als geplant: Mein Studentenleben war geprägt von Einsamkeit in meiner Studentenwohnung, vielen Stunden vor dem Laptop und viel Verzicht. Aber gut, immerhin kann ich jetzt ein Mikrofon auf Anhieb stummschalten und habe mein Studium quasi aus dem Bett gemeistert – auch eine Leistung.
Jonas Köhler
Die Pandemie ist für mich unmittelbar mit meiner Karriere als Redakteur verknüpft. Zum ersten Lockdown hin musste ich mein Praktikum bei der Fuldaer Zeitung – meine ersten journalistischen Gehversuche – vorzeitig abbrechen. Es folgte eine Zeit voller Ungewissheit. Ich schrieb nach meinem Studium Bewerbung um Bewerbung, in Fulda gab es pandemiebedingt keine Aussicht auf ein Volontariat. Als Zeitvertreib beim Warten auf Rückmeldungen baute ich meinen Youtube-Kanal aus. Ich eignete mir Fähigkeiten an, die mir später im Beruf helfen sollten. Etwa Videos schneiden, frei sprechen oder ein Gefühl für attraktive Layouts entwickeln.
Ich hatte viel Spaß bei diesem Projekt, denn ich lud einige Gaming-Freunde ein, mit mir Videos zu produzieren oder filmte unsere Duelle. Es sind schöne Erinnerungen – dennoch war ich viel daheim und genoss die Abwechslung, als ich zu Bewerbungsgesprächen quer durch Deutschland reiste. Im November 2020, nachdem ich die Zusage der LZ hatte, galt es einen Umzug zu organisieren, mich mit Kontaktbeschränkung und Ausgangssperre in einem komplett neuen Umfeld und erstmals allein wohnend zurechtzufinden. Dass mir das gelang, habe ich den Kollegen zu verdanken, die mich so gut aufgenommen haben. Wäre ich ohne die Pandemie heute Lahrer Lokaljournalist? Vermutlich nein. Denn die Fuldaer Zeitung wollte mich schließlich doch noch haben. Da hatte ich der LZ aber schon zugesagt.
Julia Göpfert
Auch bei der Lahrer Zeitung gab es zu Corona-Zeiten Kurzarbeit. Von einem Tag auf den anderen auf unbestimmte Zeit nach Hause geschickt zu werden, weil es nichts mehr zu tun gab, obwohl man im Job immer sein Bestes gegeben hat, war damals für mich ein schreckliches Erlebnis. Auch die finanziellen Einbußen trafen mich hart. Plötzlich hatte man nur noch rund die Hälfte des Geldes zur Verfügung, Miete und Versicherungen liefen aber weiter. Freunde und Familie durfte man nicht besuchen. Nach einem Monat jedoch habe ich mich mit der neuen Situation angefreundet und fand sie sogar schön.
Telefonate mit Freundinnen und Familie verbunden mit Spaziergängen halfen gegen die Einsamkeit. Ich hatte mehr Zeit für Sport und meine Fitness, nahm in dieser Zeit sogar zehn Kilogramm ab. Ich hatte plötzlich Zeit auch aufwendige Gerichte zu kochen. Und ich habe so manche Vorhaben umgesetzt, die ich lange aufgeschoben hatte: So habe ich – drei Jahre nachdem ich die Wolle gekauft hatte – endlich meiner Schwester den gewünschten Pullover gestrickt. Ich kann sagen, dass ich mit Corona auch schöne Erinnerungen verbinde – und mir die Ruhe und die Möglichkeiten dieser Zeit manchmal sogar zurückwünsche.
Janosch Lübke
Ich habe die Lahrer Zeitung auch noch ohne Pandemie erlebt, denn ich bin schon seit Juni 2019 Teil dieser Redaktion. Vor Corona war mein Alltag durch die Fahrten nach Haslach bestimmt. Ich war als Volontär in unser Außenstelle für den Schwarzwälder Boten im Einsatz. Es gab fast immer Abendtermine und durch die Fahrzeit zurück in die Lahrer Innenstadt, wo ich wohnte, war ich oft spät zu Hause. Da brauchte ich nicht mehr als mein Bett und am nächsten Tag ging es wieder los. Viel mehr als dieses Bett hatte ich auch nicht, denn ich hatte ein sehr kleines Zimmer mit wenig Gestaltungsspielraum. Aber dann kam Corona – und das Home-Office.
Plötzlich war ich damit konfrontiert, auf wenigen Quadratmetern nicht nur meine Arbeit, sondern mein ganzes Leben zu gestalten. Ich habe mich in diesen vier Wänden wie in einer Gefängniszelle gefühlt. Durch die Monotonie – als Verantwortlicher im Lokalsport gab es auch keine Wettkämpfe, über die ich hätte berichten können – war ich 2021 kurz davor, meine Zelte in Lahr abzubrechen und zurück zu meiner Familie in Hannover zu ziehen. Doch dann lernte ich im Winter 2021 meine Freundin kennen, mit der ich noch heute glücklich bin. Sie ist der Grund, warum ich heute noch hier bin. Wir zogen nach Sulz und stellten uns der restlichen Coronazeit gemeinsam. Heute genießen wir wieder alle Möglichkeiten der Freiheit. Sie ist meine einzige gute Erinnerung an die Coronazeit.