Weitinger „Bettschoner“
: Der „Lugebeutel“ ist wieder auferstanden

Der Weitinger Narrenverein „Bettschoner“ bekommt zu seinen bisherigen Gruppen einen alten Bekannten als weiteren Zuwachs. Vom Narrenring ist er bereits durchgewunken worden.
Von
Hermann Nesch
Oberndorf
Jetzt in der App anhören

Die neue und neunte Narrenfigur des Weitinger Narrenvereins „Bettschoner“, der „Lugebeutel“, mit Pascal Schmitt, Leiter der Arbeitsgruppe „Brauchtum“, umgeben von der historischen Fahne von 1928 und der vor Mitternacht abgedeckten Uhr.

Hermann Nesch

Der Narrenverein „Bettschoner“ zählt über 550 Mitglieder, davon sind rund 250 aktive Masken- und Hästräger in insgesamt acht verschiedenen Narrengruppen: Bettschoner mit den langen Männern, Bettträger, Jaunerschecken, Blotzer, Urnburghexen, Kanoniere, Tanzgarde und Narrenrat. Und nun gesellt sich als neunte Narrengruppe der „Lugebeutel“ hinzu.

Anläufe für die neue Laufgruppe gibt es schon zu Zeiten von Narrenpräsident Roland Schneider (1996-2004). Sie sollte es Älteren ermöglichen, noch etwas länger am aktiven Narrentreiben teilzuhaben. Es blieb jedoch beim vagen Gedankenspiel. Erst 2017 kam das Thema wieder in Fahrt, und nach einigen Treffen zur Ideenfindung, unter anderem mit Ehrenpräsident Jule Fischer und einigen Altvorderen, war schnell klar, es könnte in die Richtung einer Figur namens „Lugebeutel“ gehen.

Es gab bereits einen „Lugabeutel-Verein“

Schließlich gab es als Vorgänger der „Bettschoner“-Kameradschaft von 1930 bereits einen „Lugabeutel-Verein“, dessen Fahne aus dem Jahr 1928 ist noch erhalten. Aber Ringtreffen, Corona und der volle Jahreslaufalltag verzögerten die Verwirklichung weiter. Konkret wurde mit dem Zukunftsworkshop 2023. Denn die verschiedenen Narrengruppen waren voll und erzeugten lange Wartelisten, welche es dem Nachwuchs schwer machten, an ein Häs zu kommen.

Nun soll der „Lugebeutel“ also Entlastung bringen. Die Arbeitsgruppe „Brauchtum“ unter Federführung von Ex-Narrenpräsident Pascal Schmitt entwickelte dann die neue Figur, die inzwischen von der Brauchtumskommission des Narrenrings für gut befunden wurde.

Der Ursprung: Die neue Gruppe hat also einen historischen Bezug. Denn das wilde Fasnetstreiben wurde in Weitingen schon frühzeitig in geordnete Bahnen gelenkt.“. Die „Lugebeutel“ und später die „Bettschoner“ führten an den Fasnetstagen auf dem „Latschareplatz“ lustige und närrische Theaterstücke auf. Es waren junge Männer, die wegen der hohen Arbeitslosigkeit viel Zeit, aber wenig Geld hatten.

Mit großen Sprüchen und durch Aufsagen von witzigen Lügen vertrieb man sich die Zeit und konnte sich manches Freibier von betuchten Gästen in den Wirtschaften erschleichen. Wer aber vor Mitternacht nach Hause wollte, musste eine Runde Bier spendieren.

Da viele sich das nicht leisten konnten, blieb man meist bis zur Polizeistunde sitzen, was ihnen dann 1930 den Namen „Bettschoner“ einbrachte. Auch heute noch wird über die närrischen Tage der alte Brauch der „Lugebeutel“ mit viel Humor gepflegt. Die neue Figur soll an diese Ursprünge erinnern.

Noch ist die Gruppe im Aufbau. Beim Ringtreffen in Empfingen soll er bereits auf großer Bühne vorgestellt werden und sich zeigen dürfen. Und natürlich auch beim örtlichen Fasnetsumzug.

Lugebeutel- oder Lugabeutel?

Wie schreibt man ihn nun? Im Hochdeutschen gibt es zwar den Lügenbeutel als Begriff für einen Lügner. Das hört sich irgendwie komisch an, Lügenbold schon etwas besser. Im Schwäbischen ist eher das Schimpfwort „Lugenbeutel“ zu hören, wobei in der Aussprache des „n“ entfällt. Aber schreibt man nun „Lugabeutel“ oder „Lugebeutel“? Lügt jemand, heißt es: „Des sich aber a Luge.“ Klingt also wie ein „e“ im Auslaut. Aber im Wortinneren klingt’s eher wie ein nasales „a“, wie bei Fasnet oder Hoamet. Oder man schreibt am besten, wie man’s spricht: „Lugabeidl“. Aber auf der Fahne von 1928 steht „Lugebeutel-Verein“, also bleibt’s aus historischen Gründen bei dieser Schreibweise.

Das Häs

Da der „Lugebeutel“
als junger Mann aus ärmlichen, bäuerlichen Verhältnissen zu sehen ist, ist sein Erscheinungsbild männlich. Um aber den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 100 Jahre Rechnung zu tragen, dürfen in die närrische Rolle des „Lugebeutels“ auch Frauen schlüpfen. Der Rollentausch gehört ja seit eh und je zur Fasnet.

Die Hose
aus grobem grauen Cord mit Flicken wird von Hosenträgern gehalten. Die zu kurzen Hosenbeine stehen sinnbildlich für das Sprichwort „Lügen haben kurze Beine“.

Dazu trägt er halbhohe schwarze Arbeitsschuhe
, aus Wollresten gestrickte Socken, ein beiges Leinenhemd und einen halblangen schwarzen Mantel mit verschiedenfarbigen Flicken. Hinzu kommen ein buntes Halstuch, schwarze Wollhandschuhe und ein dunkler Schlapphut mit langen Federn als vermeintliches Statussymbol, das über seinen „niederen“ Rang hinwegtäuschen soll.

Außerdem trägt er
einen hölzernen Laufstock über der Schulter, der an einen Wander- oder Zunftstock erinnert. An dessen Ende hängt ein leinener „(Lugen-)Beutel“, aus dem kleine und auf Papier gedruckte Geschichtle herausquellen, von denen man nie genau weiß, ob diese echt oder erstunken und verlogen sind. Auf dem Beutel ist das Ortswappen mit Arm und schwarzem Schaf aufgemalt. Außerdem verschafft ihm eine daran befestigte offene Schafsglocke unüberhörbar Aufmerksamkeit und kündigt an, dass jetzt ein Narr kommt und andere Regeln gelten.

Der „Lugebeutel“ trägt keine Holzmaske
, sondern nur eine hölzerne Nase. Diese symbolisiert die Geste, „jemandem eine lange Nase machen“, um diesen zu verspotten. Der „Lugebeutel“ ist trotzdem oder gerade deshalb eine ehrliche Haut. Was er sagt und tut, hat Hand und Fuß. Er achtet die Obrigkeit, versucht dieser aber immer wieder eine lange Nase zu machen und ihr spitzbübisch den Narrenspiegel vorzuhalten.

Der KreisLetter
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Freudenstadt Montag bis Samstag im kompakten Überblick.