Nachtwächter auf Abschiedstour: Noch einmal Schmäh aufs Horber Rathaus

Zum Abschied erhielten die Horber Nachtwächter Joachim Lipp, Heinrich Raible und Bruno Springmann (von links) ein besonderes Geschenk aus der Alpirsbacher Brauwelt.
Kultur- und MuseumsvereinVereinskassierer Stefan Reichel zählte beim Spendenhammelsprung an der Stiftskirchenmauer 220 Personen, die den drei Horber Nachtwächtern bei ihrem letzten Umgang durch die Oberstadt folgten. Fast ebenso viele Teilnehmer hatten sich vor 20 Jahren bei der ersten Horber Nachtwächterführung vor dem Rat- und Wachthaus eingefunden.
Während der zweistündigen Führung durch die Oberstadt war des Öfteren lautes Lachen und Szenenapplaus zu hören. „Heute zählt der Schüttebergausläufer, der einst alles trug, was der Neckarstadt zu Rang und Namen verholfen hat, dank einer weitsichtigen Stadt- und Veranstaltungsplanung zu den Lost Places von Horb“, merkt der Kultur- und Museumsverein ironisch an.
Für das erste Gelächter sorgten die Nachtwächter mit folgender Erkenntnis: „Normalerweis’ legt sich d’ Armut äll 50 Johr vor a andere Haustür, bloß vor em Horber Rathaus do isch se liega blieba.“ Und weil in Horb die Nachtwache seit 1937 von der Polizei gehalten werde, dürfe man zu jedem Horber Polizisten ungestraft „Nachtwächter“ sagen.
Noch einmal spukt die „Weiße Frau von Horb“
Stefan Reichel brachte vor dem Geßlerschen Amtshaus 220 Lacher auf seine Seite, als er in Gestalt der Weißen Frau aus dem Fenster mit der schönen Aussicht den Bottschamber (Nachttopf) ausleerte. Auf den Treppen des Gasthauses Schiff berichteten die Nachtwächter, wie dort einer ihrer Kollegen mit seinem Stundenruf den frisch vermählten Bräutigam in der Hochzeitsnacht ziemlich in die Bredouille brachte.
Im Lotzerjahr 2025 machten die Nachtwächter Station am Sebastian-Lotzer-Denkmal, das zu ihrer Freude vom Flechtenbefall befreit worden ist und nun wieder in neuem Glanz erstrahlt.
Augenzwinkernde Stichelei gegen Freudenstadt
Vor dem ehemaligen Franziskanerinnenkloster feuerten die Nachtwächter wieder einmal ihre zynischen Breitseiten in Richtung Kreisstadt ab: „Wer oa Johr lang z’ Freidastadt g’wohnt hot, deam g’fällt ’s überall uf dera Welt.“ Und weil das Schönste an Freudenstadt der Omnibus nach Horb sei, sangen die Nachtwächter am Schüttetörle das Horber Lied, welches an die Zeit der Koalitionskriege erinnert, als französische Revolutionstruppen mehrfach in die Stadt Horb einmarschierten.
Horb ist herb – das sagt ein deftiger Vergleich
Im Burggarten wurden Verse vorgetragen, die der verkrachte Nordstetter Student Johann Baptist Kiefer in einer Gefängniszelle des Schurkenturms gedichtet hatte. Die Nachtwächter merkten dazu noch an: „Horb isch herb! Aus amma Scheißhafa wird nia a Suppaschissl.“
Vorbei am Dominikanerinnenkloster ging es zur Stiftskirche, wo Joachim Milles eigens noch einmal die Zehnuhrglocke ertönen ließ und Nachtwächter Raible den Gebrauch einer Nachtwächterkontrolluhr demonstrierte. Nach der Rückkehr zum Wachthaus erklärten die Nachtwächter mit ihrem Kurs Altschwäbisch für Freudenstädter noch den schwierigen Gebrauch der Präpositionen „denna“, „dussa“, „henna“ und „hussa“.
Zum Schluss bedankten sich die drei Herren bei Stefan Reichel, der in den 20 Jahren ein ständiger Begleiter gewesen ist, bei den Waschweibern Katja Müller, Doris Horschig-Ladenburger, Jacqueline Reichel und Desiree Haug, bei dem bierkundigen Mönch Hartmut John sowie bei Brigitte Hellstern, die Horbs einzigem Gespenst den Zugang zum Geßlerschen Amtshaus ermöglichte. Das Horber Dreigestirn verabschiedete sich unter riesigem Beifall zum letzten Mal mit der Horber Devise: „Zu dridd schaffa, zu zwoid schlofa, alloi ärba.“