Podium Ergenzingen
: Mit Eigeninitiativen Türen für Integration öffnen

„Entschlossen Vielfalt leben“ war das Thema einer Podiumsveranstaltung am Dienstag im Adolph-Kolpingsaal in Ergenzingen.
Von
Marzell Steinmetz
Rottenburg-Ergenzingen
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Um das Thema Vielfalt in der Gesellschaft ging es bei der Diskussionsveranstaltung der Ergenzinger Kolpingsfamilie und des Integrationsbeirats Rottenburg. Von links: Catrin Kläger, Fars Andeghergis, Claudia Hofrichter, Petra Preunkert-Skalova, Pietro Scalera und Volkmar Raidt.

Um das Thema Vielfalt in der Gesellschaft ging es bei der Diskussionsveranstaltung der Ergenzinger Kolpingsfamilie und des Integrationsbeirats Rottenburg. Von links: Catrin Kläger, Fars Andeghergis, Claudia Hofrichter, Petra Preunkert-Skalova, Pietro Scalera und Volkmar Raidt.

Marzell Steinmetz
  • Podium in Ergenzingen diskutierte Integration – Fokus auf respektvolles Miteinander.
  • Sprache gilt als größte Hürde, besonders am Arbeitsplatz mit vielen Nationen.
  • Beispiele für Alltagsdiskriminierung betrafen Mütter und geflüchtete Kinder.
  • Forderungen: leichtere Anerkennung von Abschlüssen und strengere Antidiskriminierung.
  • Vorschläge reichten von Patenschaften und Vereinsanbindung bis zum Schulfach „Vielfalt“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Claudia Hofrichter von der Kolpingsfamilie und der Vorstand des Rottenburger Integrationsbeirats, Pietro Scalera, hatten dazu kundige Gäste geladen.

Moderatorin Claudia Hofrichter stellte, wie immer bei solchen Kolpings-Gesprächsrunden, einen biblischen Gedanken an den Anfang. Diesmal war es die Arche Noah als Sinnbild für Vielfalt. Darüber konnten auch die Gesprächspartner am Tisch vieles sagen – aus ihrem beruflichen Alltag heraus, aber auch privat. Am Tisch saßen Catrin Kläger, Geschäftsführerin der Kinder und Jugendhilfe MOKKA e.V. Rottenburg, Fars Andeghergis, Antidiskriminierungsberater bei adis e.V., Petra Preunkert-Skalova, Leiterin der katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Tübingen, sowie Volkmar Raid, Personalrat an der Uniklinik Tübingen und Rottenburger Gemeinderat.

Wie kann ein respektvolles Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft gelingen? Das war die zentrale Frage des Abends. Claudia Hofrichter schilderte die Szene, die sich kürzlich auf dem Parkplatz eines Lebensmittelmarktes abgespielt hat. „Sie solle sich um ihren kleinen Teufel kümmern“, hat eine Frau eine Mutter beschimpft - ein Fall erschreckender Alltagsdiskriminierung. Dass davon nicht nur Erwachsene mit Migrationshintergrund, sondern auch Kinder betroffen sind, bestätigte Catrin Kläger. Sie erzählte, wie ein Mädchen, das mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet war, als einzige in ihrer Schulklasse nicht zu einer Kindergeburtstagsparty eingeladen worden ist. Für das Mädchen sei es eine dramatische Erfahrung gewesen, nicht dazu zu gehören und keine Freunde zu finden.

Größte Herausforderung ist die Sprache

Die größte Herausforderung, sich zu integrieren, ist allerdings die Sprache. Darin waren sich die Diskussionsteilnehmer einig. Verständigung muss vor allem auch am Arbeitsplatz funktionieren. „Da gibt es immer wieder Schwierigkeiten“, berichtete Volkmar Raidt. An der Universitätsklinik seien Menschen aus 100 bis 130 Nationen beschäftigt. Da träfen kulturelle Unterschiede aufeinander. Viele ausländische Beschäftigte seien allein nach Deutschland gekommen und hätten Heimweh. Es bildeten sich teilweise Parallelgesellschaften. Wenn jemand wegen eines Fehlers die Arbeit verliere, werde er allein gelassen. Stattdessen sollte er beraten werden, wie es es weitergehen könne. Viele unterschätzten auch das teure Leben in Deutschland, vor allem wenn sie eine Wohnung bräuchten. Raidt sieht Lücken im System: Man könne nicht nur Leute nach Deutschland holen, sondern sollte auch dafür sorgen, dass sie hier eine Heimat fänden. Für Catrin Kläger ist ein wichtiger Aspekt dabei, dass die Spiel- und Verhaltensregeln vermittelt werden. Petra Preunkert-Skalova würde sich wünschen, dass für Menschen aus dem Ausland bei der Arbeitsplatzsuche die Hürden nicht so hoch wären, etwa indem ihre Berufsabschlüsse anerkannt würden.

