Austausch im Rathaus: So kann Mühlenbach barrierefreier werden

Kai Beneke (von links), Helga Wössner und Hans-Peter Matt
Benz„Wir alle werden älter. Früher oder später steht jeder vor einer Barriere, die ihn oder sie einschränkt“, machte Kai Beneke am Montag im Trauzimmer des Rathauses deutlich, weshalb das Thema Barrierefreiheit alle Menschen betrifft.
Der 43-Jährige hat 2021 die Diagnose Multiple Sklerose erhalten, mit sehr aggressivem Verlauf. Die chronischentzündliche, neurologische Autoimmunerkrankung hat ihn in den Rollstuhl gezwungen, verbale Kommunikation ist nur noch über einen Sprachcomputer möglich. „Da wurde mir bewusst, Barrierefreiheit ist kein Randthema.“
Schon vor einiger Zeit hat er Kontakt mit Mühlenbachs Bürgermeisterin Helga Wössner aufgenommen, zunächst weil der geschotterte Zugang zum Friedhof für Menschen im Rollstuhl unpassierbar gewesen sei. Dort sei durch Pflastern der Fläche schnell Abhilfe möglich gewesen, berichtete Wössner. Doch gebe es im Dorf noch viele weitere Barrieren, nicht nur für körperlich eingeschränkte Menschen, sondern auch für Familien mit kleinen Kindern, die – teils einfach, teils schwieriger – zu beseitigen seien.
Friedhof war nur schwer erreichbar
Mit Beneke sei die Idee zum runden Tisch entstanden, der erstmals stattfand und mindestens einmal im Jahr wiederholt werden soll. Ebenfalls dabei war Hans-Peter Matt aus Schnellingen, der sich mit seinem Büro MAHP seit mehr als 20 Jahren mit der Planung und Gestaltung von barrierefreien und generationenübergreifenden Lösungen beschäftigt.
„Für mich ist es sehr wertvoll, wenn ein Betroffener Bedürfnisse äußert“, machte Wössner deutlich. Das gelte auch für andere Bereiche, beispielsweise sei es sinnvoller, wenn Jugendliche konkret sagen, was sie brauchen, als wenn eine Initiative von der Gemeinde kommt.
Beneke hatte einige konkrete Beispiele aus Mühlenbach mitgebracht, wo es aus seiner Sicht noch Verbesserungsbedarf gibt. So gebe es zwar beispielsweise eine Rampe ins Clubheim, die sei für den Rollstuhl aber zu schmal. Ebenfalls zu schmal sei der Gehweg entlang der B 294 am Ortseingang von Haslach kommend. Problematisch sei auch, wenn auf dem Gehweg geparkt werde, weil Rollstuhlfahrer, aber auch Familien mit Kinderwagen dann gezwungen seien, auf die Straße auszuweichen.
Schon „Kleinigkeiten“ wie Handläufe können hilfreich sein
Im Rathaus behelfe man sich damit, dass aufs ebenerdig erreichbare Trauzimmer ausgewichen werde, ergänzte Wössner. Für manche Dienste, etwa das Erstellen von Personalausweisen, müssten Personen, für die die Rathaustreppe nicht passierbar ist, aber nach Haslach gehen. Hinzu kämen viele Kleinigkeiten, angefangen über Sitzgelegenheiten, Handläufe, Beleuchtung bis hin zu abgesenkten Bordsteinen, die eingeschränkten Menschen das Leben leichter machen würden.
Um sich ein Bild davon machen zu können, wo es noch hakt, ist eine Ortsbegehung gemeinsam mit Beneke vorgesehen. Matt riet dazu, eine Prioritätenliste zu erstellen, die aus der Schublade geholt werden könne, wenn es sich gerade anbiete. Als Beispiel nannte er die Tiefbauarbeiten im Rahmen des Glasfaserausbaus. Da hätte es sich angeboten, den einen oder anderen Bordstein abzusenken. Auf diese Weise könnte die Barrierefreiheit verbessert werden, ohne dass zusätzliche Kosten entstehen.
„Man muss das Thema rund denken“, betonte Matt. „Das geht bis hin zu den Handwerks- und Industriebetrieben, die dringend Mitarbeiter suchen, aber vielleicht niemanden finden, weil die Verwaltungsräume nicht barrierefrei zugänglich sind“, verdeutlichte er. „Man sucht händeringend Leute, leistet sich aber keine barrierefreie Verwaltung.“
Auch der Öffentliche Personennahverkehr gehöre in die Überlegungen. „Eigentlich sollten sich alle Bürgermeister in der Raumschaft dafür einsetzen, dass die Taktungen besser werden und die Bahnhöfe barrierefrei zugänglich sind“. Matt warb dafür, sich besser zu vernetzen und kommunenübergreifender zu denken. Wichtig sei auch, dass die Gemeinde-Internetseite barrierefrei sei, sprich, dass auch ein Blinder damit zurechtkomme. Er riet dazu, sie gezielt von einer betroffenen Person überprüfen zu lassen.
Es gibt noch viel zu tun
Vor knapp 15 Jahren sei man in der Thematik schon weiter gewesen, damals wurden gerade in Mühlenbach mehrere Projekte im Rahmen des Leader-Projekts „Schwarzwald barrierefrei“ umgesetzt, etwa das barrierefreie Wegeleitsystem. Matt bedauerte, dass es damals nicht gelungen ist, die einheitliche Beschilderung flächendeckend umzusetzen, da sich nur eine Hand voll Kommunen beteiligt hatten. Er wies darauf hin, dass es über Leader auch Fördermöglichkeiten für Projekte gebe, etwa, wenn jemand seine Ferienwohnung barrierefrei umbauen möchte – und diese könne dann irgendwann später vielleicht auch als Leibgeding für die eigenen Senioren am Hof dienen. Wössner will nun möglichst bald die Ortsbegehung initiieren und auf Anregung von Matt im Vorfeld einen Aufruf im Bürgerblatt veröffentlichen, dass Barrieren gemeldet werden. So sollen unterschiedlichste Personenkreise erreicht werden.