„Der Besuch der alten Dame“: Tragische Komödie sorgt für ausverkauften Saal im Lahrer Parktheater

Die in Gelb gekleidete Claire Zachanassian (Mona Seefried) fordert den Tod von Alfred Ill (Peter Kempes, neben Zachanassian auf der Bank) und bietet der bankrotten Gemeinde Güllen dafür eine Milliarde.
BaubliesDie Charakterisierung des Werks als „tragische Komödie“ stammt vom Autor selbst, dem Schweizer Friedrich Dürrenmatt. Er hat in seinem 1956 uraufgeführten Stück eine einfache, aber gravierende Frage in drei Akten thematisiert: Wie viel kostet es, eine Gemeinschaft vollständig zu korrumpieren?
Claire Zachanassian (Mona Seefried) kommt als unsagbar vermögende Frau in ihre Heimatstadt Güllen zurück. Im Gepäck hat sie ein Angebot an die Gemeinde und ihre Einwohner, die allesamt völlig abgebrannt sind. Sie bietet der Gemeinde „eine Milliarde“ für das Leben des Krämers Alfred Ill (Peter Kempes). Nirgendwo im Stück wird die Milliarde mit einer Währung charakterisiert. Güllen, das Wort hat der Dramatiker vom Wort Gülle abgeleitet, kann überall sein. Und die Milliarde an sich ist so ungeheuerlich abstrakt, dass die gesamte Geschichte keinerlei Anspruch auf Realität außerhalb der Bühne haben sollte.
Das Angebot der alten Dame sorgt zunächst noch für Empörung
Im Stück geht es auch um die allmählich entstehende Gier der Güllener. Dürrenmatt hat mit dem fiktionalen Angebot und der zuerst entrüsteten Zurückweisung der Einwohner einen Klassiker der modernen Literatur geschaffen. Jede der Figuren des Werks – Anja Neukamm als Bürgermeisterin, Annagerlinde Dodenhoff als Pastorin oder Yannick Zürcher als Lehrer – plädieren sofort für unveräußerliche Werte, die Zivilisation und den Zusammenhalt der Gemeinschaft Güllens. Es erscheint also unmöglich, dieses perfide Angebot anzunehmen.
Zachanassian – eine Wortschöpfung Dürrenmatts aus den Namen dreier Milliardäre Onassis, Zaharoff und Gulbenkian – hat allen Grund für ihren Rachedurst. Sie ist als junges Mädchen namens Klara Wäscher schwanger mit dem Kind Ills aus Güllen vertrieben worden. Ill hat damals zwei Freunde „mit einem Liter Schnaps“ überzeugt, einen Meineid zu leisten, damit er vor Gericht als Vater nicht zu identifizieren war. Zachanassian ist in der Zwischenzeit durch acht Ehen bis zur Ankunft in Güllen sehr reich geworden. Sie hat für den wirtschaftlichen Ruin der Gemeinde und der Einwohner gesorgt – und bietet nun eben die Rettung mit der abstrakten Milliarde gegen das Leben ihres Verführers an.
Der Handlungsstrang, wann und wie die Einwohner allmählich umfallen und zuerst Geld ausgeben, das sie bisher nicht haben, ist keine Komödie an sich. Komisch sind allerdings die Szenen, wenn die Einwohner beim Krämer Ill Dinge kaufen, die sie sich nicht leisten können, und alles anschreiben lassen. Ill entdeckt sogar bei der eigenen Gattin (Heide Hoffman) einen Pelzmantel. Die versteht die Welt nicht mehr ob der Entrüstung des Gatten. Zachanassian drückt ihre Rache in einem Satz so aus: „Die Welt hat mich zu einer Hure gemacht, ich mache die Welt zu einem Bordell.“
Darstellung lebt auch von Scheinheiligkeit der Einwohner von Güllen
Das Dilemma der Güllener ist unausweichlich. Sie haben nur mit dem Mord eine Chance auf Rettung. Zachanassian, die sich nicht einmal über die Wut amüsiert, hat Zeit und mietet sich in einem Hotel ein. Sie hat Statisten dabei, Noch-Ehemann Nummer Acht und den künftigen mit der Nummer Neun. Sie sind auswechselbar, beide werden von Tom Hospes gespielt. Er führt auch die Puppen – im Programm als „die Beiden“ dargestellt. Sie zeigen, dass es Zachanassian mit ihrer Rache ernst ist. Die Puppen stellen die kastrierten und geblendeten meineidigen Zeugen dar.
Das Stück folgt genau der Vorlage. Nur am Schluss gibt es eine kleine Änderung. Ill, der das Urteil der Bürgerversammlung akzeptiert hat, legt sich in den gelben Sarg, den Zachanassian mitgebracht hat. Es folgt die zynische Bemerkung der Bewohner Güllens, er sei „aus Liebe gestorben“. Im Original umkreisen die Güllener Ill, der, als sich der Kreis wieder öffnet, tot ist.
Die Darstellung lebte vor allem von der Scheinheiligkeit aller Güllener und dem Desinteresse derer im Gefolge Zachanassians. Eine Besonderheit war die Art, mit der Mona Seefried die alte Dame verkörperte. Sie zeigte auf der Bühne weder die Wut noch die Zerrissenheit in der Rolle, die Maria Schell in einer Verfilmung von 1982 grandios gespielt hat. Seefried blieb vielmehr kühl, kalt und gelassen – im Wissen, dass sie die Milliarde ganz sicher zum Ziel führt. Das Außergewöhnliche der Inszenierung war, dass die alte Dame rachsüchtig sein kann, zynisch oder einfach nur menschlich. Das letzte hat sie nie verhehlt.
Güllen im Parktheater
Szenen der Inszenierung, wie etwa das Urteil, das zum Tod Alfred Ills führt, wurden inmitten des Publikums aufgeführt. Ein Teil der Schauspieler hatte sich unter die Zuschauer gemischt und feuerte die Darsteller auf der Bühne an. Diesen Trick hat zuerst Alfred Hitchcock bei der Eröffnung des Films „Das Fenster zum Hof“ angewandt. Die Kamera zeigt alle Bewohner ungeschützt. Damit hat er die Zuschauer automatisch zu Voyeuren gemacht. Die Darsteller im Parktheater unter den Zuschauern haben Güllen von der Bühne auf den gesamten Zuschauerraum erweitert.