Fars Andeghergis, dessen Eltern aus Eritrea stammen, weiß nur zu gut von den Folgen, die Benachteiligungen mit sich bringen. „Wenn man keine Sicherheit hat, hier bleiben zu können, dann fehlt die Motivation, etwas aufzubauen“, erklärte er die schwierige Situation von Asylsuchenden. Das führe bei ihnen oft zur Verzweiflung.

Viele Diskriminierungsfälle zu bearbeiten

An seiner Beratungsstelle bearbeitet Andeghergis viele Diskriminierungsfälle. So würden Aufenthaltsrechte mit Sprüchen wie „das ist nicht deine Heimat“ in Frage gestellt, von Remigration sei die Rede. Andeghergis führte das auf die politischen Debatten zurück.

Viele Betroffene wehrten sich zwar, doch die Dunkelziffer sei trotzdem sehr hoch. Wenn dann noch, wie Petra Preunkert-Skalova ergänzte, der Zusammenhang von Asyl und Kriminalität hergestellt werde, „kocht das emotional auf“.

Über die Vielfalt in der Gesellschaft sprachen (von links): Catrin Kläger, Fars Andeghergis, Petra Preunkert-Skalova,und Volkmar Raidt.

Über die Vielfalt in der Gesellschaft sprachen (von links): Catrin Kläger, Fars Andeghergis, Petra Preunkert-Skalova,und Volkmar Raidt.

Marzell Steinmetz

Muss derjenige, der kein Bleiberecht hat, die EU verlassen?, wollte Moderatorin Claudia Hofrichter wissen? Raidt hat dazu eine klare Meinung: Man sollte diffenzieren. „Wer sich integriert und Arbeit hat, soll auch das Bleiberecht erhalten“, meinte er. Eine Abschiebung finde er hier nicht in Ordnung – da bliebe die Menschlichkeit auf der Strecke. Wer jedoch kriminell sei, Arbeit und Integration verweigere oder sogar für ein Kalifat und die Scharia auf die Straße gehe, denen sollte gesagt werden, dass sie wieder zurückkehren sollten. „Das akzeptiere ich nicht“, betonte er.

Ausweisungen seien bei „MOKKA“ ein extrem emotionales Thema. „Da gibt es im Verein auch Tränen“, sagte Catrin Kläger. Kinder würden verängstigt, sie gingen nicht mehr zur Schule, weil sie befürchteten, dass ihre Eltern dann ohne sie weg seien. Ihre große Sorge ist nun, dass bei der Kinder- und Sozialarbeit finanzielle Mittel gespart würden. Dennoch werde der Verein dran bleiben, für Kinder und Jugendliche sichere Orte zu schaffen.

Paten sind eine gute Möglichkeit

Wie viel Migration eine Gesellschaft verträgt, das konnte Volkmar Raidt nicht so ohne weiteres beantworten. Da müsste man schon in die Glaskugel schauen. Integration kann seiner Ansicht nach jedoch gelingen, etwa bei Festivitäten wie dem „Fest der Nationen“ in Rottenburg. Man müsse ins Gespräch kommen. Für Petra Preunkert-Skalova hängt das Miteinander von der Art und Weise ab, „wie wir auf die Menschen zugehen und sie mitnehmen“. Neuankömmlinge in Deutschland in einen Verein, in die Kirche einzuladen oder beim Stocherkahnfahren mit ins Boot zu holen, schaffe bei ihnen Vertrauen und das Gefühl, dass sie willkommen seien. Statt auf belehrende Bildungsangebote setzt sie auf Eigeninitiativen wie Hausaufgabenhilfe oder Begleitung bei Behördengängen. Nach der Flüchtlingswelle 2015 seien Familien Paten zugeordnet worden. Catrin Kläger sah dies nach wie vor als eine gute Möglichkeit an, Beziehungen aufzubauen.

Die letzte Frage an alle lautete: Welche Veränderung in Bezug auf Vielfalt sollte, unabhängig von Geld, sofort umgesetzt werden? Petra Preunkert-Skalova würde am liebsten alle Menschen, egal ob Christen, Muslime oder andere Religionsangehörige, an einen Tisch setzen. Volkmar Raidts unerfüllbarer Traum wäre, dass die Menschheit nur eine Sprache hätte. Catrin Kläger würde das Unterrichtsfach „Vielfalt“ in der Schule einführen, und Fars Andeghergis sprach sich für strengere Antidiskriminierungsgesetze aus.

Die Veranstaltung hat bei einem der rund 30 Zuhörer die Erkenntnis gebracht, dass man im Umgang mit Vielfalt selber tätig werden müsse und dies nicht den Institutionen überlassen dürfe.

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