Ein Jeside im Kinzigtal
: Die tragische Geschichte einer Flucht

Hazem S. ist Jeside und lebte in der nordirakischen Sinjar-Region. 2015 kam er nach Deutschland und lebt nun im Kinzigtal. Er berichtet von dramatischen Ereignissen, die er als 13-Jähriger erlebte und davon, wie er hier seine neue Heimat fand.
Von
(red/swb)
Oberndorf
Jetzt in der App anhören

Eine irakische Jesidin trauert um ihre Verwandten auf einer Feier zum zehnten Jahrestag des Völkermords.

AP/dpa/Farid Abdulwahed

In diesen Tagen jährt sich zum zehnten Mal der Überfall der Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) auf die religiöse Minderheit der Jesiden in der nordirakischen Sinjar-Region. Das geht aus einer Pressemitteilung des Caritasverbands Kinzigtal hervor. Hunderttausende von Angehörigen der jesidischen Bevölkerung wurden ermordet, entführt, vergewaltigt, versklavt oder in die Flucht getrieben. Tausende Menschen werden noch immer vermisst.

Hazem S. flüchtete 2015 nach Deutschland und lebt nun im Kinzigtal. Er berichtet von den dramatischen Ereignissen, die er als damals 13-Jähriger erlebt hat. Es waren Sommerferien. Ein Teil der Familie war auf dem Bauernhof der Eltern, etwa zehn Kilometer außerhalb des Dorfs Til Ezer, südlich des Sinjar-Gebirges. In der Nacht vom 2. auf den 3. August hörte Hazem zum ersten Mal Schüsse. Ohne Verpflegung, nur mit den Kleidern, die man am Leib hatte, floh ein Teil der Familie zu einem in der Nähe des Gebirges wohnenden Onkel und – als die zunächst Zurückgebliebenen nachgekommen waren – weiter mit einem Pickup – beladen mit 21 Personen – soweit es ging den Berg hinauf. Dann ging es weiter zu Fuß in einem langen Zug mit unzähligen anderen Flüchtenden. Wasser und Essen musste man unterwegs stehen lassen, weil es zu schwer war. „Es war alles viel beschwerlicher als wir es uns vorgestellt hatten“, meint Hazem heute.

Der IS informierte die Flüchtenden, dass man ihnen nichts tun werde, wenn sie zurückkämen. Darauf vertrauend kehrte auch Hazems Familie zurück in die Ebene. Dort sah er zum ersten Mal die vermummten IS-Kämpfer mit ihren schwarzen Fahnen. Drei Tage blieb die Familie im Haus. Von dort aus sah er, wie IS-Kämpfer Leute auf der Straße aufgriffen und mitnahmen. „Man wusste nicht, was mit ihnen passiert“, berichtet er.

Hazem sah auf der Flucht Verletzte und Tote

Weil man von der Tötung von Männern und von der Verschleppung von Frauen in anderen Dörfern gehört hatte, machte Hazems Familie sich bei Anbruch der Dunkelheit erneut auf den Weg ins Sinjar-Gebirge. Er sah Verletzte und Tote, und Autos, die von Schüssen durchlöchert waren.

Wieder ging es zu Fuß weiter den Berg hoch, als man das Auto im Gelände stehen lassen musste. Die Jüngeren halfen den Älteren oder trugen die Wasservorräte. „Ich hatte keine Schuhe mehr“, erinnert sich Hazem. Sie blieben immer zusammen auf dem rund einwöchigen Weg über das Gebirge – in dem Wissen, dass auf der anderen Seite auch der IS wartete.

Glücklicherweise hielt eine kurdische Miliz den Flüchtenden den Weg frei. So kamen sie in ein Flüchtlingslager – als Familie und körperlich unversehrt. „Andere hatten nicht so viel Glück“, weiß Hazem. Rückblickend meint er, dass er die Ereignisse damals gar nicht richtig realisieren konnte. „Es war keine Zeit zum Nachdenken. Ich bin einfach den Anderen nachgegangen. Einfach weg!“

Und heute? Ende November 2015 kam er nach rund zweimonatiger Flucht mit einem Teil der Familie nach Deutschland. Er machte den Hauptschulabschluss und schloss 2023 eine Schreinerlehre ab. Eigentlich wollte er immer Lehrer werden, sagt er und hofft, dass der Traum in Deutschland Wirklichkeit werden kann. Hier fühlt er sich sicher. „Hier ist jetzt meine Heimat“, betont er voller Überzeugung und ist dabei, die Formulare für seine Einbürgerung auszufüllen. Hazem wollte nicht, dass ein Foto von ihm veröffentlicht wird. Er befürchtet laut Gerhard Schrempp negative Auswirkungen für noch im Irak lebende Verwandte.

Im Januar 2023 hatte der Bundestag die Verfolgung der Jesiden als Völkermord anerkannt. Dass es seitdem dennoch zu Abschiebungen gekommen ist, wird von Stefanie Brüschke vom Caritassozialdienst kritisiert. Sie zitiert die Bundesregierung, die im März noch sagte, dass es für Jesiden aus dem Irak nicht zumutbar sei, in den früheren Verfolgerstaat zurückzukehren.

Aktuelle Situation

Die meisten Jesiden leben nach zehn Jahren noch immer in Flüchtlingslagern. Allerdings hat die irakische Regierung angekündigt, die Unterstützung für die Camps einzustellen. Was dann aus den Geflüchteten wird, ist ungewiss. Ohne die Camps drohen sie laut Stefanie Brüschke obdachlos, mittellos und schutzlos zu werden, und ihre Schulen und ihre Gesundheitsversorgung zu verlieren.

LZ aktuell
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Lahr Montag bis Samstag im kompakten Überblick.